Europa trauert
14. September 2001
Am Freitag werden sie drei Minuten lang in der ganzen europäischen Union der Opfer des Terrors in den USA gedenken. Und diese Trauer zeigt eins: über alle geographischen und ideologischen Grenzen hinweg fühlen die Europäer in diesen Tagen sich den Amerikanern nahe. Vergessen ist in diesen Terrortagen die Rivalität zwischen dem alten Kontinent und der Neuen Welt, vergessen ist das selbstverständliche Konkurrenzdenken. Die erst brennenden, dann zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers haben die Allianz zwischen den USA und Europa gestärkt.
Verletzlichkeit der "offenen Gesellschaft"
Und auch in Europa sind die sonst üblichen Dissonanzen und Differenzen beiseite geräumt worden. Die EU findet in diesen Tagen zu jener Geschlossenheit und zu jener Einheit, von denen sie im Alltag meist nur träumen kann. Frankreich, Deutschland, England, Italien, Spanien - sie alle sind solidarisch mit den Vereinigten Staaten von Amerika, und sie sind es aus tiefer Überzeugung. Die Verletzlichkeit, die Verwundbarkeit einer modernen, einer demokratischen, einer zivilen, einer offenen Gesellschaft - sie betrifft ja auch die Europäer. Sie ahnen, was in New York und Washington und Pittsburgh möglich war, das kann auch in London, Paris oder Berlin passieren. Selbst wenn die USA der "große Teufel", die Verkörperung des Bösen schlechthin in so manchem Land der Dritten und der Vierten Welt sind, die europäischen Demokratien - global wirtschaftlich orientiert und säkular - können auch zum Ziel von Attentaten und Anschlägen werden.
Deswegen sind die Europäer nicht nur aus tiefer Betroffenheit, sondern auch aus politischer Überzeugung den Amerikanern zur Seite getreten. Der Beistandsfall der NATO signalisiert das in außergewöhnlicher Art und Weise. Denn selbst wenn Washington - was mehr als wahrscheinlich ist - allein gegen möglicherweise schuldige Fundamentalisten handelt, so stehen die 18 Partner der Allianz jetzt in der politischen Mitverantwortung und Mithaftung. Und das tun sie aus begründeter Überzeugung. Sicherheit ist heutzutage nicht teilbar. Und den Kampf gegen den Terrorismus kann niemand unter den Demokratien allein gewinnen. Beistandspflicht ist da selbstverständlich.
Gesichtslose Gefahr
Noch vor wenigen Monaten haben in Brüssel viele gelächelt, als die Amerikaner ihre Sicht neuer, bedrohlicher Herausforderungen beschrieben haben. Niemand wollte so recht an die tödliche Gefahr des Terrorismus glauben, an den Export mörderischer Auseinandersetzungen in die Metropolen des Westens. Die USA haben aus ihrer Sicht den Schluss daraus gezogen, sich ein Abwehrschirm für Raketenangriffe zuzulegen. Die Attentate von New York und Washington zeigen, dass die Idee des Abwehrschirms zu kurz greift. Aber: ganz plötzlich hat die Allianz begriffen, dass die USA mit ihrer Analyse der Bedrohungspotentiale recht hatten. Die Gefahr kommt von anonymen, von gesichtslosen, weltweit operierenden Fanatikern mit außergewöhnlicher Logistik, stupendem technischen Know-how und genügend Geld. Und die Geheimdienste können in diese Zirkel anscheinend nicht eindringen. Nebenaspekt des Schreckens von 11. September: schlagartig beginnt man in Europa und auch in den USA den Schock der Russen nach den vermutlich von Tschetschenen verübten Anschlägen in Moskau oder anderswo besser zu begreifen.
Doch gerade der vergebliche Kampf Moskaus gegen die Tschetschenen zeigt dem Westen auch die Grenzen auf. Man kann vielleicht die Hauptverantwortlichen für einen Anschlag dingfest machen, man kann Länder, die Terroristen ausbilden und schützen, isolieren, man kann mit militärischen Mitteln vorgehen - doch statt schneller Erfolge muss man sich da wohl auf lange zermürbende Abnützungskriege einstellen. Doch über diese bittere Einsicht hinaus, herrscht am Ende der Woche in Europa eine Stimmung: Trauer über die Opfer, und Mitgefühl mit einer Supermacht, die erleben musste, wie verwundbar sie ist.