European Film Awards: Wer braucht noch Hollywood?
17. Januar 2026
Das europäische Kino erlebt einen besonderen Moment - einen, der nicht von Spielzeugfirmen oder Marketingabteilungen bestimmt wurde: Während große Teile Hollywoods weiter auf Fortsetzungen, Superhelden und Horrorfilme setzen, kommen die spannendsten Filme des vergangenen Jahres aus Europa. Es sind keine Fantasien aus Comics, Spielzeugwelten oder Videospielen. Sondern anspruchsvolle Geschichten für Erwachsene.
Diese Filme trauen ihrem Publikum etwas zu. Sie gehen davon aus, dass Zuschauer Mehrdeutigkeit aushalten können. Dass sie mit moralischem Unbehagen leben können. Und dass nicht jede Frage am Ende beantwortet werden muss. Diese Filme wollen nicht gefallen. Sie wollen herausfordern.
Genau diese Haltung prägt die diesjährigen European Film Awards (EFA), Europas wichtigsten Filmpreis. Die Verleihung findet am 17. Januar in Berlin statt. Die nominierten Filme - aus Frankreich, Deutschland, Spanien, Skandinavien und anderen Ländern - verbindet ein Ernst, der im US-Mainstream-Kino selten geworden ist. Viele sind formal mutig, manche verstörend, fast alle unverblümt politisch. Und erstmals seit Jahren spielen mehrere von ihnen auch in der internationalen Award-Saison eine wichtige Rolle, bis hin zu den Oscars.
Jafar Panahis politischer Thriller
Ganz vorne dabei ist Jafar Panahis iranisch-französischer Film "Ein einfacher Unfall". Ein Film, der schwarze Komödie und politische Satire mit moralischer Unerbittlichkeit und dem Tempo eines Hitchcock-Thrillers verbindet. Die Ausgangslage ist einfach: Vahid, ein ehemaliger politischer Gefangener, glaubt, seinen früheren Folterer wiederzuerkennen. Aus einem Impuls heraus entführt er den Mann und fährt mit ihm in die Wüste, um ihn lebendig zu begraben. Doch Vahid waren im Gefängnis immer die Augen verbunden worden. Er kann nicht sicher sein, ob er den richtigen Mann erwischt hat.
Also fährt er mit dem gefesselten Mann im Transporter durch die Stadt und sammelt andere ehemalige Häftlinge ein. Gemeinsam diskutieren sie, ob sie Rache üben oder Gnade walten lassen sollen.
Daraus entsteht ein düsteres, oft bitter-komisches Roadmovie. Panahi drehte den Film, nachdem er selbst sieben Monate wegen angeblicher "staatsfeindlicher Propaganda" im Gefängnis gesessen hatte. Der Film ist wütend, aber nie platt. Politisch klar, aber nicht belehrend.
Angesichts der aktuellen Proteste im Iran ist der Film schmerzhaft aktuell. Panahi wurde inzwischen in Abwesenheit zu einem weiteren Jahr Haft und einem Arbeitsverbot verurteilt. Trotzdem hat er angekündigt, nach dem Festival- und Preiszyklus in den Iran zurückzukehren - egal, was passiert.
Kino am Ende der Welt
Wenn "Ein einfacher Unfall" ein Politthriller ist, der sich als moralisches Gedankenexperiment tarnt, dann ist Óliver Laxes "Sirāt" etwas Fremderes, Elementareres. Der Film beginnt als Suchgeschichte: Ein Vater sucht seine verschwundene Tochter, die in der Underground-Rave-Szene Marokkos untergetaucht ist. Dann taucht plötzlich das Militär auf. Eine Art globaler Konflikt - vielleicht der Dritte Weltkrieg - scheint begonnen zu haben, auch wenn der Film nie erklärt, was genau geschehen ist. Der Vater, sein kleiner Sohn und eine Gruppe Raver fliehen in ihren Campervans in die Wüste, ihr Ziel ist eine geheimnisvolle Rave-Party.
Was folgt, ist ein nervenaufreibender Genre-Mix: teils postapokalyptischer Verfolgungsfilm, teils existenzieller Thriller, angetrieben von einem unerbittlichen Techno-Soundtrack des in Berlin lebenden Elektronikmusikers Kangding Ray. Man könnte sagen: "Lohn der Angst" trifft auf "Mad Max", aber ohne Zynismus und mit einem seltsam spirituellen, psychedelischen Unterton.
Leise Töne von Mensch zu Mensch
Andere EFA-Filme setzen auf leisere Mittel. In Joachim Triers "Sentimental Value" spielt Stellan Skarsgård - der für diese Rolle gerade einen Golden Globe gewonnen hat - einen einst gefeierten Regisseur in einer Lebenskrise. Er versucht, die Beziehung zu seiner entfremdeten Tochter zu retten, die selbst inzwischen ein Filmstar geworden ist. Sein Plan ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Er schreibt einen Film für sie, auch um seine Karriere wieder anzukurbeln. Sie lehnt ab - und er denkt nun darüber nach, eine amerikanische Schauspielerin zu besetzen und das Projekt auf Englisch umzuschreiben.
Der Film blickt kritisch auf die Filmbranche, ist aber vor allem persönlich. Er zeigt, wie Kunst Dinge ausdrücken kann, die Menschen sich nicht direkt sagen können. Der Film gewann den Großen Jurypreis in Cannes - leise, aber nachhaltig.
Geschichte aus weiblicher Sicht
Auch Mascha Schilinskis "In die Sonne schauen" stellt Menschen und Gefühle in den Mittelpunkt - auf einer größeren historischen Ebene. Der Film erzählt ein Jahrhundert deutscher Geschichte über vier Generationen von Frauen - alle leben auf demselben ländlichen Bauernhof. Die Bilder sind streng, fast karg, und erinnern an Michael Hanekes "Das weiße Band", oder an Edgar Reitz' "Heimat"-Filme. Der Film wirkt altmodisch, zugleich auch radikal, indem Schilinski weibliche Lebensgeschichten in den Mittelpunkt stellt - übersehene, vergessene Figuren der Geschichte. Und damit betritt sie Neuland.
Was diese Werke - und viele weitere EFA-Nominierte - verbindet, ist ihr klarer politischer Blick. Petra Volpes "Heldin" begleitet eine Krankenschwester durch eine einzige erschöpfende Nachtschicht - und macht den Pflegenotstand körperlich spürbar. Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" erzählt die erschütternde wahre Geschichte eines getöteten Mädchens in Gaza - ohne Distanz, ohne tröstliche Abstraktion. Selbst Yorgos Lanthimos' "Bugonia" nutzt Verschwörungstheorien nicht zur Realitätsflucht, sondern als Gesellschaftssatire.
Von Europa nach Los Angeles
Dass solche Filme - intelligent, radikal und herausfordernd - von der European Film Academy ausgezeichnet werden, ist nichts Neues. Diese Art von Kino gehört seit jeher zur Identität der EFA. Neu ist in diesem Jahr, wie weit diese Filme über Europa hinausreichen. Mascha Schilinski hat Oscar-Chancen, auch "Ein einfacher Unfall", "Sirāt" und "Sentimental Value" gelten als ernsthafte Oscar-Kandidaten - nicht nur in der Kategorie Internationaler Film, sondern auch für Regie und sogar den besten Film. Zwei EFA-nominierte Animationsfilme, die handgezeichneten französischen Werke "Arco" und "Little Amelie or the Character of Rain", zählen ebenfalls zu den Favoriten der Academy. Längst also hat das europäische Kino seinen Ruf, zu spröde, zu politisch oder zu nischig zu sein, abgelegt. Zuschauer glauben zunehmend wieder daran, dass Kino mehr sein kann als nur Popcorn-Spektakel.
Am 16. Januar um 15:45 Uhr MEZ diskutieren Jafar Panahi, Óliver Laxe, Mascha Schilinski und Joachim Trier in einer Talkshow von DW, The Hollywood Reporter und der European Film Academy. Die Veranstaltung wird live bei Youtube auf DWs History-and-Culture-Kanal gestreamt.
Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch