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KonflikteNahost

Evakuierungen in Rafah: Auftakt für israelische Offensive?

6. Mai 2024

100.000 Menschen sollen den Osten von Rafah im südlichen Gazastreifen verlassen. Israel will, dass sich die Einwohner ins Al-Mawasi-Lager begeben. Dort gebe es eine "erweiterte humanitäre Zone".

Schon seit Tagen verlassen Bewohner von Rafah die an der Grenze zu Ägypten gelegene Stadt
Schon seit Tagen verlassen Bewohner von Rafah die an der Grenze zu Ägypten gelegene StadtBild: Mohammed Abed/AFP/Getty Images

Vor einem erwarteten Militäreinsatz hat Israels Armee mit der Evakuierung der Stadt Rafah im südlichen Gazastreifen begonnen. Das Militär rief die Einwohner des östlichen Teils der Stadt an der Grenze zu Ägypten dazu auf, sich in das einige Kilometer nördlich gelegene Al-Mawasi-Lager am Mittelmeer zu begeben.

Betroffen sind schätzungsweise 100.000 Menschen, wie ein Militärsprecher sagte. Sie wurden demnach per SMS, Telefon sowie mit Flugblättern und über arabischsprachige Medien informiert.

Keine Angabe über Dauer der Evakuierung

Indirekte Verhandlungen Israels mit der islamistischen Terrororganisation Hamas in Kairo über eine neue Feuerpause und die Freilassung von Geiseln im Gegenzug für palästinensische Häftlinge waren zuvor ohne Ergebnis geblieben. Es handele sich jetzt um einen "begrenzten Einsatz" in Rafah, so der israelische Militärsprecher.

Die Bewohner sollten sich in eine "erweiterte humanitäre Zone" im Bereich Al-Mawasi begeben. Dort gebe es Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente. Israels Armee habe dort auch Feldkrankenhäuser errichtet.

Der Sprecher konnte nicht sagen, wie viel Zeit die Menschen haben, um den Osten Rafahs zu verlassen. Er betonte, die Versorgung der Bevölkerung mit humanitären Hilfsgütern werde während des Räumungseinsatzes ungehindert weitergehen. Man könnte diese über verschiedene Routen in den Küstenstreifen bringen, etwa über den Hafen in Aschdod.

Das am Mittelmeer gelegene Flüchtlingslager Al-Mawasi in der Stadt Deir al-Balah Bild: Ramadan Abed/REUTERS

Israel will mit dem Militäreinsatz in Rafah die verbliebenen Bataillone der Hamas zerschlagen, die sie seit Oktober in dem Küstenstreifen bekämpft. Es werden auch Geiseln in der Stadt vermutet.

Israels Verbündete wie etwas auch die USA warnen seit Monaten eindringlich vor einer solchen Offensive in Rafah, weil sich dort Hunderttausende palästinensischer Binnenflüchtlinge drängen. Israel hält den Einsatz jedoch für unumgänglich, um eine Zerstörung der Kampffähigkeiten der Hamas sicherzustellen.

Anderenfalls könne die radikal-islamische Palästinenserorganisation nach Kriegsende wieder erstarken. Entsprechend hatte sich zuletzt der israelische Verteidigungsminister Joav Galant in einem Telefonat mit seinem US-Kollegen Lloyd Austin geäußert.

Nach Informationen des "Wall Street Journal" will Israel seine Bodenoffensive in Rafah in Etappen durchführen. Die US-Zeitung schreibt von zwei bis drei Wochen Evakuierung und sechs Wochen Offensive.

Bei Luftangriffen zerstörte Häuser in Rafah (am Sonntag): Letzte von der Hamas dominierte Stadt im GazastreifenBild: Abed Rahim Khatib/dpa/picture alliance

Ranghohe israelische Geheimdienst- und Militärbeamte waren im vergangenen Monat in Kairo unter anderem mit dem ägyptischen Geheimdienstchef zusammengetroffen, um Israels geplanten Einsatz seiner Armee in Rafah zu besprechen. Die Stadt gilt als die einzige im Gazastreifen, die noch vergleichsweise intakt ist. Ägypten befürchtet unter anderem, es könnte bei einem Einsatz Israels in Rafah zu einem Ansturm von Palästinensern über die Grenze kommen.

Drei israelische Soldaten getötet

Der Militärsprecher fügte hinzu, Israel habe am Sonntag eine "gewaltsame Erinnerung an die Präsenz und die operationalen Fähigkeiten der Hamas in Rafah erhalten". Mitglieder des militärischen Hamas-Arms hatten Raketen auf den israelischen Grenzübergang Kerem Schalom gefeuert und dabei drei Soldaten getötet.

Kerem Schalom ist der wichtigste Grenzübergang für die Lieferung von Hilfsgütern aus Israel in den Gazastreifen. Die Armee schloss ihn nach dem Raketenangriff vorübergehend für humanitäre Transporte. Das Militär bombardierte im Anschluss nach eigenen Angaben den Ort in der Nähe des Grenzübergangs Rafah zu Ägypten, von dem der Angriff ausgegangen war.

Heftige Kritik auch von EU und Deutschland

Die Hamas kritisierte unterdessen scharf den Beginn der Räumung von Rafah. Israel schädige damit alle Bemühungen, eine Waffenruhe zu erzielen, sagte Mahmud Merdawi, ein ranghohes Hamas-Mitglied. Der Schritt werde sich negativ auf die indirekten Verhandlungen auswirken und "katastrophale Auswirkungen" auf die örtliche Bevölkerung haben. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb im Onlinedienst X, der Aufruf der israelischen Armee lasse "das Schlimmste befürchten: mehr Krieg und Hunger". Israel müsse auf eine Bodenoffensive verzichten. Die EU müsse sich zusammen mit der internationalen Gemeinschaft dafür einsetzen, ein "solches Szenario" zu verhindern, so Borrell weiter.  

Auch die Bundesregierung bekräftigte ihre Warnungen vor den Folgen eines Militäreinsatzes der israelischen Streitkräfte in Rafah. In dem Gebiet hielten sich mehr als eine Million Menschen auf, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin. Eine groß angelegte Bodenoffensive gegen Rafah sei eine humanitäre Katastrophe, "und zwar eine humanitäre Katastrophe mit Ansage". Zugleich verurteilte die Ministeriumssprecherin fortgesetzte Angriffe der Hamas auf Israel aus dem Gazastreifen.

Der Krieg wurde durch den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober ausgelöst, bei dem nach israelischen Angaben etwa 1170 Menschen getötet und rund 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Israel geht seit der Attacke der Terrororganisation militärisch im Gazastreifen vor. Dabei wurden nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums inzwischen mehr als 34.600 Menschen getötet.

sti/AR/haz (afp, dpa, rtr)