1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikAsien

Exil-Uigure in Istanbul sucht inhaftierte Mutter

William Yang aus Taipeh
28. Juli 2020

Seit 2011 konnte ein Exil-Uigure in Istanbul problemlos seine Familie in Xinjiang besuchen. 2018 änderte sich die Lage plötzlich, als seine Angehörigen von der Bildfläche verschwanden, seine Mutter bis heute.

Jevlan Shirmemmet
Jevlan Shirmemmet und seine Mutter Bild: Jevlan Shirmemmet

Rund 25.000 Uiguren sind vor der Unterdrückung und Kontrolle ihres Volkes aus ihrer Heimat Xinjiang nach Istanbul in der Türkei geflüchtet. Viele berichten über abgebrochenen Kontakt zu Familienangehörigen in der Heimat.

Uiguren in der Türkei

04:00

This browser does not support the video element.

Sie gehen davon aus, dass diese Angehörigen in eines der Umerziehungslager in Xinjiang gebracht wurden. Das System der massenhaften Internierung dient der der chinesischen Führung seit etwa 2017 als Hauptinstrument zur Bekämpfung der "drei Übel - Terrorismus, Separatismus und Extremismus".

Zäsur 2018

Jevlan Shirmemmet studiert in Istanbul und jobbt als FremdenführerBild: Jevlan Shirmemmet

Jüngst hat die DW ein Mitglied der Uiguren-Gemeinschaft in Istanbul getroffen, der bereits seit 2011 dort lebt. Jevlan Shirmemmet berichtet, er sei damals als Gaststudent nach Iststanbul gekommen. Er habe dort als Fremdenführer gejobbt und chinesischen Touristengruppen die Stadt gezeigt. Bis 2017 habe er jedes Jahr seine Eltern in Xinjiang in seinem Geburtsort Korgas an der Grenze zu Kasachstan besucht. Sie hatten dort bei kommunalen Wirtschafts- bzw. Umweltbehörden gearbeitet. Der Kontakt zu ihnen sei jedoch im Januar 2018 plötzlich abgebrochen.

"Über WeChat (Ein in China sehr verbreitetes Chatprogramm, ähnlich wie Whatsapp, Anm. d. Red.) sprach ich zuletzt mit meinen Eltern am 11. Januar 2018", erzählt Shirmemmet der DW. "Das war wie immer ein normales Gespräch unter Familienmitgliedern. Meine Mutter erzählt mir, dass sie in drei Monaten in Rente geht und sich darauf sehr freut."

Dennoch entfernte seine Mutter zwei Tage später Shirmemmet ohne Erklärungen von ihren Kontakten. Das Gleiche taten sein Vater und sein Bruder. Seine Uiguren-Freunde in der Türkei berichteten über ähnliche Vorgänge. Sie vermuten, dass die in Xinjiang lebenden Uiguren deswegen ihren Kontakt zu Familienmitgliedern, die im Ausland leben, abbrechen, weil sie von den Behörden unter Druck gesetzt wurden.

Chinas internierte Uiguren

03:37

This browser does not support the video element.

Erlaubte Türkei-Reise nachträglich ein Vergehen?

Shirmemmet bat Freunde in Xinjiang, sich nach dem Verbleib seiner Familie zu erkundigen. Erst im Dezember 2019 erfuhr er, dass sein Vater, seine Mutter und sein Bruder Anfang 2018 in ein sogenanntes Berufsbildungszentrum gebracht worden waren. Sein Vater und Bruder durften laut diesen Informationen bereits damals, also im Dezember 2019, das Lager verlassen. Seine Mutter muss jedoch eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren wegen eines nicht in Erfahrung zu bringenden Vergehens absitzen.

Shirmemmet vermutet, dass der Grund für die Inhaftierung seiner Mutter eine einwöchige Reise in die Türkei ist, die sie bereits 2013 unternommen hatte. Sie besuchte damals ihren Sohn. Sie war in einer Reisegruppe, die von den Behörden in Xinjiang genehmigt wurde. Allerdings steht die Türkei inzwischen auf einer Liste "verdächtiger Länder". Laut einer gemeinsamen Recherche von DW mit ihren Medienpartnern NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vom Februar müssen sich Uiguren, die aus einem der 26 betroffenen "verdächtigen Länder" zurückkehren, den inzwischen weltweit bekannten Umerziehungsmaßnahmen unterziehen.

Ein längeres Telefonat mit dem chinesischen Konsulat

Von Shirmemmets Mutter fehlt jede SpurBild: Jevlan Shirmemmet

Shirmemmet wandte sich Anfang 2020 an das chinesische Generalkonsulat in Istanbul mit der Bitte um Auskunft über seine Mutter. Der Mitarbeiter behauptet im Telefongespräch - der Mitschnitt liegt der DW vor - er, Shirmemmet, sei Mitglied illegaler Organisationen in der Türkei und in Ägypten. Shirmemmet sagt, er sei nur ein Student und Fremdenführer und die Vorwürfe frei erfunden.

"Die Verurteilung Ihrer Mutter hat mit Ihnen nichts zu tun", sagt der Konsulatsmitarbeiter weiter. Shirmemmets Mutter sei "möglicherweise wegen Aktivitäten in terroristischen Vereinigungen" verurteilt worden. "Wir sind der Überzeugung, dass die Behörden handfeste Beweise haben. Sie hat das chinesische Gesetz gebrochen. Nach den mir vorliegenden Informationen sind Sie kein Schwerverbrecher. Ihre Mutter wurde von jemand anderem radikalisiert. Aber Sie könnten auch etwas tun. Machen Sie sich mal Gedanken, was Sie im Ausland möglicherweise falsch gemacht haben könnten. Dann können wir noch einmal sprechen. Vielleicht überlegen die Behörden in China, ob der Kontakt zu Ihrer Familie möglich ist."

Shirmemmets Vater und Bruder hätten bereits das Berufsbildungszentrum verlassen, so der Mitarbeiter weiter. Beide hätten den Kontakt zu Shirmemmet abgebrochen, "weil sie diesen Kontakt möglicherweise gar nicht wünschen."

"Wir rufen Sie an"

Wie der Konsulatsmitarbeiter empfohlen hatte, dachte Shirmemmet nach und schickte ihm eine Liste mit "wichtigen persönlichen Erlebnissen seit 2011" per Mail zu. Allerdings kam keine Antwort. Unterdessen startete Shirmemmet eine Kampagne in den sozialen Medien, um Aufmerksamkeit für das Schicksal seiner Familienangehörigen und insbesondere seiner Mutter zu erzeugen.

Auch die chinesischen Botschaft in Ankara wurde aufmerksam. Im Mai 2020 klingelte Shirmemmets Handy. Es war ein Mitarbeiter der Botschaft. Er erklärte: "In Xinjiang war zu viel Unangenehmes passiert, die chinesische Regierung musste deswegen Maßnehmen ergreifen, damit sich die Lage Schritt für Schritt normalisiert."

Der Mitarbeiter versuchte Zuversicht zu vermitteln: "In Zukunft wird sich alles normalisieren, auch Ihr Besuch und Treffen mit der Familie. Aber es braucht noch seine Zeit. Sobald wir Neuigkeiten haben, rufen wir Sie an."

Uiguren: "Keinerlei Freiheiten"

03:56

This browser does not support the video element.

Merkwürdiger Anruf vom Vater

In der Tat klingelte es im Juni wieder. Diesmal war es Shirmemmets Vater aus Xinjiang. "Deine Mutter ist weiterhin im Bildungszentrum interniert", berichtete dieser und fragte seinen Sohn mahnend: "Hast du mit den Behörden Kontakt und ihnen berichtet, dass du deine Denkweise geändert hast?"

Danach herrschte wieder Funkstille. "Warum forderte mein Vater mich auf, aufzuhören, mich für meine Mutter einzusetzen?", fragt Shirmemmet sich. "Ich habe meinem Vater, auch Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden, mitgeteilt, ich werde nicht aufhören, bis meine Mutter freikommt." Eine Anfrage der DW bei der chinesischen Botschaft in Ankara und dem Generalkonsulat in Istanbul um eine Stellungnahme blieb zunächst ohne Antwort.