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Kunst

Expertengremium soll documenta beraten

1. August 2022

Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen ab sofort die Antisemitismus-Vorwürfe um die Weltkunstschau in Kassel aufarbeiten. Das neue Gremium startet mit einer Kritik an der documenta-Leitung.

Documenta fifteen - Vorwurf antisemitisches Exponat
In einer Broschüre der Initiative "Archives des luttes des femmes en Algérie" wurden Motive gefunden, die als antisemitisch kritisiert wurdenBild: Uwe Zucchi/picture alliance/dpa

An der Spitze des neuen siebenköpfigen Gremiums steht die Konflikt- und Friedensforscherin Nicole Deitelhoff. Das teilten die Gesellschafter der documenta, die Stadt Kassel und das Land Hessen, am Montag mit. "Wir erwarten, dass unter Berücksichtigung der grundrechtlich geschützten Kunstfreiheit Hinweisen auf mögliche antisemitische Bildsprache und Beförderung von Israel-bezogenem Antisemitismus nachgegangen wird", betonte der Aufsichtsratsvorsitzende, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle.

Nicole Deitelhoff hat den Vorsitz des neu ernannten Fachbeirats der documenta 15Bild: Jens Krick/Flashpic/picture alliance

Neben Deitelhoff, die als Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik an der Goethe-Universität Frankfurt tätig ist, gehören zum Fachbeirat:

  • Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
  • Julia Bernstein, Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences
  • Marina Chernivsky, Gründerin und Geschäftsführerin der Berliner Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt
  • Peter Jelavich, Professor für Geschichte an der Johns Hopkins University, Maryland (USA)
  • Christoph Möllers, Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Facil Tesfaye, Juniorprofessor an der School of Modern Languages and Cultures, Universität Hong Kong

Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat die Berufung eines Gremiums zur Begleitung der documenta nach dem Antisemitismus-Eklat begrüßt. "Eine solche breit aufgestellte fachwissenschaftliche Begleitung dieser Kunstausstellung ist notwendig und überfällig", sagte die Grünen-Politikerin. Mit der Kunstfreiheit gehe in öffentlich geförderten Kulturinstitutionen Verantwortlichkeit einher, sagte Roth.

Das Banner von Taring Padi wurde am 21. Juni abgebautBild: Sabine Oelze/DW

Antisemitismus-Eklat überschattet 15. documenta

Die documenta, die als eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt gilt, wird seit Monaten von Antisemitismus-Vorwürfen begleitet. Bereits im Januar waren erste Stimmen laut geworden, die dem indonesischen Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa und einigen eingeladenen Künstlern eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorwarfen. Kurz nach Eröffnung der Ausstellung Mitte Juni war ein Banner des indonesischen Kunstkollektivs Taring Padi abgebaut worden, nachdem darin judenfeindliche Motive entdeckt worden waren. In der vergangenen Woche gerieten erneut Abbildungen in einer Broschüre, die im Museum Fridericianum ausgestellt sind, hinsichtlich einer antisemitischen Bildsprache in die Kritik. Da die Zeichnungen des Künstlers Burhan Karkoutly bereits rechtlich begutachtet worden seien, teilte die documenta-Leitung mit, sie wolle diese nun in der Ausstellung durch eine geeignete Kontextualisierung einordnen.

Jüdische Perspektive zu wenig berücksichtigt

Das frisch berufene Gremium übt an der Leitung der documenta Kritik. Diese habe sich zuvor zwar offen für eine Fachberatung gezeigt, scheine aber wesentliche Fragen des Umgangs mit antisemitischer Kunst festlegen zu wollen, heißt es in einer am Montag verbreiteten Erklärung der Wissenschaftler. Die Position, dass weder weitere Kunstwerke aufgrund antisemitischer Inhalte entfernt werden müssten, noch eine systematische Prüfung der Werke notwendig sei, widersprächen einem fachlichen und ergebnisoffenen Dialog. 

Alexander Farenholtz ist der neue Geschäftsführer der d15 - seine Vorgängerin Sabine Schormann hat ihr Amt niedergelegtBild: KSB/Falk Wenzel

Banner von Taring Padi zeigte antisemitische Stereotype

Im Juni hatte ein Werk des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi für Empörung gesorgt. Darauf zu sehen waren unter anderem ein Mann mit Schweinsnase, einem Halstuch mit Davidstern und einem Helm mit der Aufschrift "Mossad". Zudem war dort ein Mann mit Schläfenlocken abgebildet, dessen Hut offenbar mit einer SS-Rune bestückt war. Das Werk wurde zunächst abgedeckt und dann entfernt. Die Rufe nach Konsequenzen wurden anschließend immer lauter. Die Generaldirektorin der Kunstausstellung, Sabine Schormann, legte Mitte Juli ihr Amt nieder. In der vergangenen Woche tauchten weitere antisemitische Bilder auf.

so/rbr (dpa/AFP)