Fünf Jahre nach dem Putsch: Myanmars bitterer Jahrestag
31. Januar 2026
Vor zwei Jahren wurde noch darüber spekuliert, ob die Tatmadaw, wie die Streitkräfte auf Burmesisch genannt werden, in Myanmar möglicherweise vor dem Aus stehen. Nun, am fünften Jahrestag des Militärputsches, kann davon keine Rede mehr sein.
"Die Spekulationen über den Zusammenbruch des Regimes sind eindeutig passé", stellt Anthony Davis fest, ein Analyst beim Janes-Verlag für Verteidigung und Sicherheit. Denn das Militär hat wichtige Städte und Handelsrouten im Nordosten zurückerobert, die zuvor an drei bewaffnete Gruppen gefallen waren. Außerdem hat es seine Bataillone wieder aufgebaut, die durch tote und desertierte Soldaten stark dezimiert waren. Und schließlich hat die Militärjunta schrittweise Wahlen durchgeführt, die vor einer Woche endeten.
Die Junta sei "in ihrer besten Position seit dem Putsch", sagt auch Kyaw Htet Aung, Leiter der Abteilung für Konflikt-, Friedens- und Sicherheitsforschung am Institute for Strategy and Policy-Myanmar (ISP-Myanmar). Analysten führen diesen Wiederaufstieg vor allem auf China zurück.
China und Russland mischen sich ein
Vor und nach dem Putsch pflegte Peking sowohl Beziehungen zu den Tatmadaw als auch zu den bewaffneten ethnischen Minderheiten, die in den zerklüfteten Grenzgebieten des Landes zu China dominieren. Beide Seiten wurden auch militärisch ausgerüstet. Das endete jedoch schlagartig, als eine sogenannte Drei-Brüder-Allianz im Oktober 2023 eine Großoffensive startete und das Militär im Nordosten des Landes in die Flucht schlug. Ab da schwenkte Peking scharf in Richtung der Junta um.
Im April 2024 reiste der chinesische Außenminister Wang Yi nach Naypyidaw, die Hauptstadt Myanmars. Danach setzte Peking die bewaffneten ethnischen Gruppen unter Druck, damit sie ihre Unterstützung für die oppositionellen Milizen nach dem Putsch einstellen. China beschränkte den Grenzhandel mit denen, die sich seinen Wünschen widersetzten, und zwang zwei Gruppen zu Waffenstillständen und teilweisen territorialen Rückzügen.
China habe "sehr, sehr energisch begonnen, dieses Militärregime zu unterstützen, gerade weil es befürchtete, dass es tatsächlich zusammenbrechen könnte", erläutert Matthew Arnold, Gastwissenschaftler an der London School of Economics. "Das Ausmaß der chinesischen Unterstützung für die Junta ist sehr bedeutend geworden."
Auch Russland habe eine Schlüsselrolle dabei gespielt, das Militär zu einer effektiveren Kampftruppe zu machen, ergänzt Janes-Analyst Davis. Mit russischem Know-how hätten die Tatmadaw ihre Taktiken auf dem Schlachtfeld verbessert und die Zusammenarbeit ihrer vielen internen Bereiche optimiert. "Es gibt russische Berater in Naypyidaw und vor Ort. Außerdem gibt es einen gemeinsamen Ausschuss für Terrorismusbekämpfung zwischen Myanmar und Russland, der von bedeutenden Persönlichkeiten beider Seiten geleitet wird und eine wichtige koordinierende Rolle spielt."
Mit Drohnentechnologie aus China und Russland konnte das myanmarische Militär auch den Vorteil, den Rebellengruppen vorher durch den Einsatz von Drohnen hatten, zumindest ausgleichen. Seit Mitte 2024 haben die Militärmachthaber in Myanmar zudem eine aggressive Wehrpflichtkampagne gestartet, und damit die einst schwindenden Zahlen des Militärs wieder aufgefüllt. Damit seien etwa 90.000 neue, wenn auch oft schlecht ausgebildete und unmotivierte Soldaten hinzugekommen, erklärt Davis.
Kein Ende des Blutvergießens in Sicht
Trotz allem tobt der Bürgerkrieg in Myanmar weiter, dem nach Schätzungen der Vereinten Nationen schon mindestens 92.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Mehr als 3,3 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Daten des Londoner International Institute for Strategic Studies zeigen Ende 2023 einen allmählichen Rückgang der Gewalt. Dennoch wurden allein im Dezember noch mehr als 800 Zusammenstöße, Explosionen oder Angriffe gezählt.
Die in den USA ansässige Gruppe Armed Conflict Location and Event Data (ACLED) listete im Jahr 2025 außerdem eine Rekordzahl von 40 "Gräueltaten des Militärs" auf. Damit sind Angriffe auf zivile Ziele gemeint, bei denen zehn oder mehr Menschen getötet wurden.
Die Tatmadaw kontrollieren nach wie vor weniger als die Hälfte des Landes und mussten die diesjährigen Wahlen in vielen Bezirken absagen. Die vom Militär unterstützte Union Solidarity and Development Party erklärte sich am Sonntag zum Sieger, obwohl die UN und mehrere westliche Regierungen die Wahlen als Farce kritisierten.
Der Widerstand organisiert sich neu
Nach wie vor kämpft die Junta an mehreren Fronten, darunter auch im Kernland der Bamar in Zentralmyanmar. Die Widerstandskräfte sind zwar zersplittert, es gibt jedoch Anzeichen einer besseren Koordination. So gründeten 19 Volksverteidigungskräfte (PDFs) im Dezember die Spring Revolution Alliance, die nach eigenen Angaben bis zu 15.000 Kämpfer umfasst und eine Zusammenarbeit mit größeren ethnischen Gruppen anstrebt.
Mit Jahresbeginn starteten mehrere PDFs eine von Davis als "beispiellos" bezeichnete Welle koordinierter Angriffe auf Militärstützpunkte in Bago. Obwohl sie vom Militär zurückgedrängt wurden, habe die Operation bedeutende Fortschritte bei der Koordination zwischen den Rebellengruppen gezeigt. "Die Aufteilung in separate Kriege ist noch nicht beendet, aber es besteht das Bewusstsein, dass die Koordination beschleunigt werden muss", sagt Davis.
Das Militär hatte gehofft, dass die Wahlen die Gewalt verringern würden. Der Londoner Analyst Arnold bleibt jedoch skeptisch: Er sei "erstaunt", dass bewaffnete Gruppen nach fünf blutigen Jahren nicht begonnen hätten, zur Junta überzulaufen und auch Bestechungsversuchen widerstünden. Nur einige wenige hätten fragile Waffenstillstände mit der Junta geschlossen. "Demnach muss es nach wie vor eine große Entschlossenheit geben, das Militär ein für alle Mal loszuwerden", fügt Arnold hinzu
Die Zukunft entscheidet sich in diesem Jahr
Fünf Jahre nach dem Putsch sind sich Analysten einig, dass keine der beiden Seiten bereit ist, sich aus dem zunehmend aussichtslosen Kampf zurückzuziehen. "Sie sehen keine Alternativen, auch nicht in Verhandlungen", sagt Kyaw Htet Aung von ISP-Myanmar. "Sie glauben immer noch, durch einen militärischen Sieg die Kontrolle über das Land erlangen zu können." Im laufenden Jahr werde sich zeigen, wie sich die Kämpfe im Zentrum des Landes entwickeln, wo die Junta nach wie vor die meisten Gebiete kontrolliert.
Arnold von der LSE richtet seinen Blick eher auf China und auf die Frage, wie sehr die Kommunistische Partei bereit sei, ein zutiefst unpopuläres Regime zu stützen.
Und Davis stellt anhand von ACLED-Daten fest , dass die Tatmadaw seit Wang Yis Besuch im Jahr 2024 "die Fragen von Quantität und Qualität sehr konzentriert angegangen sind". Der Ausgang des Bürgerkriegs könne vor allem davon abhängen, ob es den Widerstandsgruppen gelingt, sich besser zu koordinieren und ob sie Zugriff auf die neuen Glasfaser-Drohnen bekommen, die den Krieg in der Ukraine verändert haben.
"Die Tatmadaw können diesen Krieg nicht verlieren", sagt er. "Die Frage ist, ob sie ihn gewinnen können. Und das hängt davon ab, was der Widerstand in diesem Jahr erreichen kann."