Warum trotz Fachkräftemangel weniger Arbeitsmigranten kommen
21. Dezember 2025
In Europa und insbesondere in den Vereinigten Staaten wächst die Einwanderungsfeindlichkeit. Zugleich suchen die reichsten Volkswirtschaften der Welt händeringend nach ausländischen Arbeitskräften. Ein kaum beachteter Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem vergangenen Monat zeigt jedoch, dass die Arbeitsmigration weltweit zurückgeht, obwohl alternde Gesellschaften auf einen wachsenden Arbeitskräftemangel treffen.
Dieser Trend setzte lange vor der Wiederwahl von Donald Trump ein, der mit seinen Ausfällen gegen Migranten einen erfolgreichen Wahlkampf geführt hatte. Nach Angaben der OECD, die die globale Wirtschafts- und Sozialpolitik beobachtet, verringerte sich die Arbeitsmigration in ihren 38 Mitgliedstaaten im Jahr 2024 um mehr als ein Fünftel. Demnach ist der Rückgang weniger auf die Nachfrage als vielmehr auf die zunehmende politische Ablehnung der Einwanderung sowie auf strengere Visabestimmungen in bestimmten Industrieländern zurückzuführen. Die temporäre Arbeitsmigration nahm allerdings weiter zu.
Rückgang durch wenige Länder verursacht
"Der größte Teil des Rückgangs der dauerhaften Arbeitsmigration ist auf politische Veränderungen im Vereinigten Königreich und in Neuseeland zurückzuführen", erklärt Ana Damas de Matos, Senior Policy Analyst bei der OECD, gegenüber der DW.
In Neuseeland hing der Rückgang mit dem Ende einer einmaligen Aufenthaltsregelung nach der Pandemie zusammen, die es mehr als 200.000 temporären Migranten und ihren Angehörigen ermöglicht hatte, sich dauerhaft niederzulassen. Das größte einmalige Aufenthaltsprogramm des Landes lief im Juli 2022 aus. Das Vereinigte Königreich reformierte nach dem Brexit die Visabestimmungen für Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich, verschärfte die Zulassungskriterien für Arbeitgeber und schloss Familienangehörige aus, was zu einem starken Rückgang der Visumanträge führt.
Aus Sicht der OECD ist das Gesundheitswesen durch solche Beschränkungen besonders von einem Arbeitskräftemangel betroffen. Seeta Sharma hält die strengeren Bestimmungen für internationale Studierende im Vereinigten Königreichs deshalb für kontraproduktiv. Sharma ist Expertin für Migrationsfragen, die sowohl die Vereinten Nationen als auch die indische Bundesregierung und die Regierungen der Bundesstaaten beraten hat. "Der Weg vom Studium zur Arbeit wird jetzt eingeschränkt", sagt sie im DW-Gespräch. "Damit werden die Zulassungsanträge zurückgehen. Inder beispielsweise werden keine großen Summen für eine Ausbildung im Ausland mehr ausgeben, wenn sie anschließend keine klare Perspektive mehr bekommen."
Der OECD-Bericht zeigt, dass Indien mit 600.000 Auswanderern im letzten Jahr das mit Abstand größte Herkunftsland für Arbeitsmigranten in den Mitgliedsländern war, gefolgt von China und Rumänien.
Technologiesektor leidet unter US-Beschränkungen
In den USA wurden unter der Biden-Regierung strengere Obergrenzen für H-1B-Visa eingeführt. Dabei handelt es sich um das wichtigste Programm, das ausländischen Fachkräften in Bereichen wie Technologie, Ingenieurwesen und Medizin die Arbeit im Land ermöglicht. Trump hat die Visakosten für Arbeitgeber inzwischen von 2000 bis 5000 Dollar auf 100.000 Dollar erhöht. Er will die Möglichkeiten für eine dauerhafte Niederlassung in allen Bereichen begrenzen.
In Australien wurden die Gehaltsgrenzen für Fachkräftevisa angehoben und in Kanada die Wege für Zeitarbeitskräfte angepasst. Auch in den nordischen Ländern hat sich die arbeitsbezogene Migration stark reduziert, allein Finnland verzeichnet einen Rückgang von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
In Deutschland ist die dauerhafte Zuwanderung durch die strengeren Einwanderungsbestimmungen des ehemaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz um zwölf Prozent im letzten Jahr gesunken. 586.000 ausländische Arbeitskräfte kamen so noch ins Land. Die Zahl der Personen, die mit einem Arbeitsvisum einreisten, war um 32 Prozent niedriger als im Vorjahr. Diese Reformen wurden von der aktuellen Regierung unter Kanzler Friedrich Merz noch ausgeweitet.
Herbert Brücker, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, sieht dadurch Probleme auf die deutsche Wirtschaft zukommen. "Viele Jahre lang profitierte Deutschland von einer durchschnittlichen Migration von 550.000 Menschen pro Jahr”, sagt Brücker der DW. "Wir brauchen Migration, um ausscheidende Arbeitnehmer zu ersetzen. Ohne sie können wir das Arbeitskräfteangebot nicht stabil halten."
Starke Nachfrage nach Migranten in Europa
In der gesamten Europäischen Union wurden laut dem Internationalen Währungsfonds rund zwei Drittel der zwischen 2019 und 2023 geschaffenen Arbeitsplätze mit Nicht-EU-Bürgern besetzt. Hier zeigt sich, wie abhängig Europa bereits von Arbeitsmigranten geworden ist. Weltweit gab es im Jahr 2022 nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) 167,7 Millionen Wanderarbeitnehmer. Das entsprach 4,7 Prozent der gesamten weltweiten Erwerbsbevölkerung. Mehr als zwei Drittel von ihnen (114,7 Millionen) lebten in Ländern mit hohem Einkommen.
Trotz des Rückgangs im Jahr 2024 liegt die weltweite Arbeitsmigration weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie. Der OECD-Bericht zeigt jedoch, wie diese Zuwanderung abrupt gebremst werden kann. Der Grund liegt in einem politischen Widerstand, der eher durch Ängste vor illegaler Migration als durch die nach wie vor rekordhohe wirtschaftliche Nachfrage geschürt wird. Trumps aktuelle Agenda hat diese Dynamik noch verstärkt. Seit seinem Amtsantritt im Januar hat er zahlreiche Dekrete erlassen, die sowohl die legale als auch die illegale Einwanderung eindämmen sollen. Seine Regierung argumentiert, diese Maßnahmen seien notwendig, um US-Arbeitnehmer zu schützen und ein System zu gewährleisten, das allein auf Qualifikation beruhe.
Befristete Visa statt dauerhafter Aufenthaltsgenehmigungen
Obwohl die Zahl der dauerhaften Zuwanderer 2024 also zurückging, blieb die temporäre oder saisonale Arbeitsmigration nach OECD-Angaben stabil. Hier zeigt sich die Präferenz der Regierungen für kurzfristige Programme, die sie nach Belieben ausweiten oder einschränken können. "Der Wunsch lautet: Lasst uns Menschen hereinholen, wenn wir sie brauchen, und die Türen schließen, wenn wir sie nicht brauchen - alle anderen wollen wir nicht dauerhaft in unserem Land haben”, beklagt Migrationsexpertin Sharma.
Saisonal befristete Arbeitsprogramme sind in Australien, Europa und Nordamerika nach wie vor gefragt, um Arbeitskräfte in den Bereichen Landwirtschaft, Pflege und Bauwesen kurzfristig aufzustocken. Aber auch für Techniker und andere hochqualifizierte Arbeitskräfte werden befristete Migrationsprogramme nach Erkenntnissen der OECD zunehmend genutzt
Bürokratie hält Migranten in weniger qualifizierten Jobs
Die Industrieländer werden von der OECD nicht nur dazu aufgefordert, mehr Arbeitsmigranten anzuziehen, sondern sich auch darauf zu konzentrieren, diese besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Der Club der Industrieländer nannte Sprachunterricht und Zugang zu sozialen Dienstleistungen als wichtige Voraussetzungen dafür, ebenso wie die Anerkennung von Fähigkeiten und Qualifikationen, damit sich ausländische Arbeitnehmer in ihren Gastländern voll einbringen können. Zu oft sind sie in Jobs beschäftigt, die weit unter ihrem Ausbildungsniveau liegen.
Das liege vor allem an langsamen und bürokratischen Genehmigungsverfahren, stellt Professor Brücker fest, der auch Leiter der Migrationsforschung am deutschen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist. Reformen, die Europas größte Volkswirtschaft attraktiver machen sollten, scheiterten an einer ausufernden Bürokratie. "Die Anerkennung von Abschlüssen und Berufsausbildungen dauert Jahre, was es für Fachkräfte schwierig macht, hierher zu kommen", sagt Brücker der DW. "Infolgedessen fehlen uns derzeit rund drei Millionen Arbeitskräfte."
Die Politik ist zudem aufgefordert, klarere Wege zu schaffen, die es temporären Arbeitsmigranten ermöglicht, einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu erlangen, damit ihre Fähigkeiten voll ausgeschöpft werden können und der Arbeitskräftemangel verringert wird. Während Trump oft positiv über die Notwendigkeit einer qualifikationsbasierten Migration spricht, war sein erstes Jahr im Weißen Haus von Bemühungen geprägt, diese Wege zu zerstören. Die Kluft zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und politischem Willen wurde dadurch weiter verstärkt.
Die oft wütende Rhetorik von Trump und anderen rechten Politikern zum Thema Einwanderung habe international "Schockwellen" ausgelöst und die Wahrnehmung in Indien und darüberhinaus geprägt, merkt Sharma an: "Rückmeldungen aus einem unfreundlichen Land, in dem es schwierig ist, einen Job zu finden, spielen eine große Rolle bei Migrationsbewegungen." Zudem könnten weitere Einschränkungen der USA bei der Arbeitsmigration dazu führen, dass sich die illegale Einwanderung erhöht.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.