Traumpferd zum Spottpreis?
7. April 2022
Der Wunsch war groß und die Ungeduld nach einem Jahr Suche auch - als ich dann auf die Anzeige gestoßen bin, habe ich mir Fotos und Videos von dem zu verkaufenden Pferd zuschicken lassen. Das Ergebnis: Ein hochausgebildetes Dressurpferd - viel zu schön, um wahr zu sein. Aber vor allem: viel zu "billig". Klar, war es Blödsinn zu antworten. An dem Angebot war augenscheinlich ziemlich viel faul. Geantwortet habe ich trotzdem - nicht aus Gier, sondern aus Neugier.
So habe ich also meine "Whatsapp-Freundschaft" mit Wayne begonnen. Wayne ist der Vater des armen Mädchens, die das Pferd geritten hat. Sie ist gerade an Leukämie verstorben, so ist es nicht verwunderlich, dass es ihrem Vater wahnsinnig wichtig ist, dass das Pferd in die richtigen Hände kommt.
Als ich mir etwas später noch mal die Anzeige anschauen will, ist sie online nicht mehr auffindbar. Warum, erzählt mir später Katja Möllerherm von ehorses, einer Internet-Plattform, über die Pferde gehandelt werden: "Dieser Wayne hat bei uns inseriert - wir haben ihn aber innerhalb von 24 Stunden gesperrt," so Möllerherm. Schon seine E-Mail-Adresse sei verdächtig gewesen. Mich hatte er allerdings zu dem Zeitpunkt schon am Haken.
Die Spur führt nach Großbritannien - vielleicht…
Beim Suchen nach der Anzeige war mir die merkwürdige Telefonnummer aufgefallen. Mit +44 beginnen entweder Vorwahlen aus Großbritannien oder Nummern, die richtig teuer werden können, wenn sie angewählt werden. Und über Pferde lässt sich lange reden….
In der Tat klingelte dann am frühen Morgen mein Telefon. Einmal nur. Zurückgerufen habe ich lieber nicht. An mir sollte keiner ein paar Hundert Euro verdienen. Also eine Mail. "Bin interessiert, das Pferd zu kaufen! Gibt es Dokumente und ärztliche Unterlagen über den Gesundheitszustand?" Als Antwort kamen umgehend 49 Röntgenbilder. Teils so verschwommen, dass man kaum etwas erkennen konnte. Für den Laien: Bei einer regulären Ankaufuntersuchung, die rund 1500 Euro kostet, werden 18 Aufnahmen gemacht. Außerdem hat Wayne mir noch eine Bescheinigung des Hannoveraner Verbandes über die Herkunft des Pferdes geschickt.
Cybercrime-as-a-Service: Kriminelle müssen nur wissen, wo sie einkaufen
Solche und auch besser gemachte Dokumente zu bekommen, wenn man selbst kein Photoshop-Künstler ist, scheint nicht sehr schwer zu sein. Der Süddeutschen Zeitung wurde im vergangenen Jahr eine Datei zugespielt mit mehr als 20.000 Chatnachrichten aus dem Crime-Network. Über diese Plattform können mutmaßliche Cyberkriminelle anscheinend alles für ihr Handwerk kaufen.
Diese Chats hätten nur einen Ausschnitt wiedergegeben, sagt Lea Weinmann aus dem Investigativ-Team der SZ. "Aber was ich gesehen habe, war sehr umfangreich. Das geht quasi vom Aufsetzen eines Fake-Shops über den Betrug der Personen, die auf so einen Fake-Shop reinfallen bis hin zur Abrechnung am Ende - also quasi einmal die komplette betrügerische Wertschöpfungskette durch." Wayne könnte sich auf diese Weise also Anzeige und Dokumente einfach gekauft haben.
Das Bittere ist: Schwer zu finden sind solche Crime-Zulieferer auch nicht. "Man kann eigentlich über eine einfache Google-Suche in entsprechenden Foren landen und sich da mal umschauen, ohne sich irgendwo anmelden zu müssen", sagt Weinmann. "Das kann jeder machen."
Aus 100 Euro Schaden könnten 22.000 Euro werden
Mir hatte Wayne inzwischen eröffnet, dass das Pferd nicht, wie in der Anzeige versprochen war, in der Nähe von Bonn steht, sondern in Großbritannien. Was aber kein Problem sei, ich könnte das Pferd über eine vertrauenswürdige Transportgesellschaft nach Deutschland bringen lassen. Die 22.000 Euro für Pferd und Transport könne ich einfach an diese Transportgesellschaft überweisen. Laut Internet gibt es tatsächlich eine solche Transportgesellschaft. Der Internetauftritt ist allerdings recht dilettantisch gemacht.
Hatte ich anfangs befürchtet, Wayne wolle mich per Telefonrechnung um hundert Euro erleichtern, geht es jetzt also um 22.000 Euro. Dafür ist das Ganze aber "total sicher", denn wenn mir das Pferd nicht gefällt, kann ich es innerhalb von 30 Tagen einfach zurückschicken, sagt Wayne. Quasi wie ein T-Shirt. Oder einen Stuhl.
Wer sich nun wundert: Es werden tatsächlich oft Pferde aus dem Ausland in Deutschland gekauft und der Käufer schaut sich die Tiere nicht unbedingt persönlich an, sagt Lena Büker, die Geschäftsführerin von ehorses. Das könne dann aber auch schon mal schief gehen. "Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Käufer es gibt, die denken, das ist ein günstiges, tolles Pferd, mit einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis. Wenn dann die Aufforderung kommt, bitte schon mal einige tausend Euro zu überweisen oder anzuzahlen, spätestens da muss man schon denken: Das ist irgendwie komisch." Das Pferd würden sie nach der Zahlung oft nicht zu sehen bekommen.
Viele Betrüger versuchen auf den Zug aufzuspringen. "Wir haben letztes Jahr fast 200 Profile gesperrt und über 1700 Inserate", erzählt ihre ehorses-Mitarbeiterin Katja Möllerherm.
Rabatt vom Betrüger ausgehandelt
Mich reizt es nicht, Wayne so viel Geld zu überweisen. Vergraulen will ich ihn aber auch noch nicht. Also teile ich ihm mit, den Transport des Pferdes selber zu organisieren. Hat sich gelohnt - immerhin habe ich Wayne dadurch um 800 Euro runtergehandelt. Für den Verkaufsvertrag braucht er allerdings noch eine Kopie meines Personalausweises oder Führerscheins.
Alexander Klingberg von der Staatsanwaltschaft Bonn meint, es käme sehr häufig vor, dass Täter solche Dokumente haben wollen. "Und dann würden die Täter in der Regel ihre Personalpapiere dazu nutzen, gegebenenfalls weitere Konten zu eröffnen, ohne dass Sie das wissen, um dann unter ihren Personalien gegebenenfalls Geldwäschetaten oder irgendwelche anderen Straftaten zu begehen."
Um den Spieß umzudrehen, habe ich Wayne gebeten, mir seinen Personalausweis zu schicken, damit mein Anwalt einen Vertrag aufsetzen kann. Was kommt: Die Kopie einer britischen ID-Card mit sehr vielen offensichtlichen Fehlern. Danach drängelt er, er bräuchte doch noch einen Identitätsnachweis von mir.
Ich beschließe nun, unsere Whatsapp-Freundschaft zu kündigen. Bei meiner Ausstiegsstory habe ich mich von seinem Leidensweg inspirieren lassen. "Mein Sohn hatte einen Unfall, ist schwer verletzt und ich kann jetzt kein Pferd mehr kaufen." Er schluckt die Antwort (in fehlerhaftem englisch): "Wrede sorry for your son. I pray God make him recovered. Even though the accident is sodden."
Muss Wayne nun befürchten, aufgedeckt zu werden?
Die Polizei interessiert sich übrigens herzlich wenig für den Betrugsversuch. Ich solle zwar auf jeden Fall eine Anzeige machen, die sei aber hauptsächlich für die Statistik, sagt mir der Beamte in der lokalen Polizeidienststelle in Bonn-Bad Godesberg. Die Aufklärungsquote läge bei null bis ein Prozent.
Auch Staatsanwalt Klingberg merkt an: "Die Frage ist, ob die regionalen Polizeidienststellen vor Ort die Ermittlungen erfolgreich durchführen können. Es bedarf jedes Mal eines justiziellen Rechtshilfeersuchens, um als Strafverfolgungsbehörden aus anderen Ländern Auskünfte betreffend Konten oder irgendwelchen anderen Dingen zu bekommen."
Ist Wayne also vor Strafverfolgung sicher? Das sei eine Frage des Ermittlungsaufwandes, meint Staatsanwalt Klingberg. "Man muss letztendlich dem Geldfluss folgen und dann würde man meist zu den Tätern gelangen." Einen Geldfluss hat es in meinem Fall aber (glücklicherweise) nicht gegeben.
Schwierig sei eine internationale Ermittlung auch, weil Rechtshilfe nur gewährt werde, wenn sie verhältnismäßig sei, so Klingberg. Großbritannien würde beispielsweise erst ab einem Schaden von 5000 Euro Rechtshilfe leisten. "Das heißt, bei Straftaten unterhalb dieses Betrages, hat man kaum Chancen als deutscher Strafverfolger noch irgendwelche Ermittlungen anzustreben."
Die Fotos des Pferdes habe ich übrigens auf einer polnischen Webseite wiedergefunden. Da ist das Pferd allerdings kein Hannoveraner Wallach mit dem Namen Doncaster, sondern ein KWPN-Deckhengst mit dem Namen Joy N Pride. Die wirkliche Besitzerin oder der Besitzer hat wahrscheinlich keine Ahnung davon, wo sein Pferd überall zum Verkauf angeboten wird.