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PolitikChina

Faktencheck: Flogen chinesische Drohnen über Taipeh?

Yu-Chun Chou
5. Januar 2026

Chinesische Staatsmedien verbreiteten Drohnenaufnahmen von Taipeh. Ein DW Faktencheck zeigt: Die Bilder sind vermutlich echt, die Darstellung täuscht jedoch.

Schwarz-weiß-Aufnahme mit Sicht auf Taipeh, angeblich aufgenommen von einer chinesischen Tengden-TB-001-Drohne.
In sozialen Netzwerken behauptete das chinesische Militär, Aufnahmen von 'Taipeh 101' aus der Vogelperspektive zu zeigen, doch die Authentizität sorgt für DiskussionenBild: Weibo

Ende 2025 führte China groß angelegte Militärübungen rund um Taiwan durch. Am 29. Dezember veröffentlichte die chinesische Volksbefreiungsarmee (PLA) zwei Videos (abrufbar hierund hier) auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo, auf denen unter anderem der berühmte Wolkenkratzer "Taipeh 101" in der taiwanischen Hauptstadt zu sehen ist. Das staatliche Fernsehen CCTV zeigte die Aufnahmen noch am selben Tag in den Hauptnachrichten. Später folgte ein weiteres Bild mit erweitertem Blickwinkel, auf dem unter anderem der Guanyin-Berg sowie die Tamkang-Brücke über dem Fluss Tamsui zu erkennen sind. Die Aufnahmen wurden millionenfach geteilt – auch auf anderen Plattformen wie Facebook und X. Doch stimmt die Darstellung des chinesischen Militärs?

Das 13 Sekunden lange Video des chinesischen Militärs zeigt zunächst eine Drohne, die aus einem Hangar rollt. Danach folgt eine unscharfe schwarz-weiß Luftaufnahme von TaipehBild: Weibo

Behauptung: Das chinesische Militär beschreibt die Videos auf Weibo (siehe Screenshot) mit folgendem Text: "Exklusiv: Militärdrohne der Volksbefreiungsarmee sichtet 'Taipeh 101' aus der Vogelperspektive." Die Aufnahmen seien im Rahmen der Militärübung "Mission der Gerechtigkeit 2025" entstanden.

DW Faktencheck: Irreführend

Das DW Faktencheck-Team konnte keine früheren Bilder oder Videos mit identischen Motiven finden. Zudem sind keine typischen Auffälligkeiten sichtbar, wie sie bei KI-generierten Bildern häufig auftreten, etwa fehlerhafte Objektkonturen. Dennoch lässt sich nicht in Gänze ausschließen, dass das Material mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt, verfälscht oder nachbearbeitet wurde. Der DW liegt keine belastbare und unabhängige Quelle vor, um die Echtheit des Bildes zweifelsfrei zu bestätigen.

Taiwans Militär erklärte nach eigener Prüfung, die Videoaufnahmen könnten nachbearbeitet worden sein. Unabhängig davon weist es darauf hin, dass Peking mit derartigen Bildern gezielt auf Desinformation setze: Sie seien Teil einer umfassenden "kognitiven Kriegsführung". Darunter versteht man den strategischen Einsatz von Informationen und psychologischen Techniken, um die öffentliche Wahrnehmung zu beeinflussen.

Ein Vergleich mit dreidimensionalen Google-Earth-Grafiken vom 10. Juni 2025 zeigt keine wesentlichen Abweichungen in den geografischen Gegebenheiten. Der Verlauf des Tamsui-Flusses, die Konturen des Guanyin-Berges sowie die Fassaden der beiden Hochhäuser neben "Taipeh 101" stimmen überein.

Auffällig ist jedoch, dass die Google-Aufnahmen die Brücke über dem Fluss noch im unfertigen Zustand zeigen. Die 920 Meter lange Brücke wurde erst am 16. September 2025 offiziell fertiggestellt. Das belegt, dass die veröffentlichten Videos erst nach diesem Datum entstanden sein können.

Zudem ist auf den Aufnahmen die Mündung des Tamsui-Flusses in die Taiwan-Straße zu erkennen. Das deutet daraufhin, dass die Videos möglicherweise aus großer Entfernung mit einem Teleobjektiv aufgenommen wurden. Das Flugobjekt, das die Kamera trug, dürfte sich somit nicht über der Stadt Taipeh, sondern weiter entfernt über der Taiwan-Straße befunden haben.

Ein Vergleich der von China veröffentlichten Fotos mit Google-Earth-Bildern zeigt keine wesentlichen Unterschiede. Auf dem rechten Bild ist jedoch erkennbar, dass die Tamkang-Brücke zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht vollständig fertiggestellt war. Hinweis: Der Screenshot wurde bearbeitet, um Taipeh 101 hervorzuhebenBild: Weibo / Google Earth

Wurden die Bilder von einer Drohne aufgenommen?

Joseph Wen, Mitgründer der Taiwan Defence Studies Initiative, die öffentlich zugängliche Informationen über die PLA analysiert, erklärte im DW-Interview, dass es sich um eine Drohne des Typs Tengden TB-001 handeln könnte. 

Das taiwanische Verteidigungsministerium bestätigte auf einer Pressekonferenz am Dienstag (30.12.2025), dass während der Übung eine TB-001 Drohne gesichtet worden sei. Sie habe sich jedoch nicht näher als auf 24 Seemeilen (rund 44 Kilometer) der taiwanischen Küste genähert. Diese Distanz gilt als Schutzlinie, ihr Überschreiten würde Gegenmaßnahmen auslösen.

PLA-Drohnen seien technisch durchaus in der Lage, von den Gewässern der Taiwan-Straße aus Luftaufnahmen der Hauptstadt zu machen, sagt Lin Ying-yu, Professor für internationale und strategische Studien an der Tamkang-Universität in Taiwan. Dennoch sei es sehr wahrscheinlich, dass sich "die tatsächlich aufgenommenen Bilder deutlich von dem unterscheiden, was in den Medien gezeigt wird". Das chinesische Militär könne das Material mit Bildbearbeitungsprogrammen nachträglich verändert oder manipuliert haben.

Auf Militär-Webseiten (World Special Forces and Military Database und BobChen's Military and Politics) äußerten Militär-Blogger Zweifel an Maßstab und Entfernungsdarstellung in den Videos. So trennen "Taipeh 101" und die Tamkang-Brücke etwa 22 Kilometer Luftlinie, in den veröffentlichten Aufnahmen wirken beide Landmarken jedoch deutlich näher beieinander. Dies lässt sich durch optische Effekte erklären: Aufnahmen mit Ultrateleobjektiven komprimieren Entfernungen und verzerren Perspektiven. Solche Bilder weisen zudem häufig Unschärfen und Bildrauschen auf. Um die Strukturen hervorzuheben, könnten zusätzlich Filter – etwa Rotfilter zur Kontrastverstärkung – eingesetzt worden sein.

Chinas gefährliche Militärmanöver um Taiwan

03:12

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Experten warnen vor weiterer Eskalation

Selbst wenn eine Militärdrohne tatsächlich vom chinesischen Festland gestartet sei und diese Aufnahmen gemacht habe, zeige dies vor allem "die Vielseitigkeit und Wirksamkeit von Drohnen, die in manchen Fällen moderne Luftabwehrsysteme umgehen können", sagt Timothy Heath, Verteidigungsexperte der US-Denkfabrik RAND, im DW-Gespräch. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine habe bereits verdeutlicht, welche Rolle Drohnen auf modernen Schlachtfeldern spielen. Zwar könne dies die Fähigkeiten der PLA stärken, es sollte China jedoch auch zu denken geben: Taiwan könne dieselbe Taktik anwenden und ebenfalls Drohnenschwärme tief nach China hinein schicken.

Der taiwanische Generalleutnant Hsieh Jih-sheng, stellvertretender Leiter des Militärgeheimdienstes, warnte ausdrücklich vor einem "kognitiven Krieg" durch Desinformationen, der ebenfalls Teil der Militärübung sei. Er rief die Bevölkerung dazu auf, sich nicht durch Informationsmanipulation beeinflussen zu lassen.

"Mögliche Landungszone" für Angriff auf Taiwan

Für den taiwanischen Militärexperten Lin Ying-yu haben die chinesischen Videos eine zusätzliche symbolische Bedeutung. China sende eine versteckte Botschaft an Taiwan. "Die Küste an der Mündung des Tamsui-Flusses in die Meerenge gilt als mögliche Landungszone bei einem Angriff der PLA auf Taiwan. Dann müsste die chinesische Marine nur den Tamsui-Fluss stromaufwärts fahren, bis sie die Hauptstadt Taipeh erreicht", sagt Lin. Mit diesem Foto wollten die chinesischen Streitkräfte zeigen, dass alles auf Taiwan unter ihrer Kontrolle stehen würde, so der Experte im DW-Interview.

Die Spannungen in der Region hatten sich zuletzt weiter verschärft, nachdem die USA einen Rüstungsvertrag im Umfang von elf Milliarden Dollar (9,33 Milliarden Euro) mit Taiwan verkündet hatten. China hatte daraufhin "entschlossene und schlagkräftige Maßnahmen" zum Schutz seines Territoriums angekündigt. China hat in den vergangenen Jahren immer wieder Großmanöver rund um Taiwan abgehalten. Peking betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, die wieder mit dem Festland vereinigt werden soll. 

Mitarbeit: Uta Steinwehr und Boris Geilert

Der Artikel ist eine Adaption aus dem Chinesischen.

Aktualisierungshinweis: Artikel und Urteil wurden überarbeitet, um die zugrunde liegende Argumentation der Schlussfolgerung klarer herauszuarbeiten und besser nachvollziehbar zu machen.

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