Faktencheck: Merz, Gewalt gegen Frauen und Zuwanderung
28. März 2026
Es ist nicht das erste Mal, dass Bundeskanzler Friedrich Merz einen Zusammenhang zwischen Gewalt an Frauen und Migration herstellt. Im vergangenen Herbst etwa irritierte er viele mit der Aussage von anhaltenden "Problemen im Stadtbild", die er mit Migration in Verbindung brachte. Auf die Frage, was er gemeint habe, antwortete Merz: "Fragen Sie mal Ihre Töchter".
Nun ist mit dem Fall der Schauspielerin Collien Fernandes eine Debatte über digitale Gewalt gegen Frauen entbrannt, die auch im Bundestag diskutiert wurde: Fernandes wirft ihrem Ex-Mann vor, im Internet Fake-Profile und darüber pornografische Darstellungen verbreitet zu haben. Sein Anwalt hat Berichte zurückgewiesen, wonach sein Mandant selbst Deepfakes erstellt oder verbreitet haben soll. Auch weitere Vorwürfe wies der Anwalt zurück.
Im Rahmen der größeren Debatte beklagte der Bundeskanzler die "explodierende Gewalt" im analogen wie im digitalen Raum. Man müsse "auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt". Diese Worte haben Merz erneut viel Kritik eingebracht. Stützt sich der Kanzler bei seiner Einlassung im Bundestag auf Fakten und Zahlen? Ein Faktencheck der zwei Aussagen.
Explodiert die Gewalt in der deutschen Gesellschaft?
Behauptung: "Wir haben eine explodierende Gewalt in unserer Gesellschaft, und zwar im analogen wie im digitalen Raum", antwortete der Bundeskanzler zunächst im Plenum auf die Frage nach seinen Plänen zur Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Frauen, insbesondere im Internet, bevor er weiter über Ursachen sprach.
DW Faktencheck: Richtig
Die neuesten verfügbaren Daten des Bundeskriminalamts (BKA)zeigen tatsächlich einen Aufwärtstrend bei Gewaltdelikten, die "überwiegend zum Nachteil von Frauen begangen werden oder in ihrer Ausprägung primär Frauen betreffen"; derartige Delikte werden von der Bundesbehörde auch als "spezifische Straftaten" eingestuft.
So ist etwa bei den Sexualstraftaten ein erheblicher Anstieg zu beobachten. Die Zahl der dortigen Tatverdächtigen stieg von 29.424 im Jahr 2020 auf 37.881 im Jahr 2024 - und damit um 28,7 Prozent. Ebenso ist im Jahr 2024 ein stetiger Anstieg bei der Anzahl der Tatverdächtigen in den Bereichen der häuslichen Gewalt (12,8 Prozent mehr als 2020) sowie des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung (8,4 Prozent mehr als 2020) zu beobachten.
Bei den Tötungsdelikten ist zwar 2024 im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang von 8,4 Prozent erkennbar. Über einen Zeitraum von fünf Jahren gesehen ist die Zahl der Tatverdächtigen jeodch stabil geblieben; sie bewegt sich zwischen 746 im Jahr 2021 und 853 im Jahr 2023.
Ein noch deutlicherer Aufwärtstrend ist aber bei der digitalen Gewalt im Internet zu beobachten. Im Jahr 2024 wurden 14.130 Tatverdächtige registriert - ein Zuwachs von 122,1 Prozent im Vergleich zu den Zahlen aus dem Jahr 2020. Dabei werden Daten zu "Verletzungen des Intimbereichs durch Bildaufnahmen" erst seit 2021 separat erfasst; doch auch ohne diese liegt die Steigerung bei 110,8 Prozent.
Dennoch müssen die Zahlen des BKA mit Behutsamkeit interpretiert werden, da mehrere Faktoren die Wahrnehmung des Ausmaßes der Gewalt gegen Frauen verzerren können. Ein Faktor ist, dass nur die Fälle erfasst werden, die der Polizei oder der Staatsanwaltschaft auch bekannt werden.
"Die BKA-Statistiken gehen von der Zahl der Anzeigen aus. Es gibt also ein riesengroßes Dunkelfeld", betont die Statistik-Expertin Katharina Schüller auf Anfrage von DW Faktencheck. "Es gibt Frauenhäuser oder andere Organisationen, von denen zusätzliche Informationen wertvoll sein könnten", so das Vorstandsmitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft.
Gleichstellung führt nicht zu Gewaltrückgang
Ein weiterer Aspekt ist der sogenannte "Backlash", der als Gegenreaktion auf gesellschaftliche Fortschritte in der Gleichstellung von Frauen zu beobachten ist. Das BKA weist selbst darauf hin, dass gesellschaftliche Veränderungsprozesse und die damit verbundenen Einstellungen gegenüber häuslicher Gewalt dazu geführt haben, dass mehr solcher Fälle angezeigt werden als zu früheren Zeitpunkten.
"Man ist lange Zeit davon ausgegangen, dass Gewalt dann abnimmt, wenn Frauen gleichgestellt werden", sagt die Kriminologin und Soziologin Susanne Karstedt im DW-Interview. "Das ist offensichtlich nicht der Fall, wie Untersuchungen aus den Ländern Skandinaviens zeigen, die ja sehr egalitäre Gesellschaften sind. Wobei man vermuten kann, dass gerade die egalitäre Stellung, also die Gleichstellung der Frauen, sie eventuell auch stärkeren Risiken aussetzt."
Gerade die wirtschaftlichen und sozialen Verbesserungen, die es Frauen ermöglichen, Beziehungen zu verlassen, in denen sie sich nicht wohlfühlen, könnten laut Karstedt eine mögliche Ursache für diese Gegenreaktion seitens männlicher Partner sein.
Diese findet auch im Internet ihren Ausdruck, etwa in Form von "Cyberstalking" und anderen Delikten, die über soziale Netzwerke, Smartphones, spezialisierte Apps und künstliche Intelligenz begangen werden. Das BKA weist darauf hin, dass 61,2 Prozent der Opfer digitaler Gewalt weiblich sind.
Zusammenhang mit Migration nicht so eindeutig, wie Merz es darstellt
Behauptung: Der zweite Teil von Merz' Aussage lautete wörtlich: "Und dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt." Doch ist das wirklich zutreffend?
DW Faktencheck: Unbelegt
Die Aussage des Bundeskanzlers ist allgemein gehalten - es bleibt offen, was unter einem "beachtlichen Teil" und was unter "Zuwanderern" zu verstehen ist. Fakt ist: Nichtdeutsche tauchen in offiziellen polizeilichen Kriminalstatistiken im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung überproportional oft als Tatverdächtige bei Delikten geschlechtsspezifischer Gewalt auf. DW Faktencheck hat sich dafür den Lagebericht des Bundeskriminalamtes (BKA) zu geschlechtsspezifischer Gewalt von 2024 angeschaut: Demnach liegt der Anteil Nichtdeutscher an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bei 14,5 Prozent, jedoch sind bei Sexualstraftaten 35,6 Prozent der Tatverdächtigen nichtdeutsch, bei digitaler Gewalt 23,8 Prozent und bei Tötungsdelikten 34,1 Prozent (siehe Infografik).
Allerdings zeigen die Zahlen nicht das ganze Bild, erläutert Statistik-Expertin Katharina Schueller im DW-Gespräch: "Polizeiliche Kriminalstatistiken erfassen Tatverdächtige, nicht verurteilte Täter." Das könne das Bild unter anderem insofern verzerren, als dass es sein kann, dass Tatverdächtige mit vermutetem Migrationshintergrund häufiger angezeigt werden als solche ohne. Der Niedersachsensurvey 2022 des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen stellt dies etwa für Jugendliche fest.
Zudem spiegeln sie das sogenannte Hellfeld, also nur angezeigte und registrierte Fälle. Das Dunkelfeld dürfte um ein Vielfaches größer sein - und unter Umständen das Verhältnis deutscher und nichtdeutscher Täter darin anders gelagert. Laut der im Februar veröffentlichten Dunkelfeldstudie LeSubiA liegen die Anzeigequoten bei den meisten Gewaltformen bei unter 10 Prozent.
Und es gibt noch weitere wichtige Verzerrungen oder auch Fallstricke, die den Eindruck, dass Nichtdeutsche überproportional oft Straftaten im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt begehen, stark relativieren.
Merz' Aussage "statistisch problematisch und missverständlich"
So schreibt das BKA selbst: " Herkunftsunabhängig ist die Kriminalitätsbelastung bei jungen Menschen und bei Männern deutlich überdurchschnittlich. Das bedeutet: Eine Bevölkerungsgruppe mit einem höheren Anteil an Männern und an jüngeren Menschen _ wie es bei der nichtdeutschen Bevölkerung der Fall ist - weist alleine dadurch erwartbar eine höhere Kriminalitätsbelastung auf."
Auch Kriminologin Susanne Karstedt bestätigt, dass junge Männer weltweit am häufigsten gewalttätig sind: "Wenn man das berücksichtigt, zeigt sich im Vergleich, dass das Ausmaß der Gewaltkriminalität relativ identisch ist."
Bei der Interpretation der Tatverdächtigen-Verteilung muss laut BKA ebenfalls berücksichtigt werden, dass eine höhere Kriminalität Nichtdeutscher auch deshalb plausibel sei, weil Menschen mit Migrationshintergrund tendenziell stärker von bestimmten Risikofaktoren betroffen seien: "Dazu zählen neben einer nachteiligen räumlichen und ökonomischen Lebenssituation auch psychische Belastungen, eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit sowie positive Einstellungen gegenüber Gewalt."
Zusammenfassend ist die Polizeiliche Kriminalstatistik nur begrenzt geeignet, um Aussagen über die Realität von geschlechtsspezifischer Gewalt in Deutschland abzuleiten und Merz liefert darüber hinaus keine Belege seiner These. Schueller sagt: "Wir haben zu wenig Daten, mit Interpretationen müssen wir deshalb sehr vorsichtig sein."
Die Aussage von Friedrich Merz findet sie in ihrer pauschalen Form "statistisch problematisch und missverständlich": "Eine sachgerechte Analyse müsste alters-, geschlechts- und sozialstrukturell bereinigte Vergleiche anstellen."
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