Faktencheck: Trumps Falschaussage über den ICE-Einsatz
8. Januar 2026
Aktuell geht in den Sozialen Medien ein Video aus Minneapolis im US-Bundestaat Minnesota viral: Es zeigt Szenen vom 7. Januar, in denen ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE eine 37-jährige weiße Frau namens Renee Nicole Good in ihrem Auto erschießt. Kurze Zeit später wurde sie im Krankenhaus für tot erklärt.
Derweil teilt Donald Trump ein anderes Video von dem Vorfall - und stellt die Situation wie folgt dar: Die Frau habe den ICE-Beamten überfahren und deswegen habe dieser offenbar in Selbstverteidigung geschossen. Das DW Faktencheck-Team hat diese Behauptung überprüft.
Behauptung: "[…] die Frau, die das Auto fuhr, verhielt sich sehr ungebührlich, behinderte und leistete Widerstand, woraufhin sie den ICE-Beamten gewaltsam, vorsätzlich und böswillig überfuhr, der sie offenbar in Notwehr erschossen hat. Aufgrund des beigefügten Clips ist es schwer zu glauben, dass er noch am Leben ist […]", schreibt Donald Trump am 7. Januar auf seinem Profil auf der Social-Media-Plattform Truth Social. Dazu veröffentlicht er einen 13-sekündigen Clip, der seine Behauptung untermauern soll. Darin sieht man, wie ein dunkler SUV auf einen Beamten zufährt. Trumps Post wurde als Screencastauch auf dem Instagram-Account des Weißen Hauses gepostet.
DW Faktencheck: Falsch
Donald Trumps Behauptung, Renee Nicole Good habe einen ICE-Beamten überfahren, ist falsch. Der Clip, den der US-Präsident teilt, wurde zunächst auf dem Instagram-Kanal "KSTP-TV 5 Eyewitness News" geteilt und zeigt die Situation aus einer anderen Perspektive.
Schaut man sich den von Trump geteilten Clip genau an - den er auf seinem Account übrigens in Zeitlupe postete - kann bei Sekunde fünf tatsächlich der Eindruck entstehen, dass der SUV den Beamten umgefahren hat und dieser kurz darauf losschießt. Spätestens bei Sekunde acht sieht man allerdings, dass der besagte ICE-Beamte auf beiden Beinen steht und dem wegfahrenden Wagen hinterherschaut.
Schaut man sich den Clip in Originalgeschwindigkeit an, ist klar zu erkennen, dass der SUV zwar fährt, der ICE-Beamte aber zurückspringt und nicht überfahren wird.
Dies ist noch deutlicher zu sehen, wenn man sich den Vorfall aus einer weiteren Perspektive anschaut. Das Video einer Augenzeugin wurde von dem US-Journalisten Max Nesterak auf X veröffentlicht. Es zeigt deutlicher als das von Präsident Trump geteilte Video den Ablauf der Ereignisse. DW Faktencheck hat das Video Bild für Bild untersucht.
- Zu Beginn des Videos ist ein bordeauxfarbener SUV, ein Honda Pilot, zu sehen, der quer zur Fahrtrichtung auf einer verschneiten Straße steht. DW Faktencheck konnte den genauen Ort des Geschehens lokalisieren, es ist die Portland Avenue in Minneapolis, in etwa Höhe Hausnummer 3328.
- Ab Sekunde 9 ist zu sehen, wie zwei vermummte Beamte in Uniform auf den Honda zugehen.
- Ab Sekunde 12 versucht einer der Beamten, die Tür des Hondas zu öffnen. Dies gelingt ihm nicht. Daraufhin fährt die Fahrerin los, zunächst kurz rückwärts, dann vorwärts.
- Ab Sekunde 14 ist ein weiterer Beamte zu erkennen, der nur teilweise vermummt ist, vor dem Fahrzeug steht und seine Waffe zieht. Unmittelbar danach gibt der Beamte drei Schüsse auf die Fahrerin ab.
- Ab Sekunde 15 ist zu sehen, wie der Honda am Schützen vorbeifährt. Die Vorderreifen sind nach rechts eingeschlagen, weg vom ICE-Beamten. Der Schütze weicht dem losfahrenden Fahrzeug aus, bleibt auf seinen Beinen.
- Ab Sekunde 21 ist zu sehen, wie der Wagen mit einem parkenden Fahrzeug kollidiert und zum Stehen kommt. Der Schütze geht langsam in Richtung des Wagens.
Trumps Behauptung, der ICE-Beamte sei "überfahren" worden, ist damit nachweislich falsch. Der Schütze wurde nicht von der Frau umgefahren und konnte nach den abgegebenen Schüssen auf das verunfallte Fahrzeug zulaufen. Dies zeigt auch unsere Bildanalyse:
Während Trump und das Heimatschutzministerium behaupteten, es habe sich eben um Selbstverteidigung gehandelt, widerspricht die Stadt Minneapolis. Der demokratische Bürgermeister Jacob Frey kritisierte den Einsatz scharf und wies die Darstellung der Selbstverteidigung nach Sichtung von Videoaufnahmen entschieden zurück. Er warf den Bundesbehörden zudem vor, die Lage eskaliert zu haben. Der Vorfall wird aktuell überprüft.