Faktencheck: Wer ist der weinende "ukrainische Soldat"?
11. November 2025
"Ich wurde einberufen und bin auf dem Weg nach Chasiv Yar", sagt ein ukrainischer Soldat mit Babygesicht unter Tränen auf dem Rücksitz eines Militärfahrzeugs. "Ich bin erst 23, ich will nicht sterben. Bitte helfen Sie mir."
Eine Bilderrückwärtssuche anhand von Screenshots zeigt, dass das Video mit dem weinenden Soldaten hunderte Male in den sozialen Medien geteilt wurde und Millionen Aufrufe erzielt hat. Es verbreitet die Botschaft, dass die Ukraine junge Männer gegen ihren Willen zum Militärdienst im russischen Krieg gegen die Ukraine einzieht.
DW-Faktencheck hat das Video auf verschiedenen Social-Media-Plattformen in einem Dutzend verschiedener Sprachen gefunden, darunter Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanischund Russisch. Am häufigsten wurde das Video auf einem ungarischen X-Accountgeteilt, wo es allein über 1,8 Millionen Mal angesehen wurde.
Behauptung: "Ukrainische Männer im Alter von 23 Jahren werden eingezogen und an die Front geschickt."
DW-Faktencheck: Falsch
Das Mindestalter für die Wehrpflichtin der Ukraine wurde im April 2024 von 27 auf 25 Jahre gesenkt. 23-Jährige wurden bisher nicht in Erwägung gezogen.
Das Video ist nicht nur sachlich falsch. Es wurde auch mit künstlicher Intelligenz erstellt. Dies zeigen optische Ungenauigkeiten, etwa der schlecht sitzende Helm, der nicht der standardmäßigen ukrainischen Militärausrüstung entspricht.
Darüber hinaus zeigt eine einfache Gesichtserkennungssuche, dass es sich bei dem Soldaten nicht um einen ukrainischen Wehrpflichtigen handelt, sondern um den jungen russischen Streamer Vladimir Yuryevich Ivanov aus St. Petersburg, der online unter dem Pseudonym "Kussia88" auftritt.
Wer ist "Kussia88"?
Wörtlich übersetzt bedeutet "Kussia" (ausgesprochen "kasha") auf Russisch "Brei" (каша). Allerdings werden die Zahlen "88" (Neo-Nazi-Code für "Heil Hitler") und die lateinischen Buchstaben "SS" im Namen nicht zufällig verwendet, genauso wenig wie die Buchstaben "IA".
In Neonazi-Kreisen könnte "IA" als "14" verstanden werden – ein Code, der sich auf die "14 Worte"bezieht, die vom amerikanischen Neonazi David Lane propagiert wurden: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern."
Die Codes dienen international als Kampfaufruf für militante weiße Nationalisten. Die Zahlen 1488 und 8814 tauchen auch in der URL und in der Profilbeschreibung von Ivanovs Konten auf TikTok und Boostyauf, einer russischen Plattform, die es nach eigenen Angaben Content-Erstellern ermöglicht, ein regelmäßiges Einkommen durch Abonnements und Spenden ihrer Community zu erzielen.
Ivanovs Twitch-Account, der über 1,3 Millionen Follower hat, scheint in den vergangenen Monaten mindestens einmal vorübergehend gesperrt worden zu sein.
Erstmals scheint das KI-Video mit Ivanovs Gesicht auf dem inzwischen gelöschten TikTok-Kanal @fantomokoaufgetaucht zu sein, zusammen mit Dutzenden anderer ähnlicher KI-Clips, die alle weinende ukrainische Soldaten in Militärfahrzeugen zeigen.
Die meisten dieser Clips wurden nur wenige tausend Mal angeklickt, aber zwei Videos erzielten über 800.000 Aufrufe, eines über 1,5 Millionen. Das beliebteste Video hatte über 2,1 Millionen Aufrufe. Einige der Videos trugen sogar das Wasserzeichen "Sora", den Bildgenerator von OpenAI.
Gubanov: "Russische Propaganda-Narrative"
Ein weiteres Gesicht, das regelmäßig in den Clips des @fantomoko Accounts auftaucht, ist das von Aleksei Gubanov, einem Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Gubanov, der heute in New York lebt, erklärte in einer Stellungnahme gegenüber der DW, dass er "absolut nichts mit den Clips zu tun hat".
"Sie wurden alle von jemandem erstellt, der KI genutzt hat. Dies geschah ohne meine Zustimmung oder Beteiligung", so Gubanov. Er habe sein Publikum gewarnt, "dass jemand versucht, mit solchen Inhalten absichtlich öffentliche Empörung zu schüren"
"Diese Videos spiegeln russische Propagandanarrative wider und erzielen Millionen von Aufrufen. Um es ganz klar zu sagen: Ich habe keines dieser Videos erstellt, genehmigt oder daran mitgewirkt, und ich verurteile die Verwendung von KI-generierten gefälschten Medien zur Manipulation aufs Schärfste."
Verwirrung und Sarkasmus
Die DW wandte sich ebenfalls an Ivanov, erhielt jedoch bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Antwort. Laut der ukrainischen Datenbank "Stars about war", die die Haltung von Prominenten zur russischen Invasion in der Ukraine dokumentiert, äußerte sich Ivanov nicht zum Krieg.
Er sei nur einmal ins Visier der russischen Behörden geraten, als er sich über Kinder von mobilisierten Soldaten lustig gemacht habe. Nach Medienberichten entschuldigte er sich dafür in einem Video, in dem er erklärte, dass die Krim russisch sei - gefilmt vor einer russischen Flagge.
Auf die Vorwürfe, er sei ein "Pro-Putin-Nazi" und "russischer Streamer, der sich als ukrainischer Soldat ausgebe", reagierte er sarkastisch. "Die Twitter-Gemeinde hat endlich gelernt, was 'Delivery' bedeutet", erklärte er auf seinem , nämlich: "Sie sind endlich auf den Hype-Zug aufgesprungen."
Unabhängig davon, ob Ivanov aktiv an der Erstellung der Videos beteiligt war oder nicht, und unabhängig von seinen Ansichten, bleiben die viral gegangenen Videos dennoch komplett gefälscht.
Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.