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PolitikSpanien

Faktencheck: Wie X-Konten Migrationsdebatten befeuern

23. April 2026

Spaniens Regierung will den Aufenthaltsstatus von bis zu einer halben Million Menschen legalisieren. Auf Social Media machen zahlreiche Accounts Stimmung gegen die Pläne. Einige davon sind alte Bekannte.

Spanien Madrid 2026 | Warteschlangen am ersten Tag der Migranten-Regularisierung
Legalisieren statt abschieben: Spanien will geschätzt einer halben Million irregulären Einwanderern das Aufenthaltsrecht gebenBild: Carlos Luján/Europa Press/IMAGO

Spaniens linksgerichtete Regierung will geschätzt rund 500.000 Migranten zu einem legalen Aufenthaltstitel verhelfen. Ziel ist, die gesellschaftliche und arbeitsmarktliche Integration im Land weiter voranzutreiben. Das Programm soll Migrantinnen und Migranten ohne Vorstrafen eine Arbeitserlaubnis von mindestens einem Jahr sowie Zugang zu sozialen Diensten und zur Gesundheitsversorgung gewähren. 

Das Interesse an dem Regularisierungsverfahren ist groß. Allein am ersten Tag gingen nach Angaben des spanischen Migrationsministeriums 13.500 Online-Anträge ein.

Die Maßnahme sorgt seit ihrer Ankündigung im Januar für Unmut. Besonders bei Social Media hat es eine Welle an Kritik gegeben, darunter auch Desinformation oder irreführende Informationen und Videos.  

Die Dynamik erscheint ähnlich wie in anderen EU-Ländern: Mehrere Accounts posten Videos, reißen sie aus dem Zusammenhang, verbreiten falsche Behauptungen und verwenden Hetze, um ausländerfeindliche Stimmung zu schüren. Einige große X-Accounts wie RadioGenoa und Basil the Great sind keine Unbekannten. Sie beteiligen sich auch an der Stimmungmache gegen Migranten und Flüchtlinge in anderen Ländern, etwa Deutschland oder Italien.

Falsche Behauptungen über angebliche Notlage in Spanien 

Behauptung: Ein virales Video auf X soll angeblich Migranten zeigen, die per Boot in Spanien ankommen. Es zeigt Männer in Schwimmwesten, die sich einer Küste nähern - versehen mit dem Kommentar: "Die Lage in Spanien ist außer Kontrolle, es gibt keine Grenzen mehr. Pedro Sánchez ist Staatsfeind Nummer eins der Europäer." Der Beitrag wurde rund 1,4 Millionen Mal aufgerufen und von Tausenden anderen Accounts geteilt. 

Das Video zeigt eine Bootstour für Touristen im SenegalBild: X

DW Faktencheck: Falsch 

Das Video zeigt keine Migranten, die in Spanien ankommen. Stattdessen ist darin eine Bootstour im Senegal zu sehen. 

Die erste Bilderrückwärtssuche liefert allerdings irreführende Ergebnisse. Zunächst tauchen tatsächlich Bilder und Inhalte auf, die Menschen mit Schwimmwesten auf der Flucht zeigen. Dies kann bei Künstlicher Intelligenz vorkommen, da durchaus Vorurteile und Diskriminierung in KI-Algorithmen vorhanden sind. 

Sucht man jedoch im Videomaterial nach weiteren visuellen Hinweisen, ist auf einem der Boote im Hintergrund die Internetadresse "Yaadikoone.com" zu erkennen. Die Website einer Tourismuseinrichtung im Senegal, die unter anderem Bootstouren anbietet. 

An dieser Stelle wurde das Video aufgenommen. Nicht in Europa, sondern in Dakar im Senegal. Bild: Google Maps

Mit diesen Hinweisen ist es möglich, die genaue Location ausfindig zu machen, an der das Boot im Video anlegt. Dies ist nicht Europa, sondern ein Strand in Dakar im Senegal.

Landschaftsmerkmale - darunter Bäume und angrenzende Gebäude - stimmen mit dem Hintergrund des Videos überein und zeigen damit: Das Video steht in keinerlei Zusammenhang mit Migration nach Europa.  

Geolocation: Ein Vergleich von Landschaftsmerkmalen im Video und auf Google Maps führt zur genauen LocationBild: Google Maps

Alte Videos, falscher Kontext 

Behauptung: Ein anderes virales Video auf der Plattform X zeigt angeblich eine Menschenmenge an Migranten, die über einen Hügel laufen. Auch hier wird eine Verbindung zum aktuellen Kontext in Spanien gezogen. Das Video ist mit dem Kommentar "Jetzt überqueren MILLIONEN weitere Menschen STÄNDIG die Grenze" versehen. Der Post erzielte mehrere Tausend Aufrufe.  

DW Faktencheck: Falsch  

Das Video zeigt einen Vorfall von 2024, als Migranten die Grenze zwischen Ceuta und Marrokko überquertenBild: X

Alle drei Videoausschnitte im Beitrag sind alt und stehen in keinem Zusammenhang mit Spaniens aktuellen Maßnahmen.  

So führt der erste Clip mithilfe einer Bilderrückwärtssuche zu einem Nachrichtenbeitrag des spanischen Senders RTVE Noticias, der im September 2024 auf YouTube veröffentlicht und auch von weiteren Medien aufgegriffen wurde. Hier geht es zwar tatsächlich um Migranten, die die Grenze zwischen der spanischen Exklave Ceuta und Marrokko überqueren, doch es gibt keinen aktuellen Bezug.  

Der zweite Clip zeigt eine lange Schlange Reisender an einem Flughafen, die orangefarbene Taschen tragen. Versionen dieses Videos sind mindestens seit Anfang November 2024 im Umlauf - also lange vor der Ankündigung des spanischen Migrationsprogramms im Januar 2026.   

Der dritte Clip scheint Migranten zu zeigen, die mit dem Boot ankommen. Eine Bilderrückwärtssuche bringt das Material mit Bildern und Videos vom April 2024 in Verbindung, die dasselbe Boot beim Erreichen der Kanarischen Inseln zeigen.

Derartige Beiträge suggerieren, Spaniens neues Gesetz käme vor allem Menschen aus afrikanischen Ländern zugute. Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Laut einer 2026 veröffentlichten Studie der gemeinnützigen spanischen Forschungseinrichtung FUNCAS lebten vor einem Jahr schätzungsweise 840.000 irreguläre Migranten in Spanien. Davon stammten rund 91 Prozent - mehr als 760.000 Menschen - aus Lateinamerika, vor allem aus Kolumbien, Peru, Honduras und Venezuela. 

Gezielte Hetze gegen Migranten? 

Solche Narrative lassen sich in Migrationsdebatten  verschiedener EU-Länder immer wieder beobachten. Dabei verfolgen einige Accounts scheinbar ein ähnliches Muster.  

"Zahlreiche Berichte und Studien belegen Einflussoperationen und koordinierte Manipulationskampagnen auf Plattformen wie X, ehemals Twitter", so Jan Rau, Forscher am Leibniz-Institut für Medienforschung, auf schriftliche Anfrage der DW.  

"Allerdings ist Online-Empörung oft schwer einzuordnen: Sie kann echte Nutzermeinungen widerspiegeln - aber auch das Ergebnis gezielter Manipulation sein, bei der koordinierte Accounts eine Welle der Empörung erst anstoßen und dann verstärken." 

Spanien: Neue Perspektiven für Migranten

05:27

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Ob es sich also um eine koordinierte Aktion handelt, ist schwer zu messen. Klar ist aber: Es sind häufig Accounts, die in großen Mengen Inhalte von anderen Social-Media-Plattformen und Accounts teilen, ohne sie direkt zu reposten oder Quellenangaben zu verwenden.  

"Das deutet darauf hin, dass es sich neben der politisch klar migrationsfeindlichen bis recht-außen Ausrichtung um sogenannte "Aggregator Accounts" handelt”, sagte Kilian Bühling, Kommunikationswissenschaftler an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und am Weizenbaum-Institut in Berlin, im Gespräch mit der DW.  

Das häufige Teilen von Videos ohne Quellenangaben, die emotionale Aufmachung und der reißerische Stil der Posts wiesen laut Bühling darauf hin, dass die Accounts gezielt den X-Algorithmus bespielten - und damit auch Geld verdienen wollten. 

Mit Konsequenzen für die politische Stimmung: "Desinformation über Migration fördert letztlich Xenophobie und Rassismus - und das mit realen Folgen", so Arcila Calderón, Professor am Institut für Soziologie und Kommunikation an der Universität Salamanca.

"Die Narrative schlagen sich in konkreten Handlungen nieder: von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt bis hin zu Gewalt auf der Straße. "Je mehr eine migrationsfeindliche Botschaft mit Desinformation verknüpft werde, desto wirksamer sei sie auf manchen Accounts in den sozialen Medien. 

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