Tod in Istanbul: Streetfood oder Pestizide?
18. November 2025
Ein glücklicher Moment mitten im Ägyptischen Basar in der beliebten historischen Altstadt Istanbuls: Mutter Cigdem und ihr Mann Servet lächeln in die Kamera, der sechsjährige Sohn versteckt sich, die dreijährige Tochter blickt verwirrt - vermutlich wegen des Tumults der Millionenmetropole.
Vom letzten Urlaub der Hamburger Familie, die am 9. November für ein paar Tage nach Istanbul reiste, sind nur diese Aufnahmen übriggeblieben. In der Nacht vom 12. auf den 13. November starben zuerst die Kinder an den Folgen einer möglichen Vergiftung, kurz darauf die junge Mutter. Bis zum Schluss kämpfte der Vater auf der Intensivstation einer Istanbuler Klinik um sein Leben. Am Montagabend starb auch er im Alter von nur 36 Jahren.
Über die Todesursache der vierköpfigen Familie wird weiterhin gerätselt. Zuerst vermuteten Behörden, Ärztinnen und Ärzte eine Lebensmittelvergiftung. Bevor die Mutter starb, machte sie detaillierte Angaben zum Verzehr der ersten drei Tage: Suppe, Kebap und Pasta nach der Ankunft. Türkisches Gebäck, Pide und Pizza mit türkischer Knoblauchwurst am zweiten Tag. Am dritten Tag, als sie krank wurden, konsumierte die Familie viel Streetfood: Gebäck, Sesamkringel, gefüllte Muscheln, Suppe, Wurstsandwiches, gefüllte Lammdärme, Hähnchen und Lokum (Türkischer Honig) als Nachtisch, bevor sie ins Hotel zurückkehrten.
Vom Krankenhaus zurück ins Hotel
Kurz nach Mitternacht wurde allen übel, sodass sie am nächsten Morgen früh ins Krankenhaus gingen. Die Eltern erhielten nach eigenen Angaben Infusionen, Magenresistenz- und Schmerztabletten. Die Kinder mussten in ein anderes Krankenhaus gebracht werden, wo sie Probiotika verschrieben bekamen und zurückgeschickt wurden.
Als die Beschwerden der Familie in der Nacht unerträglich wurden und die Kinder wohl das Bewusstsein verloren, wurden Notarztwagen ins Hotel gerufen. Kurz danach starben die Kinder, am Freitag folgte die Mutter Cigdem.
Dank ihrer Angaben konnten die Behörden den Tag der Familie schnell rekonstruieren und alle Straßenhändler, Café- und Restaurantinhaber ausfindig machen. Vier von ihnen wurden wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung bereits verhaftet.
Die ersten Autopsieberichte brachten jedoch keine eindeutigen Ergebnisse über die Todesursache.
Nachdem weitere Hotelgäste mit Übelkeit und Erbrechen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, nahmen die Ermittler auch das Hotel ins Visier. Sie gehen Hinweisen auf eine Vergiftung durch Chemikalien nach. Offenbar soll ein Kammerjäger am besagten Tag gesundheitsschädliche Pestizide gegen Bettwanzen und Ungeziefer verwendet haben, die durch Lüftungsschächte ins Zimmer der Verstorbenen gelangten.
Ein toxikologischer Bericht sowie ein Gutachten der Gerichtsmedizin sollen nun die Wahrheit ans Licht bringen. Auch der Hotelinhaber und zwei Mitarbeiter der Schädlingsbekämpfungsfirma wurden festgenommen.
Tod in Istanbul: Lebensmittelvergiftung oder Chemikalien?
Der Istanbuler Rechtsmediziner Halis Dokgöz vermutete schon früh eine chemische Vergiftung. Er erklärt, dass Lebensmittelvergiftungen in der Türkei zwar relativ häufig vorkommen, etwa bei Hochzeiten, in Mensen oder Kantinen. Auch könnten diese eine große Anzahl von Menschen betreffen. Der aktuelle Fall sei jedoch sehr untypisch.
Tatsächlich meldeten türkische Agenturen allein am Montagnachmittag zwei große Fälle von Lebensmittelvergiftungen im Land. So habe es etwa 65 Betroffene nach einer Hochzeitsfeier im nordosttürkischen Trabzon und 30 weitere nach einer religiösen Veranstaltung im nordtürkischen Kastamonu gegeben. Mediziner fordern seit Jahren effektivere Lebensmittelkontrollen in der Türkei.
Gefahr durch Insektizide: das Phosphin-Gas
Auch Vergiftungen durch Chemikalien treten im Land durchaus häufig auf; sie können auch tödlich enden. Vor einem Jahr kam ein einjähriges Kind in İzmir ums Leben, nachdem dessen Nachbarn einen Kammerjäger mit der Bekämpfung von Bettwanzen beauftragt hatten. Laut den Ermittlern drangen die giftigen Dämpfe in die unteren Wohnungen ein, wo der kleine Junge schlief.
Im Mai 2024 gab es eine Vergiftung von 28 Personen in den Containerunterkünften einer Baufirma in Istanbul. Auch hier verwendete ein Schädlingsbekämpfer ein gesundheitsschädliches Insektizid. Die Männer mussten im Krankenhaus behandelt werden.
Im Februar 2024 führte die Mieterin eines Hauses in Konya im Erdgeschoss eine Schädlingsbekämpfung durch. Das gasförmige Insektizid drang in die Wohnung im Obergeschoss ein. Fünf Familienmitglieder dort wurden vergiftet. Ein siebenjähriger Junge starb später im Krankenhaus.
Im aktuellen Fall haben Ermittler den Einsatz von Aluminiumphosphid im Verdacht. Rechtsmediziner Dokgöz warnt, dass diese hochtoxische Substanz bei Kontakt mit Feuchtigkeit das extrem toxische Phosphin-Gas bildet. Dieses Gas habe eine Mortalität von 40 bis 80 Prozent; es gebe kein Gegenmittel. Er betont, dass der Einsatz dieser Substanz, die auch in Ländern wie Iran und Indien verwendet wird, extrem sorgfältig erfolgen oder sogar verboten werden müsse.
Zurzeit ist noch unklar, ob eine Insektizid- oder Lebensmittelvergiftung zur Tragödie führte. Halis Dokgöz schließt auch mehrere Faktoren nicht aus: Es sei möglich, dass sich eine Vergiftung durch Lebensmittel mit der Insektizid-Belastung überlagert habe.
Fakt sei, dass im Hotel eine Schädlingsbekämpfung mit gefährlichen Mitteln durchgeführt wurde. Die Familie kehrte nach der Krankenhausbehandlung in das Zimmer zurück und atmete die chemische Substanz weiter ein, wodurch sich das toxische Bild verstärkte. "Daher ist die genaue Identität der verwendeten Chemikalie von größter Bedeutung", so Dokgöz. Zudem müsse auch ein möglicher Behandlungsfehler im Krankenhaus in Betracht gezogen werden.