Familienunternehmer: Mit der AfD reden, aber nicht wählen
27. November 2025
Soll geredet werden mit der in Teilen als rechtsextrem eingestuften Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) oder nicht? Und wie soll sich die Wirtschaft positionieren? Seit Tagen gärt dieses Thema und sorgt für viel Diskussion.
Den Anstoß hatte der Verband 'Die Familienunternehmer' gegeben, als er im Oktober zu seinem Parlamentarischen Abend in Berlin erstmals auch AfD-Vertreter eingeladen hatte. Dafür hob der Verband laut seiner Präsidentin Marie-Christine Ostermann ein bis dahin auf Bundesebene geltendes "Kontaktverbot" zu der Partei auf.
"Wir Familienunternehmer wollen keine Regierung mit AfD-Beteiligung", heißt es ausdrücklich auf der Internetseite. "Das Weltbild der AfD passt nicht zu unserer freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Grundüberzeugung, weshalb wir Familienunternehmer die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD nicht scheuen."
"Mit einem Andersdenkenden zu diskutieren, heißt nicht, seine Positionen zu akzeptieren. Reden heißt nicht zusammenarbeiten", betont Marie-Christine Ostermann.
Es sei notwendig, die Partei auf inhaltlicher Ebene zu stellen, so der Verband gegenüber dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF). Die Sehnsucht nach der AfD könnte demnach verfliegen, wenn deutlich gemacht werde, dass deren Politiker unterhalb "toller Überschriften" oft "inhaltlich blank oder widersprüchlich" seien. Das zeige sich aber nur im direkten Austausch.
Erste Austritte aus dem Verband
"Rückmeldungen aus der Mitgliedschaft unterstützen dieses Vorgehen", gibt der Verband auf Instagram an. Wie groß die Unterstützung ist, ist nicht öffentlich. Der Verband 'Die Familienunternehmer' steht für 180.000 Familienunternehmen in Deutschland, die rund acht Millionen Menschen beschäftigen. Es gibt allerdings keine Liste, aus der deutlich wird, welche Unternehmen überhaupt Teil des Verbandes sind.
Einige der Mitglieder haben inzwischen aber Konsequenzen aus dem Umgang des Verbandes mit der AfD gezogen und diese auch publik gemacht: So hat der Berliner Unternehmer Harald Christ den Verband verlassen. Am Dienstag kündigte die Drogeriekette Rossmann ihren Austritt an.
Der Haushaltsgerätehersteller Vorwerk will seine Mitgliedschaft, die seit längerer Zeit ruht, ebenfalls beenden und formal aus dem Verband austreten. "Vorwerk distanziert sich von den Aussagen des Verbandes 'Die Familienunternehmer' zum Umgang mit der AfD."
Andere denken noch über einen Austritt nach. So hieß es von der Melitta-Gruppe, man sei "sehr überrascht" über die veränderte Position der Verbandsführung. Der Dialog mit der Politik werde zwar befürwortet, nicht jedoch mit Parteien, die auch nur in Teilen als extremistisch eingestuft würden.
Weitere Reaktionen anderer Unternehmen
Eines der deutschen Vorzeigeunternehmen in Sachen Mitarbeiterfreundlichkeit, Nachhaltigkeit und Beliebtheit bei den Kunden ist die Drogeriekette dm. Eine klare Äußerung gegen die AfD kommt von hier allerdings nicht, aber: "dm lehnt eine polarisierende Brandmauer-Debatte ebenso entschieden ab wie Positionen der Partei AfD, welche die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen", sagte Christoph Werner, Vorsitzender der dm-Geschäftsführung der Süddeutschen Zeitung.
"Wie der Verband mit bestimmten Parteien umgehen möchte, muss er mit seinen Mitgliedern entscheiden", so das Unternehmen. dm sei bereits vor vielen Monaten ausgetreten und daher nicht mehr Teil der internen Meinungsbildung. "Es steht uns daher nicht mehr zu, dem Verband Ratschläge zu erteilen".
Erst in diesem Jahr konnte dm sich darüber freuen, die Nummer eins beim Kundenmonitor in Sachen Kundenbeliebtheit zu sein. Nun geben sich viele Kunden auf Instagram nicht begeistert. Der Tenor diverser Statements: "Es war schön bisher, aber von nun an trennen sich unsere Wege, wenn ihr nicht nachsteuert!" Ohne eine klare Haltung bei dm wollen viele künftig bei Rossmann einkaufen.
Den Ärger der Kunden bekommen auch Unternehmen zu spüren, die ihn gar nicht verdient haben. So bekam Haribo von diversen Menschen Aufforderungen, sich von der AfD zu distanzieren - inklusive der Ankündigung, die Produkte nicht mehr zu kaufen. Der Süßigkeitenhersteller beeilte sich klarzustellen: Haribo "gehört dem Verband 'Die Familienunternehmer e.V.' nicht an."
Auch andere Unternehmen wie Henkel müssen sich mit einzelnen Posts wie diesen: "Statement zum Thema Familienunternehmer-Verband/AfD jetzt bitte!" auf Instagram auseinandersetzen.
Reaktionen anderer Verbände
Scharfe Kritik kam auch aus der Politik von den Parteien Die Grünen und CDU. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) prangerten ebenfalls die Einladung von AfD-Vertretern zum Gespräch an.
Verdi-Chef Frank Werneke forderte Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände zu einer klaren Positionierung auf. Gegenüber der Funke-Mediengruppe sagte er: "Die Geschichte mahnt, wie wichtig eine klare Abgrenzung der Wirtschaft gegenüber Rechtsextremen ist." Er verwies dabei auf historische Parallelen zur Unterstützung der NSDAP durch Industrielle im Jahr 1933.
Auch Anja Piel aus dem DGB-Vorstand forderte die Mitgliedsunternehmen des Verbands auf, sich klar hinter die Brandmauer zur AfD zu stellen.
Vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) heißt es auf Anfrage der DW: Der BDI habe sich wiederholt kritisch zu den Positionen der AfD und anderer radikaler Parteien geäußert. "Wir suchen nicht proaktiv den Austausch mit Vertretern von radikalen Parteien wie der AfD."
Bäckerhandwerk sieht sich zu Unrecht am Pranger
In einem Bericht der Bild-Zeitung fühlt sich der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks falsch dargestellt. Meike Bennewitz vom Verband betont in einer Anfrage der DW: Der Verband verwehre sich gegen jede Form von Extremismus. "Wir verurteilen ganz klar verfassungswidrige oder extremistische Positionen, die die Gesellschaft spalten."
Das bedeute, auf Anfrage würden Abgeordneten unabhängig ihrer Parteizugehörigkeit Informationen oder Positionspapiere zur Verfügung gestellt werden, der Verband werde "aber nicht proaktiv auf Parteien des äußeren politischen Randes zugehen und Abgeordnete von diesen nicht zu Verbandsveranstaltungen einladen."
Vom Bauernverband heißt es: "Wir […] beschränken den Umgang [mit der AfD] auf das protokollarisch gebotene Mindestmaß. Unsere ersten Ansprechpartner sind die Regierungsfraktionen in Bund und Ländern."
Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) fordert die AfD auf, eine Brandmauer zum Rechtsextremismus und Europafeindlichkeit zu ziehen. "Solange das nicht passiert, gibt es keinen Grund, miteinander zu sprechen. Das gilt genauso für die Gegner der Marktwirtschaft bei Linkspartei und BSW (Bündnis Sarah Wagenknecht). Auch hier fehlt die gemeinsame Grundlage für einen Austausch."
Während andere sich streiten...
... freut sich die AfD. "Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Wirtschaft und Mittelstand das Gespräch auch mit Vertretern der Opposition suchen, noch dazu, wenn diese die nach Umfragen stärkste politische Kraft im Land darstellt", teilte AfD-Chefin Alice Weidel mit. Die Familienunternehmer müssten für ihren Mut gelobt werden. "Auch andere Vertreter von Wirtschaft, Finanzwelt und Mittelstand wären gut beraten, dem Beispiel der Familienunternehmer zu folgen." Distanzierungen und Ausgrenzungsrituale seien nicht hilfreich.