"Fenster nach Ankara"
24. August 2004Moskau, 9.8.2004, NOWYJE ISWESTIJA, russ., Oleg Kassimow
(...) Seit 1492, als Russland und die Türkei Botschaften austauschten, hat kein einziger Kreml-Chef eine Einladung der Führung der Türkei angenommen, dieses Land zu besuchen.
Es ist nämlich so, dass sich die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei wegen des Zugangs zum Schwarzen Meer Jahrhunderte lang zugespitzt haben. Die letzte Zuspitzung begann 1945, als auf Befehl von Stalin in den sowjetischen Medien Artikel auftauchten, in denen territoriale Ansprüche gegenüber Ankara erhoben wurden. Erst 1953 erklärte Moskau offiziell, dass es diese Ansprüche nicht gibt. Die Situation entspannte sich jedoch nicht: 1952 trat die Türkei der NATO bei, 1959 wurden auf sieben Militärbasen der Türkei amerikanische "Jupiter"-Raketen stationiert, die die führenden Industriezentren der UdSSR in nur zehn Minuten erreicht hätten. Der höchstrangige Beamte, der während der ganzen Sowjetära die Türkei besuchte, war der Vorsitzende des Obersten Sowjets, Nikolaj Podgornyj (1973). Niemand bezeichnete jedoch diesen Besuch als Staatsbesuch. Auch Boris Jelzin änderte nichts daran ungeachtet der Tatsache, dass 1992, während des Besuchs von Premierminister Demirel in Moskau, ein Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Türkei und Russland unterzeichnet wurde.
Deshalb kann der bevorstehende Besuch von Putin als historisch betrachtet werden. Die Einladung, Ankara zu besuchen, bekam der russische Präsident beim Millennium-Gipfel am 7. September 2000 in New York vom Präsidenten der Türkei, Ahmed Necdet Sezer. Beim Besuch wird es hauptsächlich um wirtschaftliche Probleme gehen. Der Warenumsatz zwischen unseren Ländern hat 8 Milliarden Dollar erreicht, aber sowohl Russland als auch die Türkei wollen ihn wesentlich erhöhen. Die wichtigste Aufgabe, die beim Treffen der Präsidenten gelöst werden soll, sind natürlich die Gaslieferungen in die Türkei.
Moskau und Ankara haben kürzlich eine gemeinsame Arbeitsgruppe gebildet, um die Einzelheiten der neuen Projekte in der Gas-Branche durchzuarbeiten und ein Abkommen über Zusammenarbeit vorzubereiten, das während des Besuches unterzeichnet wird. Kürzlich suchte eine Delegation von Gasprom mit Aleksej Miller an der Spitze Ankara auf. Die Seiten kamen überein, dass Gasprom hohe Summen in die Energie-Branche der Türkei investieren wird, unter anderem in die Entwicklung des Gastransports. Ankara versicherte, seinen Verpflichtungen beim Erwerb von russischem Erdgas nachzukommen, das über die Gaspipeline "Goluboj potok" [Blauer Fluss] fließt, die gemäß einem bilateralen Abkommen vom 15. Dezember 1997 errichtet wurde. In diesem Fall wird die Türkei (nach Deutschland und der Ukraine) zum größten Gasabnehmer Russlands. Gemäß dem Vertrag muss Russland im Laufe von 25 Jahren 365 Milliarden Kubikmeter Gas in die Türkei liefern. Über die Türkei wird das russische Gas auch weiter nach Europa und Israel fließen.
Unterdessen übt Washington Druck auf die Türkei aus, indem es an Ankara appelliert, auf Erdgas aus Aserbaidschan zu setzen, das nach dem Bau der Gaspipeline Baku-Erzurum in die Türkei geliefert werden soll. Die Bush-Administration will einen Transkaspischen Energiekorridor errichten, der ermöglichen wird, Erdöl und Gas aus den Staaten Zentralasiens und Aserbaidschan über die Türkei auf den Weltmarkt zu liefern. (...) Moskau passen diese Aussichten nicht. Der Besuch von Putin wird nicht zuletzt ein Versuch sein, das Problem zugunsten Russlands zu lösen.
Wladimir Putin rechnet ferner damit, dass sein Besuch in Ankara ermöglichen wird, auch einen weiteren Streit mit den USA zugunsten Russlands beizulegen. Seit 1996 führen Moskau und Washington einen Kampf um die Lieferung von 145 Kampfhubschraubern an die Türkei. Der Vertrag beläuft sich auf 2,5 bis 4,5 Milliarden Dollar. Experten gehen davon aus, dass die türkischen Machthaber – vom Besuch des Präsidenten der Russischen Föderation begeistert – ihm dieses Geschenk machen könnten, ein russisches Unternehmen mit der Lieferung zu beauftragen. (lr)