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Fest gegen das Vergessen

Andrea Grunau10. Juni 2014

Kundgebung, Konzert und Kurzvisite von Bundespräsident Joachim Gauck in der Keupstraße - so ging in Köln "Birlikte" zu Ende, das Fest zum Zusammenhalt genau zehn Jahre nach dem NSU-Nagelbombenanschlag.

Bundespräsident Gauck (links) mit Delgation im Friseursalon Özcan in der Kölner Keupstraße (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa

Kein deutscher Politiker ließ sich sehen, nachdem am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe die Kölner Keupstraße verwüstet hatte und 22 Menschen verletzt worden waren, teilweise lebensgefährlich. Genau zehn Jahre später kam das deutsche Staatsoberhaupt in die Straße, die als türkisches Geschäftszentrum weit über Köln hinaus bekannt ist. Bundespräsident Joachim Gauck besuchte den Friseursalon Özcan in der Keupstraße 29, wo 2004 ein Attentäter ein Fahrrad mit der Nagelbombe direkt vor das Schaufenster gestellt hatte, während Hasan Yildirim einen Kunden bediente. Minuten später ging damals der Sprengsatz in die Luft, lange Nägel bohrten sich den Menschen ins Fleisch.

Hasan Yildirim wurde schwer verletzt. Seine Wunden seien verheilt, sagt er, doch er leide immer noch unter dem Anschlag. Sein Bruder Özcan Yildirim, der Inhaber des Friseursalons, sei natürlich stolz, dass der Bundespräsident zu ihm in den Laden komme, übersetzt seine Frau. Sie seien froh über die Aufmerksamkeit heute: "Wir haben einiges durchgemacht damals, wurden beschuldigt, Alpträume waren das. Das kann man sich von außen schwer vorstellen." Sie selbst wurde krank.

Anschlagsopfer: Die Brüder Özcan (l.) und Hasan Yildirim zehn Jahre nach der NagelbombeBild: DW/A.Grunau

Die Yildirims und andere Anwohner hatte man 2004 verdächtigt, dass der Anschlag aus ihren Reihen verübt wurde, aus einem "kriminellen Milieu". Erst sieben Jahre später, nach dem Auffliegen der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) ging auch der Generalbundesanwalt davon aus, was die Yildirims wie viele Bewohner der Keupstraße früh vermutet hatten: Es war ein rechtsextremer Anschlag von außen, ein brutaler Gewaltakt gegen zufällige Opfer in dieser Straße allein wegen der Herkunft vieler Familien.

Hoffnung, weil viele Deutsche in die Keupstraße gekommen sind

Hasan Yildirim hofft, dass der Besuch des Bundespräsidenten ihm Kraft gibt, er ist aber besonders dankbar für die zehntausenden Besucher, die schon am Sonntag zum Straßenfest in die Keupstraße kamen. "70 bis 80 Prozent Deutsche", berichtet er, das mache ihm Hoffnung. Ähnlich sehen das Simone und Stefan Kamin, die eine halbe Stunde von Köln entfernt wohnen. Sie sind in die Keupstraße gekommen, weil sie der Anschlag schon 2004 entsetzte und sie sofort an rechtsextremen Terror dachten. Jetzt wollen sie ein Zeichen dagegen setzen. Sie wünschen sich, dass viele Menschen künftig aufmerksam sind, damit "so etwas Brutales und Niederträchtiges" nicht mehr passiert.

Birlikte-Besucher: Simone und Stefan KaminBild: DW/A.Grunau

Bundespräsident Gauck eilte vom Friseursalon der Yildirims aus weiter ins Restaurant Mevlana, wohin viele weitere Verletzte und außerdem Angehörige der zehn NSU-Mordopfer eingeladen waren. Auch Juwelier Metin Ilbay war dabei. Nach der Stunde im Restaurant aber ist er bitter enttäuscht, ja sogar wütend. Er erzählt, dass der Bundespräsident neben Hasan Yildirim fast nur mit Politikern und Mitgliedern der Interessengemeinschaft Keupstraße gesprochen habe, die das Treffen organisiert hatten. Mit ihnen habe Gauck an einem Tisch Mittag gegessen. Am Nachbartisch hätten die Angehörigen der NSU-Mordopfer und die Verletzten aus der Keupstraße Tee bekommen und zuschauen können, so hat er es erlebt. Wenn er das gewusst hätte, hätte er sein Geschäft nicht geschlossen, sagt der 59-Jährige Geschäftsmann, der als Nebenkläger am NSU-Prozess teilnimmt. Er vermisste das Interesse an den eigentlich Betroffenen.

Positive Erinnerung an Treffen mit Kanzlerin Merkel

Metin Ilbay, den am 9.6.2004 drei Nägel verletzten, hätte sich gewünscht, auch mit dem Bundespräsidenten reden zu können oder dass dieser zumindest auf alle zugegangen wäre, sagt er: "Da saßen Angehörige der Mordopfer!". An einem früheren Treffen mit Gauck in Berlin konnte Ilbay aus geschäftlichen Gründen nicht teilnehmen, darum hatte er sich gefreut, dass der Bundespräsident jetzt in die Keupstraße kam. Ein Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hat er in sehr positiver Erinnerung. "Es tut mir leid, ich schäme mich", das seien ihre Worte für die NSU-Opfer gewesen. Sie habe sich viel Zeit genommen und die Menschen gefragt, ob sie ihr etwas sagen wollten, "so wie es sein sollte". Der Juwelier hat ein Foto von sich mit der Kanzlerin in seinem Geschäft stehen.

NSU-Nebenkläger: Metin Ilbay mit Kanzlerin MerkelBild: DWAndrea Grunau

"Es war okay, was soll er auch sagen", erwidert Metin Ilbay auf die Frage, wie er die Rede von Bundespräsident Gauck bei der Eröffnung der Kundgebung fand, die das große Abschlusskonzert von Birlikte einleitete. Der Bundespräsident sagte: "Wir sind verschieden, aber wir gehören zusammen und wir stehen zusammen, um allen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, zu sagen: Ihr seid nicht allein."

Sorge, dass Aufmerksamkeit und Interesse nachlassen

Die Kundgebung mit vielen Künstlern musste wegen Unwetterwarnungen nach vier Stunden vorzeitig beendet werden, aber es kam noch eine Mordopfer-Angehörige zu Wort. Semiya Simsek, die Tochter von Enver Simsek, der als erstes NSU-Mordopfer gilt, mahnte: "Es bedarf nicht einer so großen Veranstaltung, um Solidarität auszudrücken. Solidarität kann immer stattfinden, sie muss immer stattfinden."

Gekommen: Dem Aufruf 'Birlikte - Zusammenstehen' folgten bei der Kundgebung rund 50.000 MenschenBild: DW/A.Grunau

Die Ehefrau von Özcan Yildirim, die ihren Vornamen nicht nennen will, befürchtet: "Jetzt ist die Aufmerksamkeit da, aber in wenigen Tagen könnte alles wieder vergessen sein." Doch viele Menschen haben in diesen drei Fest- und Gedenktagen die Keupstraße neu kennengelernt. Oft hörte man den Satz: "Ach, hier ist das passiert, wie schrecklich". Viele standen nachdenklich am Anschlagsort. Simone und Stefan Kamin hoffen, dass Birlikte viel bewegt. Für sie steht schon jetzt fest, dass sie zurückkommen in die Keupstraße, in die Geschäfte und abends in eines der türkischen Restaurants.

Das ist genau das, was sich auch Uzay Özdag wünscht, der in der Keupstraße groß geworden ist. Beim Anschlag stand er mit seinem einjährigen Sohn und seinem Vater auf der Keupstraße. Es sollen auch nach dem Fest Birlikte mehr Deutsche kommen, damit sie sehen: "Wir sind keine Kriminellen, wir sind keine Islamisten oder Terroristen. Wir sind ganz normale Menschen, die arbeiten gehen, Steuern zahlen, Familien haben und den normalen Alltag leben."

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