Die Nachkriegsindustrie boomte. Und auf einmal gab es mehr Arbeit als Arbeitskräfte. Mit einem Festakt im Kanzleramt erinnert Deutschland an das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, das vor 60 Jahren unterzeichnet wurde.
55 türkische "Gastarbeiter" kommen am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf anBild: picture-alliance/dpa/W. Hub
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Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte, Deutschland habe sich seither zu einem Einwanderungsland entwickelt, das durch Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen stärker geworden sei. Das am 30. Oktober 1961 geschlossene Abkommen regelte die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei. Heute leben in Deutschland mehr als 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln.
"Glücksfall für unser Land"
Im Rahmen des Festakts verliehen Merkel und der frühere Bundespräsident Christian Wulff den Integrationspreis "Talisman" der Deutschlandstiftung Integration. Stellvertretend für die Migranten der ersten Generation wurden vier Zuwanderer aus der Türkei, Kroatien, Vietnam und Korea für ihre Lebensleistung ausgezeichnet. In seiner Rolle als Stiftungsratsvorsitzender würdigte Wulff die Preisträger als "Glücksfall für unser Land".
Einstige Gastarbeiter zeigen ihren Blick auf NRWs Metropolen. Das Museum Ludwig in Köln widmet ihnen die Schau "Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration".
Bild: Asimina Paradissa
Asimina Paradissa in Wilhelmshaven
Die Griechin Asimina Paradissa war 20 Jahre alt, als sie nach Wilhelmshaven kam. Hier posiert sie vor ihrem Wohnheim der Firma Olympia. Bis heute fotografiert die mittlerweile 76-Jährige leidenschaftlich. Für ihre Kolleginnen und Freundinnen dokumentierte sie damals Hochzeiten, Feste und Zoobesuche. Bei den Fotos, die sie selbst zeigen, bestand sie darauf, Bildregie zu führen.
Bild: Asimina Paradissa
Auf dem Weg nach Paris
Wie Asimina Paradissa zog es in den 1960er-Jahren im Zuge der Anwerbeabkommen viele junge Menschen in die BRD. Die sogenannten Gastarbeiter stammten vornehmlich aus Griechenland, Spanien, Italien und der Türkei. Auch Yücel Aşçıoğlu kam zum Arbeiten nach Deutschland. Hier ließ er sich zusammen mit seinen Freunden auf dem Weg nach Paris ablichten, wo sie 1971 ihren Osterurlaub verbringen wollten.
Bild: Yücel Aşçıoğlu
Onur Dulgür am Tag seiner Hochzeit
Zunächst kamen vor allem junge Männer wie Onur Dulgür in die BRD. Dieses Bild zeigt ihn an seinem Hochzeitstag am 23.12.1965. "An dem Tag war ich so glücklich, weil Monika und ich es endlich geschafft hatten, eine notarielle Erlaubnis zu bekommen, um heiraten zu dürfen", erinnert sich Dulgür. Monikas deutsche Familie war gegen die Verbindung. Die Trauung fand ohne Verwandte statt.
Bild: Onur Dülger/DOMiD-Archiv, Köln
Ladenzeile in der Kölner Keupstraße
Die Einwanderer hatten mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Die Anfeindungen gegen sie und das Wiederaufkeimen des Rechtsextremismus thematisiert die Ausstellung unter anderem mit einem Blick auf die Kölner Keupstraße (Bild von 1977). Dort verübte die rechtsextreme Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) 2004 einen Nagelbombenanschlag auf Geschäftsleute mit ausländischen Wurzeln.
Bild: Rheinisches Bildarchiv, Köln
"Türken in Deutschland", 1975
Neben den Privatfotografien sind auch Aufnahmen bekannter Fotografen wie hier von Candida Höfer in der Ausstellung zu sehen, die vom 19. Juni bis zum 3. Oktober 2021 läuft. Doch diese professionellen Aufnahmen sind nur "Beiwerk": Erstmalig in der Geschichte des Kölner Museum stehen Privataufnahmen im Mittelpunkt einer Schau.
Dieses Bild zeigt die Familie Spitareli in Köln-Kalk um 1967. Der Vater trägt ein Radio, das er seiner Frau zum Trost gekauft hatte, damit sie italienische Radiosendungen hören konnte. Sie sollte sich weniger einsam fühlen. Denn die beiden Kinder konnte das Ehepaar erst später nachholen. Mit Hilfe dieser privaten Fotos ließe sich die ganze Geschichte erzählen, sagt Kuratorin Barbara Engelbach.
Bild: Rosa Spitaleri/DOMiD-Archiv, Köln
Geschichten der Einsamkeit
Die Geschichten der Migranten sind auch Geschichten der Abwesenheit, der Sehnsucht und der Einsamkeit. Sofia Zacharia musste ihre drei kleinen Töchter in Griechenland zurücklassen, als sie zum Arbeiten nach Aachen zog. Auf diesem Bild ist sie mit ihren Mitbewohnerinnen vor dem Frauenwohnheim der Firma Leonard Monheim zu sehen. Fotos dienten dazu, den Liebsten zu Hause zu zeigen, wie man lebt.
Bild: Sofia Zacharaki/DOMiD-Archiv, Köln
Sorgfältig inszenierte Bilder
Oft waren sie sorgfältig inszeniert wie auf diesem Bild, das Ali Kanatlı (vorne rechts) mit Freunden am Aachener Weiher zeigt. Die Fotos "erzählen vom Ankommen an einem neuen Ort, von der Selbstverortung, Wahrnehmung und Gestaltung der eigenen Lebensumwelt", erklärt Gastkuratorin Ela Kaçel, die die Ausstellung initiiert hat.
Bild: Ali Kanatlı/DOMiD-Archiv, Köln
Ein Leben auf engstem Raum
Oftmals zeigen die Bilder, wie sich die Einwanderer in der neuen Umgebung sehen wollten. Von den beengten Lebensverhältnissen ist auf diesem Bild, das die Familien Türköz und Üçgüler in der ersten gemeinsamen Wohnung im Kölner Agnesviertel zeigt, nichts zu sehen.
Bild: Alpin Harrenkamp
Fokus auf die schönen Momente
Tatsächlich aber lebten die ausländischen Familien häufig in sanierungsbedürftigen Häusern oder auf engstem Raum und waren vom "guten" Wohnungsmarkt ausgeschlossen. Nach außen hin wollten sie aber lieber die schönen Moment festhalten, wie hier bei einem Familienausflug der Familie Türköz am Rheinufer 1972.
Bild: Alpin Harrenkamp
Auf die Barrikaden...
Doch in den 1970er-Jahren beginnen die Migranten, sich offen und aktiv für die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse einzusetzen. In ganz Deutschland gehen Arbeiter auf die Straßen und legen ganze Fabriken lahm. Dieses Bild zeigt Streikende bei den Kölnern Ford-Werken im Jahr 1973.
Bild: Gernot Huber
Partystimmung um 1965
Somit ist die Schau "Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration" auch eine Geschichte der Emanzipation. Sie erzählt von Menschen, die in ein fremdes Land kamen, das sie für sich entdeckten und das für viele von ihnen zur Heimat wurde. Und damit ist es nicht nur eine (Foto-)Geschichte der Migration, sondern auch die Geschichte Deutschlands.
Bild: Chrysaugi Diederich/DOMiD-Archiv, Köln
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Weil im Wirtschaftswunderland Arbeitskräfte fehlten, schloss die Bundesrepublik seit 1955 mehrere Anwerbeabkommen - unter anderem auch mit Italien, Griechenland und Jugoslawien. Unterdessen holte die DDR sogenannte Vertragsarbeiter aus Ländern wie Vietnam und Mosambik.
Integration war ein Fremdwort
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, bezeichnete die Anwerbeabkommen als "ein Herzstück deutscher Geschichte". Die sogenannten Gastarbeiter hätten entscheidend zur wirtschaftlichen Stärke des Landes beigetragen. Integration sei damals allerdings noch ein Fremdwort gewesen. "Die Leistung der ersten Generation verdient deshalb unseren ganz besonderen Respekt."