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Film-Klau: Die ungewöhnliche Antwort zweier Filmemacher

23. Februar 2026

Aus Butty wird T-130: Ein US-Student schnappt sich den Film zweier deutscher Filmstudenten und gewinnt damit Preise. Statt zu klagen suchen die beiden ihn auf und machen daraus eine faszinierende Doku.

Animation: ein kleiner Roboter mit einem Staubsauger.
Der Film "Butty" hieß auf einmal "T-130"Bild: MDR/Neue Flimmer GmbH

Was wie ein Drehbuch klingt, ist zwei Berliner Filmstudenten tatsächlich passiert: Moritz Henneberg und Julius Drost drehen als Abschlussarbeit einen kleinen Animationsfilm. Es geht um einen Haushaltsroboter, der es nicht schafft, seinen Job richtig zu machen und deswegen vor die Tür gesetzt wird. Eine sehr anrührende Geschichte, die schnell viral geht, als die beiden Filmemacher "Butty" auf Youtube veröffentlichen. Der große Klickerfolg bringt die beiden dazu, den Film bei Festivals einzureichen. Doch dann kommt der große Schock: Ihnen wird gesagt, diesen Film gebe es bereits - allerdings unterem einem anderen Namen. 

Was ist passiert? Der US-Student Samuel Felinton hat den Film heruntergeladen, minimal verändert, ihm den neuen Titel "T-130" gegeben und die Original-Credits weggeschnitten. Mit seiner Version gewinnt er als angeblicher Urheber zahlreiche Preise und wird in den USA eine kleine Berühmtheit.

Filmreife Geschichte

Fassungslos über den dreisten Diebstahl lassen sich Moritz und Julius von Anwälten beraten, müssen sich aber sagen lassen, dass ein Prozess schwierig und teuer werden würde. So nehmen sie die Sache selbst in die Hand und reisen in die USA, um Felinton zu stellen - und darüber eine Dokumentation zu drehen.

Moritz (li) und Julius in New York auf RechercheBild: MDR/Benedikt Hugendubel

"Wir haben schon vorher Dokumentarfilme gemacht", erzählt Moritz der DW. "Also kamen wir schnell auf die Idee: Das ist eine fantastische Geschichte - lasst uns eine Doku darüber machen." Tatsächlich entwickelte sich fast so etwas wie eine Faszination für den Mann, der ihren Film gestohlen hatte: "Wir haben seine Vlogs geschaut und sind irgendwie in seine Welt eingetaucht," sagt Julius. "Für uns war er fast wie eine Art Promi. Wir erfuhren sehr viel über ihn und wollten ihn unbedingt persönlich treffen."

Faszination statt Wut

Während Familie und Freunde wütend reagierten, blieben die beiden erstaunlich ruhig. Sie waren eher perplex: "Unsere Familie und Freunde hassten Samuel. Wir dagegen wollten verstehen, was da eigentlich passiert ist."

Die beiden stellen ein Drehteam zusammen und reisen nach Morgantown, West Virginia - die Universitätsstadt, in der Felinton lebt. Mit Hilfe eines New Yorker Filmemachers, der vorgibt, eine Doku über junge Animationsfilmemacher zu drehen, gewinnen sie Felintons Vertrauen - und schließlich stehen sich Moritz, Julius und Samuel Felinton gegenüber.

Julius und Moritz sammeln Infos über Samuel FelintonBild: MDR/Benedikt Hugendubel

Die beiden Deutschen haben sich vor der Konfrontation jedes mögliche Szenario zurechtgelegt: "Wir hatten erwartet, dass er emotional reagiert - wegläuft, weint, sich schämt oder aggressiv wird. Aber er blieb völlig ruhig. Das war das Einzige, womit wir nicht gerechnet hatten. Wir dachten, sein ganzes Kartenhaus würde zusammenbrechen. Aber er zeigte kaum Emotionen."

Samuel erzählt den beiden Deutschen, wie er den Film gekürzt und "verbessert" habe und dieser dadurch so erfolgreich wurde. Natürlich werde er ihnen die Preisgelder, die er für den Film erhalten habe, überweisen. Seine Selbstverständlichkeit fasziniert und irritiert Moritz und Julius erneut - nach dem Gespräch grillen und essen sie gemeinsam und spielen noch eine Runde Basketball.

Klagen oder kreativ bleiben?

Viele Zuschauer werfen Moritz und Julius später vor, sie seien zu nachsichtig mit dem Dieb gewesen. Andere loben genau das. "Die Reaktionen waren sehr gespalten", erzählt Julius. "Die einen sagten, wir hätten ihn verklagen oder ihm ins Gesicht schlagen sollen. Die anderen meinten, wir hätten gezeigt, wie man Konflikte neu lösen kann." Und Moritz fügt hinzu: "Außerdem war es nichts Persönliches gegen uns. Er wollte sich selbst größer machen - er hätte auch einen anderen Film nehmen können. Wenn ein großes Studio wie Pixar unseren Film gestohlen hätte, wäre das etwas anderes gewesen."

Samuel Felinton möchte "unvergessen" bleibenBild: MDR/Neue Flimmer GmbH

Und so haben Moritz und Felix auch bewusst entschieden, menschlich zu bleiben. "Wir wollten ihn nicht öffentlich bloßstellen oder zusätzlich bestrafen. Es reicht, wenn die Leute wissen, was passiert ist. Unsere Doku war genug 'Rache'."

Der Titel der Doku: "Der talentierte Mister F." ist kein Zufall, sondern eine Anspielung auf den Spielfilm "Der talentierte Mr. Ripley", die Geschichte eines jungen Mannes, der die Identität eines wohlhabenden Erben annimmt und sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen, Betrug und schließlich Mord verstrickt. Für Moritz und Julius passte das einfach, denn auch Felinton habe eine falsche Identität erschaffen.

Prominente Unterstützung

Samuel schickt ihnen tatsächlich die gewonnenen Trophäen und einen Geldbetrag zurück. Die Festivals hingegen ziehen sich aus der Affäre. Ein Veranstalter antwortet sinngemäß: Der Preis sei vergeben, man könne nichts mehr tun, das sollten die Männer unter sich ausmachen.

In den USA ist die Geschichte bislang wenig bekannt. Doch das könnte sich ändern, wenn die Dokumentation dort gezeigt wird. Unterstützt wird der internationale Start unter anderem von Roland Emmerich, der als Investor in der Produktionsfirma beteiligt ist.

Für die beiden Filmemacher selbst hat der Skandal auch positive Effekte: Ihr ursprünglicher Animationsfilm bekommt nach der Doku, die im Oktober 2025 in Deutschland veröffentlicht wurde, deutlich mehr Aufmerksamkeit auf YouTube. Moritz und Julius haben ihn nochmal hochgeladen - und im Abspann danken sie unter anderem auch: Samuel Felinton.

"Habt keine Angst, euch zu zeigen"

Dass Felinton sich den Film überhaupt schnappen konnte, lag daran, dass er, als er 2023 erstmals im Netz erschienen war, einfach von Youtube heruntergeladen werden konnte. Julius und Moritz sagen heute, dass das Hochladen von "Butty" damals kein Fehler gewesen sei: "Wenn man etwas ins Internet stellt, geht man dieses Risiko ein. Die Alternative wäre gewesen, den Film gar nicht zu zeigen. Dann hätte ihn niemand gesehen."

Ihre Botschaft an junge Kreative ist klar: "Man sollte sich nicht entmutigen lassen. Seid euch bewusst, dass so etwas passieren kann - aber bleibt kreativ im Umgang damit. Klagen ist teuer und bringt oft wenig. Zeigt stattdessen der Welt, dass ihr die Urheber seid."

Was als Filmdiebstahl begann, ist schließlich selbst ein Filmstoff geworden. Und vielleicht ist genau das die ungewöhnlichste Wendung dieser Geschichte.

Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online
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