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FilmAfrika

"Finding Sally": Politisches Kino aus Äthiopien

Matthias Beckonert
21. November 2020

Die autobiografische Dokumentation "Finding Sally" von Tamara Dawit rekonstruiert das Leben einer Untergrundkämpferin. Und damit das Trauma einer Nation.

Regisseurin Tamara Dawit
Die äthiopisch-kanadische Regisseurin Tamara Dawit, die sich in dem autobiografischen Dokumentationsfilm "Finding Sally" auf die Spuren ihrer Tante in Äthiopien begibt - einer kommunistischen Widerstandskämpferin.Bild: Filmproduktion Finding Sally

Äthiopien ist ein Land, das in den deutschen Medien eher selten vorkommt. Und wenn, dann nur mit großen Schlagzeilen: Krieg mit dem Nachbarland Eritrea, der Friedensnobelpreis für die Schlichtung durch den Ministerpräsidenten Abiy Ahmed Ali, oder der seit einigen Wochen auch unter Abiy Ahmed zu einem Bürgerkrieg eskalierende Konflikt in der Region Tigray.     

All das verweist zwar auf die gewaltsame Geschichte des Landes, auf unverarbeitete Traumata und ethnisch motivierte Konflikte. Sucht man statt einer bloßen Abfolge von Ereignissen aber historische Entwicklungslinien, dann braucht es Künstlerinnen wie Tamara Dawit und Filme wie "Finding Sally".

Spurensuche in der eigenen Familie

In der autobiografischen Dokumentation begibt sich die Regisseurin Dawit auf die Spuren ihrer Tante Selamawit - kurz Sally -, die in der Periode des diktatorischen Kommunismus in Äthiopien als wirklich überzeugte Kommunistin in den politisch aktiven Untergrund gegangen und dort gestorben ist.  

Der Film beginnt mit einer überaus berührenden Szene: Eine alte Frau steigt aus einem Auto und geht langsam auf eine andere alte Frau zu, die vor dem Eingang ihres Hauses wartet. Beide begrüßen sich innig, indem sie sich auf die Wangen küssen, vier-, fünfmal, sie halten sich an den Händen und sagen, dass es zu lange her ist. Dann kommen ihnen die Tränen. An der Schulter der jeweils anderen weinen beide kurz und gehen schließlich ins Haus. Die Vergangenheit sei die Vergangenheit, beruhigt die alte Frau ihre Gastgeberin. "Es ist vorbei." 

Zum ersten Mal wurde die Dokumentation "Finding Sally" nun in Deutschland gezeigt, im Rahmen des Berliner Filmfestivals"Afrikamera", das im diesen Jahr aufgrund der Corona-Pandemie digital stattfinden muss. Seine Premiere feierte der Film in der vergangenen Woche in Äthiopien.

Sprechen über Vergangenheit - ein Tabu in Äthiopien

Die Grundkonstellation, der die Dokumentation folgt, ist eine ideale Versuchsanordnung. Zum einen lebt Tamara Dawit in Kanada, wo sie aufgewachsen ist. Erst in ihren zwanziger Jahren hat sie begonnen, sich intensiver mit ihrem Herkunftsland auseinanderzusetzen. Dawits Position ist daher, wie bei vielen internationalen Zuschauern wohl auch, eher die einer Außenstehenden, die kommentiert und erklärt. 

Folgt in der anfangs beschriebenen Szene also die Kamera der alten Frau (Dawits Oma) und ihrer Gastgeberin (der Schwiegermutter ihrer Tante Sally), wie diese gemeinsam ins Haus gehen, wird das nicht nur für den Zuschauer als Schwellenmoment markiert: "Meine äthiopischen Verwandten öffneten mir die Tür zu der Vergangenheit des Landes", erzählt Dawit im Hintergrund. "Durch ihre Tränen habe ich begonnen, die Versprechen und das Leid zu verstehen, das Äthiopien ausmacht."

Die vier Schwestern von Untergrundkämpferin Sally haben erst durch die Recherchen ihrer Nichte Tamara erfahren, wo und wie ihre Schwester gestorben ist. Regisseurin Tamara wiederum wusste bis in ihre zwanziger Jahre hinein nicht, dass sie eine fünfte Tante hat. Bild: Afrikamera

Zum anderen schafft es die Dokumentation, die Geschichte des Landes anhand von Dawits Familie stellvertretend auf einer intim-persönlichen Ebene - auch das verdeutlicht der Gang ins Haus - zu erklären. Damit bricht "Finding Sally" auf großer Bühne mit einem äthiopischen Tabu, dem man im Film immer wieder begegnet: Das Sprechen über die Vergangenheit und den Verlust in der eigenen Familie.

Eine Generation des Schweigens

An diesem Tabu ist insbesondere die Zeit des 'Roten Terrors' schuld, wie der Film verdeutlicht. Nach massiven Protesten im ganzen Land kam es 1974 zum Sturz des Kaisers Selassie durch eine Militärjunta, die das Land unter dem Banner des Kommunismus bis zum Zusammenbruch der unterstützenden Sowjetunion diktatorisch regierte.

Diese Statue der drei weinenden Frauen steht vor dem "Red Terror Martyrs' Memorial Museum" in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba - einer der wenigen Institutionen des Gedenkens an die massenhafte Ermordung vermeintlicher politischer Gegner.Bild: DW/J. Jeffrey

Der sogenannte "Rote Terror" bezeichnet die gezielte Verfolgung, Verhaftung und Ermordung politischer Gegner und gebildeter Schichten in dieser Ära. Das Trauern um die Verschwundenen und Ermordeten war verboten. "Die Überlebenden ließ das so angsterfüllt zurück, dass jahrzehntelang kein Widerspruch mehr stattfand", erklärt Dawit in ihrem Film, während man Bilder von auf der Straße entsorgten Leichen sieht.

Die anfängliche Beteuerung ihrer Oma, dass die Vergangenheit vorbei sei, während sie offensichtlich an den Erinnerungen leidet, die diese Vergangenheit allgegenwärtig machen, hat vor dem Hintergrund dieser Bilder eine selbstversichernde Qualität, die mindestens so schmerzhaft zu sehen ist wie die historischen Archivbilder, die Dawit immer wieder einbaut. 

Vater Diplomat, Tochter Widerstandskämpferin

Die Familiengeschichte ist auch deshalb so geeignet, diese Geschichte stellvertretend zu erzählen, weil der Vater von Tante Sally ein hochrangiger Diplomat und Patenkind von Kaiser Haile Selassie war. Die Tochter hingegen wurde eine überzeugte Kommunistin, die die vermeintlich kommunistisch handelnden Nachfolger des Kaisers entlarvte - und im Untergrund dagegen kämpfte. 

Ein frühes Bild der kommunistischen Widerstandskämpferin Selamawit, deren Leben in der Dokumentation rekonstruiert wird. Bild: Filmproduktion Finding Sally

"Finding Sally" ist somit doppeldeutig zu verstehen: Es geht zum einen darum, die Geschichte von Sally und ihrem Tod zu rekonstruieren, zum anderen aber auch um eine Verortung Sallys in der politischen Landschaft von heute: Auf welcher Seite würde man Sally bei den aktuellen Entwicklungen finden? "Sie würde auf jeden Fall kämpfen", ist sich Nichte Tamara Dawit sicher.  

Nur konsequent ist es also, dass Dawit ihren Film auch als Engagement betrachtet. Ziel ihrer Dokumentation sei es, sagte Dawit nach der Vorführung in der digitalen Diskussionsrunde, die im Rahmen des Festivals "Afrikamera" in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung organisiert wurde, diese dunklen Seiten der äthiopischen Geschichte zu beleuchten.

Kein Geschichtsunterricht in den Schulen

"Äthiopien scheint wie ein Land, das mit Hochgeschwindigkeit auf der Überholspur nach vorne prescht", so die Filmemacherin, "ohne dabei aber in den Rückspiegel zu schauen, um zu sehen, was hinter einem liegt und wie wir daraus lernen können." 

So sei an den Schulen kein eigener Geschichtsunterricht vorgesehen, sagte Dawit. An einer Universität habe ein Geschichtsdekan ihr erzählt, dass die Zeit des äthiopischen 'Roten Terrors' auch akademisch nicht aufgearbeitet wird.

Das und die zufällig zu Beginn der einjährigen Drehzeit einsetzenden Demonstrationen 2018, als das ebenfalls oppressive Nachfolgeregime der Kommunisten gestürzt wurde, hätten die Dringlichkeit bestärkt, Geschichten aus genau der Zeit zu erzählen und zu teilen, so Dawit. 

Roadtour durch ganze Land geplant

Fisseha Tekle, der bei Amnesty International für Äthiopien zuständig ist, sieht die fehlende Aufarbeitung ebenfalls als zentrales Problem Äthiopiens. Gerechtigkeit sei zwar ein zentrales Element der äthiopischen Gesellschaften. "Aber es wird sich nur auf die Strafverfolgung konzentriert. Es fehlt ein ganzheitlicher Ansatz für Gerechtigkeit, der auch die Opfer und Überlebenden einbezieht."

Es gebe auf den ersten Blick viele soziale und traditionelle Institutionen, die diese Rolle einnehmen könnten. "Aber es wurde nicht geschafft, diese Institutionen zu aktivieren, wie das etwa in Ruanda der Fall war."

Tamara Dawits sammelt deshalb aktuell per Fundraising Geld: Sie will eine Tour durch ländlichere Gegenden Äthiopiens organisieren, so dass der Film auch zu den Menschen außerhalb der großen Städte, wo es keine Kinos gibt, kommt. Außerdem soll der Film in verschiedenen Untertitelungen verfügbar gemacht werden, so dass Angehörige unterschiedlicher äthiopischer Bevölkerungsgruppen den Film verstehen können. Und dann, so die Hoffnung, beginnen - angeregt durch die Geschichte von Sallys Familie - sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. 

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