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PolitikEuropa

Griechenland: Anerkannte Flüchtlinge in Not

7. Juli 2020

Für Flüchtlinge in Griechenland wird das Leben nach der Anerkennung nicht etwa einfacher - sondern schwieriger: Ihnen drohen Armut und Obdachlosigkeit, auch wenn sie vom Krieg traumatisiert sind.

Anerkannte Flüchtlinge in Not
Krach, Geschrei oder vorbeifahrende Autos können bei der hochtraumatisierten Syrerin Amal zum Zusammenbruch führenBild: DW/F. Schmitz

Flüchtlinge in Griechenland brauchen dringend Hilfe

03:32

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Ängstlich kauert sich Amal in eine Straßenecke mitten im Zentrum von Thessaloniki, Griechenlands zweitgrößter Stadt. Amal ist das arabische Wort für Hoffnung. Davon aber ist bei der 62-jährigen Syrerin nichts zu spüren.

"Sie fürchtet sich vor der Polizei", sagt der 30-jährige Paul Esser, Sozialarbeiter aus Deutschland. Früher hat er bei der griechischen Hilfsorganisation NAOMI gearbeitet. Heute kümmert er sich freiwillig um Amal, gemeinsam mit NAOMI-Leiterin Dorothee Vakalis. Situationen wie diese seien kein Einzelfall.

Ein lauter Knall, Männergeschrei, dicht vorbeifahrende Autos: Alles könne zum Zusammenbruch führen, erklärt Esser. Dann sei Amal zurück im Krieg, in ihrer Heimatstadt Al-Hasakah im Nordosten Syriens. Dort hat sie ihre vier Söhne und ihren Ehemann verloren. Dort ist sie von Kämpfern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) misshandelt und vergewaltigt worden.

Seit 2018 lebt die tiefgläubige Christin als anerkannte Geflüchtete in Griechenland. "Wie sie hierher gekommen ist, weiß sie nicht mehr", erklärt Nihad Ibraheem. Der gebürtige Palästinenser arbeitet seit den 1980er Jahren als Psychologe und Psychotherapeut in Thessaloniki. Wie Esser und Vakalis kümmert auch er sich freiwillig um Amal. Sie sei hoch traumatisiert von dem, was ihr im Krieg widerfahren sei, erklärt Ibraheem.

Ein Kind vor einer von IS-Kämpfern zerstörten Kirche in einem christlichen Dorf im Nordosten SyriensBild: DW/K. Zurutuza

Flashbacks aus dem Krieg

Daher gestalte sich Amals Alltag schwierig: "Sie hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren und erlebt regelmäßig Flashbacks aus ihrer Vergangenheit", erklärt Ibraheem. "Dann fällt sie irgendwo auf der Straße um, dabei ist sie sogar schon ausgeraubt worden."

Amals Manieren wiesen darauf hin, dass sie aus einer wohlhabenden Familie stamme, so Ibraheem weiter. Außerdem habe er Nachbarinnen von Amal in Thessaloniki getroffen, die aus derselben Stadt stammen wie sie. Von diesen Frauen wisse er, dass Amals Familie einflussreich gewesen sei.

Von alldem weiß Amal nur noch Bruchstücke. Um ihr Trauma zu überwinden und sich zu erinnern, bräuchte sie vor allem Stabilität. Doch genau die kann Griechenland ihr nicht bieten.

Seit 2017 wird Amal im Rahmen des ESTIA-Programms von der internationalen Nichtregierungsοrganisation INTERSOS betreut. ESTIA ist ein EU-finanziertes Programm, mit dem Asylsuchenden eine Wohnung, Sozialschutzdienste und Unterstützung beim Zugang zu Gesundheit und Bildung finanziert wird.

Viele anerkannte Flüchtlinge in Griechenland haben keinen Zugang zum Wohnungs- und ArbeitsmarktBild: DW/F. Schmitz

Zu wenige Helfer

Gerade aber in schweren Fällen wie Amals gestalte sich das nicht immer leicht, erklärt Giorgos Giouvanoudis, Programmleiter von INTERSOS Griechenland. In zwei Jahren musste sie insgesamt fünf Mal umziehen. Vermieter würden Verträge kündigen, manchmal funktioniere das Zusammenleben mit anderen Geflüchteten nicht oder die Wohnung stelle sich als nicht barrierefrei heraus.

Viele Flüchtlinge hätten psychische und andere gesundheitliche Probleme, erklärt Giouvanoudis. Insgesamt betreut seine Organisation 1683 Fälle, davon 500 in Thessaloniki, wo nur sechs Sozialarbeiter und ein Psychologe zur Verfügung stehen. Eine neue Verordnung aus Athen bereitet der Organisation und ihren Schützlingen neue Probleme: Flüchtlinge mit einem positiven Asylbescheid müssen das Programm und ihre Behausung verlassen.

Auch für Amal endet das Mietverhältnis und die finanzielle Unterstützung von 150 Euro im Monat Ende Juli. Eigentlich hätte sie schon Ende Juni gehen müssen, doch die Organisation konnte beim zuständigen Ministerium eine Verlängerung erwirken.

Zwar sei es nichts Neues, dass Menschen mit einem positiven Asylbescheid das Programm verlassen müssen. Doch der politische Druck sei merklich gestiegen, so Giouvanoudis: "Früher musste man die Asylsuchenden sechs Monate im Voraus darüber informieren, dass das Programm für sie nicht mehr zuständig ist. Jetzt ist diese Frist auf einen Monat reduziert worden. Das erzeugt erschreckend schwierige Situationen, gerade in Zeiten von Corona."

Viele Flüchtlinge in Griechenland leben auf der Straße. Sie benötigen dringend HilfeBild: DW/F. Schmitz

Welle von Kündigungen

Laut UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR, das das ESTIA-Porgramm verwaltet, waren am 22. Juni 22.586 Menschen im Rahmen des Programms gemeldet, 6432 von ihnen als anerkannte Flüchtlinge. Für Giorgos Giouvanoudis und sein Team bedeutet das viel Arbeit. Sie bemühen sich, den Anerkannten in ihrer schwierigen Situation zu helfen - doch angesichts der vielen stark schutzbedürftigen Menschen, sei dies kaum möglich: "Das ist eine große Welle an Kündigungen, auf die eine neue große Welle folgen wird. Die Schutzbedürftigen haben kaum Zeit zu verstehen, was los ist und was sie tun müssen."

Gerade für besonders Schutzbedürftige bringt der positive Asylbescheid vor allem Probleme mit sich. Zwar gibt es das HELIOS-Porgramm, das auch anerkannte Asylanten bei der Wohnfinanzierung unterstützen soll. Auch ein Griechisch-Kurs und Arbeitsberatung sind vorgesehen. Doch angesichts des starken Andrangs und einer nachlassenden Bereitschaft von Seiten der Vermieter, Wohnungen zur Verfügung zu stellen, könnten viele Menschen auf der Straße landen.

Personen mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen wie Amal seien besonders gefährdet, aber das Problem sei größer, erklärt Giouvanoudis: "Es gibt z.B. viele Fälle von Frauen, die allein sind mit minderjährigen Kindern. Wo können sie Arbeit finden? Und wenn, sollen sie die Kinder allein lassen? Sie würden dann ihre Aufsichtspflicht verletzen, einfach, weil sie arbeiten gegangen sind, um zu überleben."

Für diese Menschen müsse ein Auffangnetz bereitgestellt werden, das das griechische System schlichtweg nicht biete, kritisiert Giouvanoudis. Das weiß auch Vivi Paschalidou, Rechtsanwältin beim griechischen Flüchtlingsrat (GRC). Anerkannte Flüchtlinge hätten nahezu dieselben Rechte wie griechische Staatsbürger – aber nur in der Theorie.

Vivi Paschalidou, Rechtsanwältin beim griechischen Flüchtlingsrat (GRC), fordert klare Worte der EUBild: DW/F. Schmitz

Griechenland ist überfordert

In der Praxis dagegen hätte es der griechische Staat versäumt, früh genug Integrationsprogramme auf den Weg zu bringen, um Flüchtlingen den Weg in die griechische Gesellschaft zu ebnen. Es gebe kaum Sprachkurse - und ohne Griechisch sei es nahezu unmöglich, eine Wohnung oder Arbeit zu finden.

Ohne Einkommen aber sei das Überleben schwierig: "Es gibt finanzielle Unterstützung. Dieselbe, auf die auch griechische Staatsbürger Anspruch haben. Die ist aber eher symbolischer Natur. Damit geht man nicht an die Wurzel des Problems. Ein Mensch, der eine Familie mit drei, vier Kindern hat, dem ist mit solchen symbolischen Lösungen nicht geholfen. Das reicht nicht aus für die Grundversorgung, auch nicht für die Griechen."

Hier kollidiere die Realität nicht nur mit den nationalen Gesetzen, sondern auch mit Europäischem Recht. Immer mehr gerät die Athener Regierung für ihre Flüchtlingspolitik in die Kritik - doch ermahnende Worte aus Brüssel bleiben aus, zumindest in der Öffentlichkeit: "Griechenland richtet sich nach dem Feedback, das es von den europäischen Organen bekommt. Vor kurzem hat der griechische Migrationsminister Gratulationen aus Brüssel erhalten für die gute Arbeit, die der griechische Staat leistet", kritisiert Paschalidou Monique Pariat, Generaldirektorin der Europäischen Kommission für Migration und Inneres, für deren lobende Worte in Richtung Athen.

Fehlende Sozialleistungen werden in Griechenland zumeist von der Familie abgefangen. Diese Unterstützung haben Geflüchtete nicht. Amal hat Unterstützung von ihren drei freiwilligen Helfern. NAOMI zahlt selbst die Medikamente, die sie benötigt. Denn trotz der 2,57 Milliarden Euro, die die Europäische Union Griechenland seit 2015 gezahlt hat, ist die medizinische Versorgung längst nicht für alle gewährleistet.

Amals Helfer wünschen sich, dass die traumatisierte Syrerin nach Deutschland reisen kann, das über die nötige Infrastruktur verfügt. Amal selbst will einfach zur Ruhe kommen. Und trauern, um ihre vier Söhne und ihren Mann.

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