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Literatur

"Madame Bovary" - Wer war der Autor Gustave Flaubert?

Christine Lehnen
12. Dezember 2021

In Gustave Flauberts "Madame Bovary" wurde eine untreue Ehefrau moralisch nicht verurteilt - ein Novum! Am 12. Dezember vor 200 Jahren kam Flaubert zur Welt.

Eine graue Statute von Gustave Flaubert mit dicken Schnurrbart und Bauch vor einer beigen Hauswand mit blauen Fensterläden
Diese Statue des Autors Gustave Flaubert steht in seinem Heimatort Rouen in der Normandie. Angefertigt hat sie Leopold Bernstamm (1859-1939).Bild: Youngtae/Leemage/picture alliance

Paris im Jahr 1857: Einem jungen Autoren wird der Prozess gemacht. Der 35-jährige Gustave Flaubert (1821-1880) ist angeklagt, mit seinem Roman "Madame Bovary" gegen die öffentliche Moral und die guten Sitten verstoßen zu haben. Er würde den Ehebruch verherrlichen, so der Vorwurf. Die ersten Kapitel von "Madame Bovary" waren 1856 in einer zensierten Fassung in der Zeitschrift "Revue de Paris" erschienen. Darin geht es um Emma Bovary, die Ehefrau des Landarztes Charles Bovary, die sich nach einem romantischeren Leben verzehrt - und in mehreren Affären verstrickt.

Vier Stunden lang, so wird berichtet, hält sein Verteidiger eine flammende Rede, um die Unschuld seines Mandanten zu beweisen. Acht Tage später wird das Ergebnis verkündet: Gustave Flaubert wird freigesprochen, sein Roman "Madame Bovary" darf unzensiert erscheinen - in diesem Moment wird ein Stück Weltliteratur geboren.

"Flaubert war ein Revolutionär", sagt Jennifer Yee, Professorin für Moderne Sprachen an der Universität Oxford. Als erster Autor hätte er den Lesenden nicht vorgeschrieben, was sie zu denken oder zu fühlen haben. "Es gibt keine moralische Verurteilung des Ehebruchs in 'Madame Bovary'. Damit übergibt er die Verantwortung an die Leser. Das ist es, was zu so einem Aufschrei in der damaligen französischen Gesellschaft führte."

Dieses Haus, genannt "Le Manoir de Gefosse", ist typisch für die Normandie. Hier verbrachte Flaubert seine Kindheit in Pont l'Eveque in Frankreich.Bild: David Vincent/AP Photo/picture alliance

Was macht "Madame Bovary" so besonders?

Der Prozess stellte ein echtes Risiko für Flaubert da, so Yee. Hätte er verloren, wie sein berühmter literarischer Kollege Charles Baudelaire im selben Jahr mit seinem Roman "Les Fleurs du Mal", hätte auch "Madame Bovary" nicht unzensiert erscheinen dürfen. "Flaubert gewann seinen Prozess, weil er gute Verbindungen hatte und aus einer einflussreichen Familie stammte", erklärt Yee.

Flauberts Vater war der angesehene Chefchirug eines Krankenhauses in Rouen, Gustave wohnte nach dem Studium in einem Haus, das sein Vater ihm gekauft hatte. Nach dem Tod des Vaters musste Flaubert - aufgrund des umfangreichen Erbes - nicht mehr für seinen Lebensunterhalt sorgen und konnte sich ganz dem Schreiben widmen. Fünf Jahre, berichtet Yee, arbeitete er daraufhin an "Madame Bovary".

Flaubert gilt als einer der ersten Vertreter des literarischen Realismus, dadurch begründete er den modernen europäischen Roman. Er stellte die Dinge so dar, wie sie waren, ohne sie zu be- oder gar zu verurteilen. Aber nicht nur die Dinge, darauf weist Jennifer Yee hin, sondern vor allem auch die Menschen. Emma Bovarys Tagträume und ihre romantischen Sehnsüchte werden ebenso wenig verurteilt wie Bauern in der Normandie oder ein frivoler Jurastudent in Paris.

Moderne Nachfolgerinnen

Diese Haltung zur Literatur entwickelte er vor allen Dingen in seiner umfangreichen Korrespondenz mit der Kollegin und älteren Liebhaberin Louise Colet. "Sie war eine der wenigen Frauen im 19. Jahrhundert, die durchs Schreiben ihren eigenen Lebensunterhalt bestritt und so ganz und gar unabhängig sein konnte", sagt Yee. "Sie wollte mehr, aber Flaubert ließ sie fallen." Colet ist heute in der Literaturgeschichte praktisch vergessen.

Diese Dame auf dem Bild "L'Amazone" von Gustave Courbet wurde lange für Louise Colet gehalten, war aber eine andereBild: Liszt Collection/picture alliance

Lange glaubte man, sie sei das Vorbild für Madame Bovary - und die Dame im schwarzen Kostüm von Gustave Courbet mit dem Titel "L'Amazone" (deutsch: die Amazone"). Erst später stellte sich heraus, dass es sich beim Porträt um Madame Clément Laurier handelte.

Trotzdem sind es Frauen, die diese wertungsfreie Tradition Gustave Flauberts in der französischen Gegenwartsliteratur fortführen und weiterentwickeln: zum Beispiel Autorinnen wie Annie Ernaux oder Leïla Slimani.

In den 1990er-Jahren sorgten Ernaux' Bücher über Sex mit jüngeren Männern, die ganz ohne Schuldgefühle vorgetragen wurden, noch für einen Aufschrei bei männlichen Kritikern. Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani hingegen wurde für ihre Romane "Adèle" (deutsch: "All das zu verlieren") und "Le pays des Autres" (deutsch: "Das Land der Anderen") in den 2010er-Jahren schon hochgelobt - und sogar mit "Madame Bovary" verglichen, zum Beispiel von Rainer Moritz in der Neuen Zürcher Zeitung.

In ihrem jüngsten Roman erzählt Leila Slimani beeindruckend die Geschichte ihrer Großmutter, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Marokko auswanderte.

Es ist die Geisteshaltung Flauberts, die revolutionäre Kraft seines wertfreien Realismus, die den Schriftsteller aus der Normandie noch heute so bedeutend macht. Der Platz von "Madame Bovary" im Kanon der Weltliteratur ist ohnehin gesichert. 

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