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So funktioniert die Fleischindustrie

Mirjam Benecke | Alexander Matthews
20. Juni 2020

Nicht nur der jüngste Corona-Ausbruch wirft ein schlechtes Licht auf die Fleischbranche. Auch Tierschützer und Gewerkschaften fordern Veränderungen. Ein Überblick über eine Industrie und ihre Schattenseiten.

Deutschland Berlin Greenpeace Protestaktion gegen Fleischindutrie
Greenpeace demonstriert Mitte Mai vor dem Bundeskanzleramt in Berlin gegen die FleischindustrieBild: picture-alliance/dpa/K. Nietfeld

Wie viel Fleisch wird in Deutschland produziert?

Im Jahr 2019 wurden in Deutschland 59,7 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde geschlachtet. Einschließlich des Geflügels produzierten die Unternehmen damit knapp acht Millionen Tonnen Fleisch.

Dabei wird hierzulande viel mehr Fleisch produziert als gegessen. Fast die Hälfte geht direkt in den Export. Besonders deutsches Schweinefleisch, Innereien und Geflügel sind im Ausland begehrt. Wichtigster Abnehmer für Schweinefleisch ist Italien mit 17 Prozent, gefolgt von den Niederlanden, der Volksrepublik China und Polen mit jeweils neun Prozent des deutschen Schweinefleischexports.

Wie viel Fleisch essen die Deutschen?

Ob als Steak, Bratwurst oder Mortadella: Im letzten Jahr hat jeder Deutsche im Schnitt rund 59,5 Kilogramm Fleisch gegessen. Doch der Appetit sinkt. Das sagt der "Ernährungsreport 2020" vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Nur noch 26 Prozent der Befragten gaben an, täglich Fleisch oder Wurst zu essen. Im Jahr 2015 waren es noch 34 Prozent. Ein Grund für den Rückgang: Insbesondere immer mehr Männer verzichten auf ihre tägliche Portion Fleisch.

Wer sind die größten Player in der deutschen Fleischindustrie?

Der größte deutsche Schlachtbetrieb ist das Unternehmen Tönnies. Allein auf dem Firmengelände in Rheda-Wiedenbrück werden pro Tag etwa 20.000 Schweine geschlachtet und zerlegt. Tönnies hat - gemessen an der Anzahl der Schlachtungen - einen Marktanteil von 30,3 Prozent. Das ergab das "Schlachthofranking 2019" der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. Andere große Schlachtbetriebe sind Westfleisch (14 Prozent), Vion (13,8 Prozent) und Danish Crown (6 Prozent). Insgesamt machen diese vier Unternehmen fast zwei Drittel des Gesamtmarktes bei der Fleischverarbeitung aus.

Woher bekommen die Schlachthöfe die Tiere?

Schweine, Rinder und Geflügel stammen zum größten Teil aus deutschen Mastbetrieben. Dort zeichnet sich schon seit Jahren eine von Tierschützern heftig kritisierte Entwicklung ab: Es gibt immer weniger Betriebe. Gleichzeitig steigt die Anzahl landwirtschaftlich genutzter Tiere pro Betrieb. Das heißt: Die Massentierhaltung nimmt zu. Legehennen-Betriebe mit 100.000 Tieren sind keine Seltenheit mehr. Einem 50 bis 110 Kilogramm schweren Schwein stehen laut EU-Verordnung gerade mal 0,75 Quadratmeter Platz zu. "Der rein ökonomische Blick und die damit verbundenen intensiven Haltungssysteme in der landwirtschaftlichen Tierhaltung sind ethisch mindestens fragwürdig und nicht mehr tolerierbar", sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

Wie viel Geld bringt das Geschäft mit Fleisch?

Die Verarbeitung von Fleisch ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Deutschland. Im letzten Jahr lag der Umsatz im Schlachterei- und Fleischverarbeitungsgewerbe laut Statistischem Bundesamt bei 42,5 Milliarden Euro. Der umsatzstärkste Fleischverarbeiter ist mit deutlichem Abstand Tönnies - mit zuletzt rund 6,9 Milliarden Euro bei einem Schlachtaufkommen von rund 17 Millionen Schweinen pro Jahr. 

Warum häufen sich die Corona-Fälle in der Fleischindustrie?

Der Corona-Massenausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies sorgt seit Mitte dieser Woche für Schlagzeilen. Doch schon in den vergangenen Monaten gab es eine Reihe von Coronavirus-Ausbrüchen unter Mitarbeitern deutscher Fleischbetriebe.

Die Virologin Isabella Eckerle hat dafür mehrere Erklärungsansätze. Zum einen seien die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen offenbar nicht gut mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen vereinbar. Dazu zähle der lange Aufenthalt vieler Personen in geschlossenen Räumen ohne Möglichkeit, ausreichend Abstand zu wahren.

Ein weiterer Faktor könne eventuell die körperliche Anstrengung während der Arbeit sein, die zu höherer Virenausscheidung führe. Feuchte Hände, Handschuhe, Schürzen und Kleidung könnten zudem die Übertragung durch Schmierinfektionen begünstigen, sagte Eckerle der Nachrichtenagentur dpa. Hinzu komme das Leben in räumlich begrenzten Unterkünften, wenn es sich um ausländische Mitarbeiter handele.

Wer arbeitet in den Schlachthöfen?

Viele der Arbeiter in deutschen Schlachthöfen kommen aus dem Ausland. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, aber nach Angaben der Bundesregierung hatten 2018 fast 50 Prozent der Arbeiter in Schlachthöfen keinen deutschen Pass. Gewerkschaften schätzen, dass 80 Prozent der Beschäftigten von Subunternehmen beschäftigt werden.

Diese stellen meist in Rumänien und Bulgarien Menschen ein und bringen sie anschließend zum Arbeiten nach Deutschland. Die Arbeitskräfte erhalten befristete Werkverträge, die ihnen weniger Rechte einräumen. Nach Angaben der Bundesregierung arbeiteten sie mit großer Wahrscheinlichkeit abends, nachts und am Wochenende. 

Leiharbeit in der Fleischindustrie vor dem Aus

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Wie viel verdienen die Mitarbeiter der Fleischindustrie?

Offiziell wird ihnen der Mindestlohn gezahlt, der 2014 in der Fleischindustrie eingeführt wurde. Derzeit liegt er bei 9,35 Euro pro Stunde in Deutschland. Aber Gewerkschaften und Organisationen sagen, dass die Beschäftigten selten so viel erhalten. Stattdessen werden aus verschiedenen Gründen Kosten von ihren Lohntüten abgezogen.

"Intransparente Erfassung der Arbeitszeit, unklare Kosten für Unterkunft, Transport und Material hinterlassen den Eindruck, betrogen zu werden", sagt Armin Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. "Die Beschäftigten erfahren in Deutschland - das sie an sich für einen sozialen Rechtsstaat halten - der Willkür ihrer Arbeitgeber schutzlos ausgeliefert zu sein." 

Ist ein Ende der Subunternehmen in Sicht?

Die deutschen Verarbeitungsbetriebe können durch den Einsatz von Subunternehmen nicht für die Lebensbedingungen der Arbeiter verantwortlich gemacht werden. Die Mitarbeiter sind oft in armseligen Unterkünften untergebracht, in denen mehrere Personen in einem Raum schlafen.

Die Regierung hat vor kurzem Schritte unternommen, um den Einsatz von Subunternehmen in der Industrie zu verbieten und stattdessen die deutschen Firmen selbst verantwortlich zu machen. Wenn der Gesetzesentwurf vom deutschen Parlament gebilligt wird, werden die Werkverträge für Leiharbeiter ab Januar 2021 verboten. Außerdem droht eine Höchststrafe von 30.000 Euro, wenn Menschen gezwungen werden, länger als die vertraglich vereinbarten zehn Stunden zu arbeiten. 

Das sei ein Schritt in die richtige Richtung, so Wiese. "Gesetzliche Verbote von Zeitarbeit und Werkverträgen sind hier dringend notwendig. Wir brauchen auch dringend verbindliche Tarifverträge für die Branche."

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