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PolitikAfrika

"Flintlock" in Libyen: Manöver mit den USA setzt Zeichen

19. April 2026

Zum ersten Mal ist Libyen Gastgeber einer internationale Militärübung. Wird diese dabei helfen, das Land zu stabilisieren? Oder geht es vor allem darum, Russland hinauszudrängen?

Libyen 2026 | Übung Flintlock 2026 | Soldaten stürmen bei Spezialoperationstraining ein Gebäude
Libysche und amerikanische Streitkräfte üben die Erstürmung eines vermeintlichen Terroristen-Unterschlupfs in Sirte. Zum ersten Mal findet die Militärübung Flintlock in Libyen statt. Bild: Special Operations Command Africa

Es nieselt auf dem Rollfeld, als wir uns am auf dem Stuttgarter Armeeflugplatz versammeln. Es ist halb drei Uhr morgens. Zeit zum Abflug.

Eine Dash 8, ein zweimotoriges Turboprop-Flugzeug, steht schon bereit zum Boarding. Die Militärmaschine wird uns nach Sirte in Libyen bringen. Im Jahr 2015 verwandelte der sogenannte Islamische Staat (IS) die Küstenstadt in seine größte Hochburg außerhalb von Irak und Syrien. Erst nach monatelangen, heftigen Kämpfen wurde sie von libyschen Streitkräften mit amerikanischer Luftunterstützung befreit. Doch es war nicht die letzte Schlacht in Sirte, da das Land bereits in einem Bürgerkrieg versank.  

Eine Übung zur Vereinigung libyscher Streitkräfte

Nach jahrelangen Kämpfen einigten sich die rivalisierenden Gruppen in Libyen 2020 auf einen Waffenstillstand. Doch das ölreiche Land ist de-facto immer noch geteilt.

Der Westen Libyens wird von der Regierung der Nationalen Einheit kontrolliert. Sie ist international anerkannt und hat ihren Sitz in Tripolis. Der Osten des Landes wird durch die Regierung der Nationalen Stabilität verwaltet, die von den Streitkräften unter General Khalifah Haftar unterstützt wird.

Vor wenigen Tagen begann in Sirte eine von den USA geführte Militärübung: Flintlock 2026. Rund 30 Nationen aus Europa und Afrika nehmen daran teil. Die Übung findet bereits seit 2005 in der Region statt. Aber zum allerersten Mal sind in diesem Jahr libysche Truppen aus beiden Teilen des Landes dabei. Libyen ist neben der Elfenbeinküste sogar einer der Gastgeber.

Generalleutnant Brennan bei seiner Ankunft in Sirte. Gemeinsam mit libyschen Offizieren eröffnet er hier Übung Flintlock 2026. Die Vorbereitung hat ein Jahr gedauert. Bild: Special Operations Command Africa

Zurück an Bord der Dash 8. Generalleutnant John W. Brennan hat in der ersten Reihe Platz genommen. Der stellvertretende Befehlshaber des US Afrika-Kommandos wird in Sirte das Manöver eröffnen. Immer wieder macht er im Gespräch deutlich, wie bemerkenswert es sei, dass Flintlock 2026 libysche Kräfte aus dem Osten und dem Westen des Landes zusammenbringe.

"Das libysche Volk verdient vereinte Sicherheitskräfte, die das Land und seine Interessen schützen", sagt Brennan. "Sicherheit bringt Wohlstand."

Warum ist das für die USA wichtig?

Dass Soldaten beider Seiten während Flintlock 2026 Seite an Seite trainieren und dieselben Uniformen tragen, sei ein großer Erfolg. Das wird in den nächsten Stunden immer wieder beteuert.

Warum sich die USA in der Sache engagieren? Brennan sagt trocken: "Libyen ist ein Schlüsselland für die südliche Nachbarschaft der NATO."

Westliche Geheimdienste zeigen sich besorgt über Aktivitäten terroristischer Gruppen wie IS und Al-Kaida in der Region. Deren Ableger scheinen in Westafrika auf dem Vormarsch zu sein. Sie greifen Militärobjekte und Zivilisten an und entführen Menschen. Ein stabiles Libyen könnte helfen, zu verhindern, dass diese Gruppen mächtiger werden und irgendwann Anschläge außerhalb Afrikas verüben, so das US-Kalkül.

Wirtschaftssicherheit als Priorität

Es geht jedoch auch um knallharte wirtschaftliche Interessen. Unser Ziel ist es, stärker darauf zu achten, "dass Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen der USA gewahrt bleiben", sagt ein Verteidigungs-Offizieller der DW. Dies steht im Einklang mit der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, die die wirtschaftliche Sicherheit, einschließlich des Zugangs zu Seltenen Erden, als eine der Prioritäten definiert. Und tatsächlich ist die Trump-Regierung bestrebt, Zugang zu Ressourcen in der Region zu erhalten. Aber das gilt auch für andere Akteure dort.

Russland hat ein großes Interesse an Libyens Öl- und Goldreserven. Russlands Wagner-Söldner, die nun "Africa Corps" heißen, sind seit 2019 im Land aktiv. Sie unterstützen General Khalifa Haftar im Osten und stehen im Verdacht, Waffen zu schmuggeln. Chinas Afrika-Strategie hingegen konzentriert sich eher darauf, einen langfristigen Zugang zu Seltenen Erden zu sichern, zum Beispiel durch den Erwerb bedeutender Bergbauminen.

Eine ganze Region steht auf dem Spiel

Nach einem fünfstündigen Flug sind wir endlich in Sirte. Ein scheinbar endloser Konvoi von SUVs bringt uns zum Übungsgelände. Alle paar hundert Meter sehen wir entlang der Route Soldaten, Polizisten und gepanzerte Fahrzeuge.

Das Trainingsszenario ist schlicht: Terroristen haben Migranten entführt und halten sie als Geiseln. Libysche und US-Spezialeinheiten müssen die Geiseln befreien und die terroristische Bedrohung beseitigen - eine Aufgabe, die sie schnell erledigen unter den Augen von Generälen und anderen VIPs. Unter ihnen ist auch Italiens Botschafter in Libyen.

Der italienische Botschafter, Gianluca Alberini, sagt in Sirte, er hoffe, ein vereintes Libyen werde die gesamte Region stabilisieren. Italien sieht sich als enger Partner Libyens. Bild: Alexandra von Nahmen/DW

"Ein vereintes Libyen wird in der Lage sein, der gesamten Region Stabilität zu bieten", sagt Italiens Botschafter Gianluca Alberini. Das sei wichtig für Italien, Europa und die USA. Was antwortet er denen, die daran zweifeln, dass die konkurrierenden Fraktionen in Libyen wirklich eine Wiedervereinigung wollen? Alberini räumt ein, dass "es ein Prozess ist", der dauert. Er bezeichnet aber "das größere Engagement der USA in der Region" als maßgebend. 

Anreize für die Wiedervereinigung

Vor zwei Jahren war eine gemeinsame Militärübung wie diese - mit einem neuen gemeinsamen Einsatzzentrum für alle libyschen Streitkräfte - offenbar unvorstellbar. Nun halten libysche Militärchefs der konkurrierenden Fraktionen in Sirte Reden, in denen sie den Weg zur Wiedervereinigung als "keine Wahl, sondern ein Muss" beschreiben.

Brennan glaubt, dass diie Aussicht auf wirtschaftlichen Investitionen ein Anreiz für eine Wiedervereinigung sei für Libyens rivalisierende Gruppen. Auch andere Gesprächspartner, die mit der DW in Sirte sprechen, teilen diese Meinung. Einige weisen darauf hin, dass die Vereinigung des libyschen Militärs zu einer Armee auch Russlands Einfluss marginalisieren könnte.

Libyen gilt als ein Schlüsselland an der Südflanke der NATO. Aber es ist de-facto immer noch geteilt in zwei Einflusszonen. Vertreter beider Fraktionen betonen in Sirte, die Wiedervereinigung sei ein Muss. Im April haben sie sich zum ersten Mal auf einen gemeinsamen Staatshaushalt geeinigt. Bild: Special Operations Command Africa

Russland verdoppelt seinen Einsatz

Nach Militärputschen in Mali, Burkina Faso und Niger wurden westliche Truppen aus der Sahelregion vertrieben. Stattdessen hießen die dortigen Machthaber russische Söldner willkommen. Weder die USA noch die Europäer wollen, dass sich dieses Szenario in anderen Ländern wiederholt.

Seit 2024 hat Russland seine militärische Präsenz in Westafrika nach westlichen Geheimdienstinformationen verdoppelt. Auch in Libyen würde der Kreml offensichtlich gern seinen Einfluss stärken. 2024 wurde eine Botschaft in Tripolis wiedereröffnet. Berichten zufolge nutzt Russland inzwischen eine verlassene Militärbasis nahe der Grenze zu Tschad und Sudan.

"Die bedeutende Militärpräsenz Russlands in Libyen, an der Südflanke der NATO, erfüllt uns natürlich mit Sorge", sagt der britische Botschafter, Martin Reynolds, in Sirte.

"Wir würden gerne eine Regierung sehen, mit der wir eng zusammenarbeiten können", fügt Reynolds hinzu, eine Regierung, "die keinen Bedarf sieht, ausländische Mächte so einzubeziehen, wie es derzeit geschieht."

Die Reporter, die nach Libyen reisten, wurden von US-Militärs begleitet.