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PolitikEuropa

Migration: Schotten sich die EU und Deutschland weiter ab?

Veröffentlicht 1. Juni 2026Zuletzt aktualisiert 1. Juni 2026

Mehr Verantwortung, weniger Abschottung - das fordern Fachleute von Deutschland und der internationalen Staatengemeinschaft. Werden sie ernst genommen?

Symbolbild für eine verschärfte Asylpolitik: ein sechseckiges, rot-weißes Stop-Schild an einem Schlagbaum in denselben Farben, dahinter das viereckige weißgerahmte, blaue Schild mit der Aufschrift "EU - European Union" in einem Kreis von zwölf goldenen, fünfzackigen Sternen.
Am 12. Juni tritt die Asylreform der Europäischen Union (EU) in Kraft; Flüchtlinge sollen dann verstärkt in Rückführungszentren auf ihre Abschiebung warten Bild: DesignIt/Zoonar/picture alliance

Der diesen Montag in Berlin veröffentlichte Report Globale Flucht soll ein Weckruf sein - das wünscht sich Mitherausgeberin Petra Bendel von der Universität Erlangen-Nürnberg (Bayern). Beim Gedanken an das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS), das am 12. Juni in Kraft treten wird, ahnt sie nämlich nichts Gutes: "Wir befürchten eine weitere Ausweitung haftähnlicher Unterbringung von Schutzsuchenden im Rahmen von Asylverfahren an den Außengrenzen."

Innenminister Dobrindt findet Return Hubs innovativ 

Bendel kritisiert, dass Flüchtlinge ohne Aussicht auf Asyl in Rückführungszentren außerhalb der Europäischen Union (EU) konzentriert werden sollen. Diese sogenannten Return Hubs sind ein zentraler Punkt der verschärften Migrationspolitik, die Deutschlands Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) als "innovativ" bezeichnet. Unterhändler von Europaparlament und EU-Mitgliedstaaten einigten sich am Montagabend auf eine Verordnung, die solche Rückführungszentren ermöglicht.

Flucht- und Migrationsexpertin Petra Bendel hält die Gemeinsame Europäische Asylpolitik (GEAS) für gefährlich Bild: dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Die EU ist allerdings auf Kooperationspartner angewiesen, vor allem in Afrika. Oft werden Tunesien und Ägypten genannt - beide Länder sind geografisch nur durch das Mittelmeer von Europa getrennt. Aber auch weiter entfernte Staaten wie Ruanda und Uganda sollen in den Überlegungen der EU eine Rolle spielen. 

Kritik am beendeten Aufnahmeprogramm für Afghanistan

Schutzsuchende werden es künftig noch schwerer haben, als es aus Sicht Bendels und vieler anderer Migrationsfachleute ohnehin schon der Fall ist: "Wir prognostizieren eine weitere Marginalisierung besonders schutzbedürftiger Gruppen und Individuen."

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Als konkretes Beispiel nennt Bendel die von der Bundesregierung gestoppten Aufnahmeprogramme für Menschen aus Afghanistan, die nach der erneuten Machtübernahme durch die fundamentalislamischen Taliban gefährdeter denn je sind: "Das meine ich, wenn ich sage, der deutsche Staat sollte seiner Schutzverantwortung gerecht werden."        

Deutschland: ein Drittel weniger Flüchtlinge

Der Migrationsforscher Franck Düvell von der Universität Osnabrück (Niedersachsen) findet die Reform "handwerklich schlecht". Sie führe schlimmstenfalls zu Doppelstrukturen und bedeute einen Abbau von Kinder-, Frauen-, Familien- und Flüchtlingsrechten.

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Düvell verweist auf deutlich sinkende Flüchtlingszahlen: 2023 haben 330.000 Menschen erstmals in Deutschland Asyl beantragt, zwei Jahre später waren es nur 113.000. Und der Trend setzt sich fort: Im ersten Quartal 2026 wurden rund 22.000 Asylanträge registriert, hochgerecht auf das ganze Jahr wären es am Ende weniger als 90.000.       

Fluchtursachen: Krieg und Klimawandel

Weltweit seien zurzeit mehr als 117 Millionen Menschen auf der Flucht, heißt es in dem jährlich erstellten Report. Das sei eine Verdopplung innerhalb einer Dekade. Die meisten seien Binnenflüchtlinge. Sie suchen Schutz vor Krieg im eigenen Land oder Folgen des Klimawandels: Dürren und Überschwemmungen. Nur ein Bruchteil von ihnen komme jedoch nach Europa und Nordamerika.

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Nicht nur in Deutschland seien die Zahlen rückläufig. Den Angaben zufolge gibt es in so unterschiedlichen Ländern wie der Türkei, dem Iran und Sudan zwischen 1,5 und zwei Millionen weniger Flüchtlinge. Und obwohl Russlands Krieg gegen die Ukraine mit unverminderter Härte andauert, sind laut Düvell vier Millionen Menschen in ihre Städte und Dörfer zurückgekehrt - darunter viele aus Deutschland und anderen EU-Ländern.

Syrien: Rückkehr absolut unrealistisch?

Was in der Ukraine zumindest teilweise möglich ist, halten die Autorinnen und Autoren des Flucht-Reports mit Blick auf Syrien für völlig unrealistisch. "Es ist ein komplett zerstörtes Land, die Infrastruktur liegt am Boden, ökonomisch funktioniert kaum etwas", sagt Benjamin Etzold vom Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC).

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Überall herrsche Hunger und große Armut, ergänzt Etzold. "Aber vor allem finden die ethnischen und religiösen Minderheiten unter dem neuen Regime im Land keinen Schutz." Vor diesem Hintergrund davon zu sprechen, dass eine massenhafte Rückkehr nach Syrien möglich sei, hält der Konfliktforscher für absolut unrealistisch.

Zu wenig humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit? 

Deutschland müsse sich weiterhin zum Multilateralismus zu bekennen, fordert Etzold. Man müsse weiterhin die Arbeit der Vereinten Nationen und von Flüchtlingsorganisationen stärken. "Aber auch in Deutschland sehen wir einen Rückgang", kritisiert der Wissenschaftler und verweist auf die Halbierung der humanitären Hilfe und den erneut gekürzten Etat für die Entwicklungszusammenarbeit. 

Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
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