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Politik

Junge Terroristen basteln sich "Lego-Islam"

Rahel Klein
10. Juli 2017

Was steckt hinter der Radikalisierung insbesondere von jungen Salafisten? Forscher haben Chat-Protokolle einer militanten Jugendgruppe ausgewertet. Sie fanden heraus: Die jungen Männer hatten wenig Ahnung vom Islam.

Symbolbild Salafismus
Bild: Getty Images/A. Berry

"Ansaar Al Khilafat Al Islamiyya" - "Unterstützer des Islamischen Staates" hieß die Whatsapp-Gruppe. 5757 Nachrichten hatten die Mitglieder dort in rund vier Monaten hin und her geschickt. Ein Dutzend junger Männer, der jüngste 15, der älteste 35, tauschten sich in der Gruppe über alles Mögliche aus: Ist spicken erlaubt? Wie finde ich eine Freundin? Ist Deutschland Kriegsgebiet? Wer ist ein wahrer Muslim, wer ein "Kuffar", also ein Ungläubiger?

Interdisziplinärer Forschungsansatz

Wissenschaftler des Forschungsnetzwerks Radikalisierung und Prävention (FNPR) der Universitäten und Osnabrück und Bielefeld haben das Chat-Protokoll der militanten salafistischen Jugendgruppe analysiert. Mitglieder dieser Gruppe hatten im Frühjahr 2016 einen terroristischen Anschlag in Deutschland verübt. Journalisten hatten die Protokolle zugespielt bekommen und gaben sie zu Forschungszwecken an die Wissenschaftler weiter. Auch wenn sich die Forscher bedeckt halten, um welchen Terroranschlag es geht, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um den Sprengstoffanschlag zweier Jugendlicher auf den Essener Sikh-Tempel gehandelt haben dürfte.

Die Attentäter hatten sich vor ihrer Tat mit Gleichgesinnten in ebendieser Whatsapp-Gruppe ausgetauscht - explizite Anspielungen auf einen bevorstehenden Anschlag vermieden sie aber.

Terrorziel Sikh-Gebetshaus in Essen (2016): Keine Anspielungen auf einen bevorstehenden AnschlagBild: picture-alliance/dpa/M. Kusch

Die Wissenschaftler untersuchten das Protokoll unter anderem aus islamwissenschaftlicher, soziologischer und psychologischer Perspektive. Sie wollten herausfinden, wie sich junge Menschen radikalisieren, welche Dynamik dabei entsteht und wie man Radikalisierung und mögliche Anschläge verhindern kann.

Islam wird instrumentalisiert

Nach einem ganzen Jahr Chat-Analyse fanden die Forscher heraus: Die jungen Gruppenmitglieder hatten kaum oder nur sehr rudimentäre Kenntnisse über den Islam. Stattdessen wurde die Religion von den Mitgliedern regelmäßig zweckentfremdet, um kriminelle Taten zu rechtfertigen.

Der Islamwissenschaftler und Mitautor der Studie, Bacem Dziri, berichtet, wie einer der Chatter ein Buch in einem muslimischen Buchgeschäft entdeckt hatte, das ihm aber zu teuer war. Ein anderes Mitglied schlug deshalb vor, den Glauben des Buchhändlers zu prüfen. "Natürlich mit der Annahme, dass er diesen Test nicht bestehen würde", sagt Dziri. "Die Folge davon ist, dass man dann 'Kriegsbeute' nehmen darf. Das ist nichts anderes als Kriminalität. Nur wird das geheiligt, indem man sagt: Der besteht unsere Glaubensprüfung nicht."

Bild: Springer VS

Dziri und seine Kollegen beschreiben in ihrer Studie, wie die jungen Salafisten den Islam kreativ, ganz nach ihren Bedürfnissen interpretierten und ausnutzten. "Deshalb nennen wir das Ganze auch Lego-Islam", erläutert der Islamwissenschaftler. "Weil man sich Versatzstück-mäßig hier und dort bedient und das Ganze ideologischen Zwecken opfert. In diesem Fall der IS-Ideologie."

Dieser Befund ist insofern interessant, weil er einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Forschungsdebatte liefert. Die dreht sich nämlich auch um die Frage: Findet eine Radikalisierung innerhalb des Islams statt oder wird der Islam vielmehr im Zuge der Radikalisierung missbraucht, geradezu instrumentalisiert?

Dziri und seine Kollegen sind sich bei ihrem aktuellen Befund jedenfalls einig: "Zumindest anhand dieser einen Chatgruppe können wir eindeutig nachweisen, dass es sich nicht um eine Radikalisierung des Islams handelt, sondern um eine Radikalität oder Kriminalität, die sich in ein religiöses Gewand umhüllt und versteckt."

"Müssen uns wie Löwen benehmen"

Nach Ansicht der Forscher wurden die Jugendlichen nicht in Moscheen sozialisiert. Zwar hätten sie sich anfangs dort getroffen, doch später distanzierten sich die jungen Männer von den Gotteshäusern. "Sie haben Moscheen als Sektentempel bezeichnet", sagt Dziri. Die Whatsapp-Gruppe sei der Ort gewesen, an dem sich die Jugendlichen immer wieder gegenseitig bestärkt und auf das gemeinsame Ziel eingeschworen hätten. Fotos und Propagandavideos halfen dabei.

Die Jugendlichen teilten eine naive und romantisierende Vorstellung, gemeinsam auf den Schlachtfeldern des Dschihad zu stehen und dabei zum Mann zu werden, heißt es in der Studie, die auch als Buch erschienen ist. "Wir sollten das affige Benehmen zur Seite legen und uns endlich wie Löwen benehmen", schrieb ein Chatmitglied schließlich.

Prävention nicht primär in Moscheegemeinden

Die Studienautoren sind sich darüber im Klaren, dass ihre nun veröffentlichte Untersuchung nur ein Schlaglicht auf eine konkrete Gruppe werfen kann. Allerdings ist es nach Angaben der Forscher eine der ersten empirischen Studien überhaupt, die sich mit dem Thema beschäftigt. Deshalb fordern sie vor allem groß angelegte, weitere Forschungsprojekte, um mehr über die Ursachen der Radikalisierung zu erfahren. Denn über die Gründe, wieso sich die jungen Männer dem gewaltbereiten Salafismus überhaupt angeschlossen haben, über ihre Sozialisation und persönlichen Lebenssituationen, darüber gibt auch das Chatprotokoll nur wenig Auskunft.

Zum Schluss geben die Wissenschaftler dann auch noch eine Handlungsanweisung: Präventionsprogramme sollten in allererster Linie in Schulen, dem sozialen Umfeld und im Internet stattfinden, nicht in den Moscheegemeinden. Denn in letztgenannten halten sich viele gewaltbereite jugendliche Salafisten gar nicht auf, so die Forscher. "Es sind die jungen zornigen Menschen, die religiösen 'Analphabeten' und die Sinnsuchenden, die in der präventiven Praxis fokussiert werden müssen", so ihr Fazit.

Die Ergebnisse der Studie beschreiben die Autoren in ihrem Buch "Lasset uns in sha'a Allah ein Plan machen", erschienen im Springer Verlag.

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