"Frag Tante Wiki": 25 Jahre kollektives Wissen bei Wikipedia
14. Januar 2026
Genauso wie die Menschheitsgeschichte oft in die Zeiträume v. Chr. und n. Chr. unterteilt wird, ist es nicht abwegig, die Geschichte des Internets in die Zeiträume v. W. und n. W. zu unterteilen - wobei das "W" für Wikipedia steht.
Am 15. Januar 2001 ging Wikipedia online. Geburtshelfer waren zwei Männer: der Internetunternehmer Jimmy Wales und der Philosoph Larry Sanger, der auch Wikipedias erster Chefredakteur wurde. Die Zusammenarbeit der beiden Pioniere dauerte nur etwas mehr als ein Jahr - aber die Spannungen zwischen ihren Visionen prägen das Projekt bis heute.
Von Anfang an stellte sich Wales Wikipedia als eine radikal offene Plattform vor: einen Ort, an dem "jeder einzelne Mensch auf dem Planeten" einen Beitrag leisten und "freien Zugang zur "Summe allen menschlichen Wissens" haben konnte. Sanger hingegen war skeptisch, dass eine solche Offenheit jemals Neutralität garantieren könnte - eine Meinungsverschiedenheit, die die Geschichte von Wikipedia prägen sollte.
Von dicken Wälzern hin zu Klicks
Früher musste man Bibliotheken besuchen und kuratierte Nachschlagewerke durchforsten, um sich Wissen zu verschaffen - wobei Experten und Institutionen als Torwächter der "offiziellen" Informationen fungierten. Wikipedia hat diese Hierarchie auf den Kopf gestellt.
Es bietet eine riesige, gemeinschaftlich bearbeitete Plattform, auf der jeder mit einer Internetverbindung einen Artikel schreiben oder überarbeiten kann - weg von einer zentralisierten Expertenautorität hin zu einem dezentraleren, gemeinschaftlich betriebenen Modell, das sich nach wie vor auf von Experten erstellte Quellen stützt.
Das legendäre Wachstum ist mittlerweile Internet-Geschichte. Im Jahr 2002 hatte die englische Wikipedia etwa 25.000 Einträge, 2006 waren es bereits über eine Million. Heute sind es mehr als sieben Millionen.
"Kein sehr angenehmer Ort für Extremisten"
Im Januar 2026 gibt es mehr als 300 aktive Sprachversionen von Wikipedia und Beiträge von Tausenden freiwilligen Autoren. Niemand "besitzt" einen Artikel, und alle Beiträge müssen den Grundprinzipien der Neutralität, Überprüfbarkeit und Verlässlichkeit seriöser Quellen entsprechen. Fällt jemandem ein gravierender Fehler auf, kann er ihn auf "Diskussionsseiten" zur Sprache bringen. Dort debattieren die Autorinnen und Autoren dann, bis sie einen Konsens erzielen. In schwerwiegenden Fällen werden Konflikte vor das von der Community geführte Schiedsgericht gebracht.
Dieses Modell spiegelt Wales' Überzeugung wider, dass gemeinsam ein globales Gemeingut an Wissen aufgebaut werden kann. "Wikipedia ist kein sehr angenehmer Ort für Extremisten", sagte er 2025 gegenüber der britischen Zeitung "The Guardian". "Wenn Sie schimpfen und extrem voreingenommen sein wollen, dann machen Sie das doch, schreiben Sie Ihren eigenen Blog."
Für Wales ergibt sich Neutralität aus der Verankerung von Artikeln in Fakten: "Der Eintrag zu Hitler muss keine Tirade gegen Hitler sein. Man schreibt einfach auf, was er getan hat, und schon hat man eine vernichtende Anklage."
Sanger, der die ersten Neutralitätsrichtlinien für Wikipedia entworfen hat, vertritt hingegen seit langem die Ansicht, dass Offenheit allein Vorurteile nicht verhindern kann; diejenigen, die Artikel schreiben, sollten idealerweise Experten auf dem jeweiligen Gebiet sein.
"Neutralität ist durchaus möglich", sagt er und fügt hinzu, dass der Goldstandard erreicht sei, wenn "man nicht erkennen kann, wie die Person zu kontroversen Themen steht", erklärte er gegenüber der DW. "Und ich sehe nicht, wie ein Projekt wie Wikipedia ohne die Beteiligung von Experten, die sich selbst der Neutralität verpflichtet fühlen, letztendlich auch nur annähernd neutral sein könnte."
Er hat auch dafür plädiert, dass nur Menschen, "die auf eine bestimmte Art und Weise denken", Wikipedia bearbeiten dürfen, und beschreibt sie als "global, akademisch, säkular, progressiv".
Von Geschlechterunterschieden und einem Teufelskreis
Die geschätzte Zahl der weiblichen Wikipedianerinnen liegt laut Angaben der Wikimedia Foundation zwischen zehn und 20 Prozent. Es fehlen auch nach wie vor viele Beiträge über bedeutende Frauen, ihrer Werke oder Taten. Um dieses Ungleichgewicht der Geschlechter zu bekämpfen, wurde 2015 die Initiative "Women in Red" ins Leben gerufen.
Jede Sprachversion von Wikipedia wird separat erstellt und hat ihre eigene Community von Redakteuren. Das bedeutet, dass ein Artikel, der auf Hindi existiert, möglicherweise nie auf Englisch geschrieben wird und umgekehrt. Tools wie Wikidelta helfen dabei, diese Lücken aufzuzeigen, indem sie kartieren, welche Themen nur in einer Sprache vorkommen.
Dies ist von Bedeutung, da Wikipedia mittlerweile viele der digitalen Tools speist, die Menschen täglich nutzen. Large Language Models (LLM) sind hochentwickelte KI-Modelle, die intensiv mit Wiki-Inhalten trainieren, und KI-generierte Texte oder Übersetzungen fließen zurück in kleinere Wikipedia-Sprachen.
Die grönländische Ausgabe zeigt, wie fragil dieser Kreislauf sein kann: Im Jahr 2025, nachdem sie mit fehlerbehafteten KI-Texten überflutet worden war - was einige Kommentatoren als "Teufelskreis" bezeichneten -, beantragte ihr einziger Redakteur die Schließung der Website, unter anderem wegen "der Gefahr einer Schädigung der grönländischen Sprache".
"Wir alle nutzen Wikipedia öfter als dass wir pinkeln"
Die Eigenheiten von Wikipedia haben jedoch längst über die Website selbst hinausgewirkt. Der Vermerk "Quellenangabe erforderlich" - einst eine einfache Aufforderung zur Überprüfung - ist zum Synonym für zweifelhafte Behauptungen geworden. Online-Spiele wie Wikiracing machen die Enzyklopädie zu einem Wettkampfsport: Die Spieler beginnen bei einem Artikel und versuchen, nur mit Hilfe von Hyperlinks und mit so wenigen Klicks wie möglich eine völlig andere Zielseite zu erreichen.
Wikipedia ist nicht nur seit langem die erste Anlaufstelle für Recherchen, sondern prägt auch den Alltag: Es hilft bei Streitigkeiten am Esstisch, liefert Hintergründe für Sportkommentare oder entführt Leser spätabends auf dem Tablet in die Tiefen unterschiedlichster Themen. Die Modedesignerin Diane von Fürstenberg hat diese Allgegenwärtigkeit vielleicht am treffendsten beschrieben, als sie einmal scherzhaft zu Jimmy Wales sagte: "Wir alle nutzen Wikipedia öfter als dass wir pinkeln."
Grokipedia: ein ernsthafter Konkurrent?
Aber selbst eine Plattform, die fest in den Alltag integriert ist, ist nicht immun gegen technische Veränderungen. Im Jahr 2025 brachte Elon Musks Unternehmen xAI Grokipedia auf den Markt, eine KI-generierte Enzyklopädie, die auf dem großen Sprachmodell Grok basiert.
Sie startete mit fast 885.000 Artikeln und präsentierte sich als "wahrheitsgemäße und unabhängige Alternative" zu Wikipedia - oder, wie Musk es nennt, "Wokipedia", weil sie "extrem linksgerichtet" sei. Einige Einträge werden vollständig von Grok generiert, andere stammen aus Wikipedia, manchmal leicht überarbeitet, manchmal fast wörtlich kopiert.
Larry Sanger sieht diese Veränderung als bedeutend an. "Zum ersten Mal in der Geschichte kann man tatsächlich mit einem LLM sprechen, es wird zuhören und dann einen Enzyklopädie-Artikel bearbeiten", sagte er gegenüber der DW. "Man reicht die Bearbeitung nicht bei einem Menschen ein. Man reicht sie bei einer Maschine ein, die von einem Unternehmen kontrolliert wird" - was bedeute, dass man schneller Antworten erhält.
Sanger glaubt, dass Grokipedia schließlich das Projekt übertreffen könnte, an dessen Gründung er einst beteiligt war: "Die Chancen stehen sehr gut, dass Grokipedia nach einiger Zeit eine bessere Enzyklopädie sein wird als Wikipedia."
In einem Gespräch mit Reuters Ende 2025 äußerte sich Jimmy Wales hingegen skeptisch darüber, ob LLM in der Lage sein kann, enzyklopädische Inhalte zu produzieren. "Ob es sich um einen wichtigen oder bedeutenden Konkurrenten handelt, bleibt abzuwarten."
Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords