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Politik

Ausgangssperre trifft Flüchtlinge in Calais

Lisa Louis
5. Mai 2020

Im Bus, im Supermarkt, im Kontakt mit Polizisten: Migranten fühlen sich schlechter behandelt, seit in Frankreich eine partielle Ausgangssperre gilt. Offiziell werden die Vorwürfe zurückgewiesen. Lisa Louis aus Calais.

Frankreich Calais | Flüchtlingscamp
Viele Migranten wohnen lieber in Zelten als in überfüllten HeimenBild: DW/L. Louis

Flüchtlinge in Calais

03:27

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Die aufgehende Sonne scheint auf eine Handvoll Zelte auf einer Wiese außerhalb von Calais. Die Vögel zwitschern. Von Zeit zu Zeit fährt ein Auto vorbei. Sonst ist es still. Bis auf einmal ein etliche Polizeitransporter heranfahren. Die Beamten mit Gesichtsmasken steigen aus, einige tragen eine Schutzkleidung. Sie wecken die Migranten in den Zelten und fordern sie auf, mit ihren Zelten einige Meter weiterzuziehen. Nachdem die Polizei weg ist, räumen die Flüchtlinge ihre Zelte wieder zurück. Seit August 2018 spielt sich dieses Ritual fast täglich ab. Selbst in Zeiten von COVID-19 ändert die Polizei ihr Vorgehen nicht. Die Maßnahme soll verhindern, dass die Flüchtlinge sich häuslich einrichten.

Flüchtlinge fürchten um ihr Leben

Laut Hilfsorganisationen in Calais gab es seit Beginn der partiellen Ausgangssperre Ende März schon mehr als 70 solcher Aktionen in verschiedenen Camps. "Die Polizisten behandeln uns nicht wie Menschen. Sie respektieren uns nicht", erzählt der 28-jährige Mengis aus Eritrea. "Wenn wir nicht aufstehen, wenn sie kommen, nehmen sie uns unsere Zelte weg. Dann müssen wir bis zu einer Woche warten, bis wir von den Hilfsorganisationen neue bekommen." Wie viele Flüchtlinge wähnt sich Mengis im Visier der Polizei - keiner von ihnen wollte sein Gesicht fotografieren lassen.

Polizisten blockieren den Weg zu einem der Zeltlager, während ihre Kollegen die Migranten zum Weiterziehen zwingenBild: DW/L. Louis

Manche sagen, sie fürchteten gar um ihr Leben, weil die Polizisten seit der Ausgangssperre sehr viel aggressiver gegen sie vorgingen. Fünf von Mengis' Landsleuten haben deswegen einen offenen Brief verfasst und eine Brigade der Bereitschaftspolizei verklagt. Sie behaupten, die Polizisten hätten sie mehrfach verprügelt, sie "Affe" und "Schlampe" genannt und mit Tränengas besprüht. Die Polizeiaufsichtsbehörde ermittelt in dem Fall.

Diskriminierung wächst

Nicht nur das Vorgehen der Polizei macht den Migranten schwerer zu schaffen als zuvor. Einige berichten, am Supermarkt verweigere ihnen das Sicherheitspersonal den Zutritt. Auf Anfrage der DW schreibt ein Unternehmenssprecher, Migranten würden nicht diskriminiert. Ein Interview lehnt er ab.

Nur in Gruppen dürfen Flüchtlinge Busse nicht besteigen, sagt Philippe Mignonet, stellvertretender Bürgermeister von CalaisBild: Ville de Calais/Fred Collier

Auch ins Stadtzentrum lasse man sie nicht mehr, berichten Flüchtlinge. Die Stadtbusse hielten nicht mehr für sie. Das bestreitet Philippe Mignonet, stellvertretender Bürgermeister von Calais, der das Bus-Unternehmen managt: "Sie nehmen nur nicht mehr Gruppen von 30 oder 40 Personen mit. Das mussten wir so einführen, nachdem es drei bestätigte Fälle von COVID-19 unter den Flüchtlingen gab und unsere anderen Kunden nicht mehr in die Busse einsteigen wollten." Für einzelne Flüchtlinge hielten die Busse weiterhin, so Mignonet.

"Ein Rückschritt in Sachen Menschenrechte"

Ob das wirklich die einzigen Fälle des Coronavirus in den Camps sind, ist schwer zu sagen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten, mehrere Flüchtlinge hätten Symptome, die auf COVID-19 hinweisen, aber getestet wird hier keiner. Räumliche Distanz unter den Flüchtlingen ist unmöglich. Die Hygienebedingungen sind schlecht: Zwischen den Zelten türmt sich der Müll, es gibt keine Masken oder Handreiniger und nur wenige Toiletten.

Der 20-jährige Noël aus Guinea sagt, er fühle sich wie ein Ausgestoßener. "Wir sind völlig schutzlos und alleine gelassen," erklärt er. "Seit Anfang der Pandemie sitzen wir hier fest. Manche von uns hat man in Herbergen untergebracht, aber dort waren sie zu viert auf einem Zimmer. Das ist doch illegal. Viele sind wieder zurückgekommen - selbst, wenn das zwei Tage Fußmarsch bedeutete."

Yann Manzi, Gründer der Hilfsorganisation Utopia 56, sieht die Menschenrechte der Flüchtlinge verletztBild: Utopia 56

Die Hilfsorganisationen vor Ort haben die Hälfte ihrer Freiwilligen nach Hause geschickt wegen der Ausgangssperre. In Zweierteams bringen die verbliebenen Helfer den Flüchtlingen Feuerholz und Essen. Yann Manzi, Mitgründer der Hilfsorganisation Utopia 56, sagt, die Ausgangssperre bedeute einen regelrechten Rückschritt in Sachen Menschenrechte: "Wir tun, was wir können, aber es gibt keinen Rechtsbeistand mehr für die Flüchtlinge," erklärt er. "Sie werden immer noch regelmäßig aus ihren Zelten gescheucht und von der Polizei gegängelt. Ich dachte, in der Krise würden alle füreinander einstehen. Aber diese wehrlosen Menschen werden einfach alleine gelassen."

Evakuierungen "müssen sein"

Der stellvertretende Präfekt von Calais, Michel Tournaire, stellt die Situation anders dar: Ärzteteams schauten regelmäßig nach den Migranten, die Behörden hätten Toiletten aufgestellt: "Wir bieten Herbergsplätze für bis zu 715 Migranten an", erklärt er. "Dort kümmern sich Ärzte um sie. 353 Leute haben dieses Angebot schon angenommen." Die regelmäßigen Evakuierungen der Camps seien auch in Zeiten von COVID-19 nötig: "Ich kann dazu gar nichts sagen - unsere Justiz hat das so entschieden," sagt Tournaire.

Die Hilfsorganisationen vor Ort bestreiten, dass es genug Platz in den Herbergen gäbe. Sie schätzen die Zahl der Flüchtlinge in Calais auf 1200 - und nicht auf 600 wie die Behörden. In Grande-Synthe, einem Vorort von Dunkerque, rund 40 Kilometer östlich von Calais, kämen noch einmal mindestens 600 Flüchtlinge hinzu, so Akim Toualbia, Gründer und Vorsitzender der Hilfsorganisation Solidarity Border: "Wir haben hier lediglich sechs Toiletten und noch nicht einmal Seife zum Händewaschen - ich dachte wirklich, der Staat würde uns mehr unterstützen in diesen schwierigen Zeiten."

Flüchtlinge geben ihren Traum nicht auf

Doch viele Flüchtlinge erwarten ohnehin keine Hilfe mehr vom französischen Staat. Mengis will weiterhin jeden Abend versuchen, nach England zu kommen: "Ich werde nie aufgeben. Eines Tages werde ich es schaffen. Mein Traum? Ich will Doktor werden. Dann werde ich endlich richtig frei sein, ein Haus haben und ein schönes Leben", sagt er mit glänzenden Augen. In England will Mengis zu einem seiner zwei Brüder stoßen, die sich dort schon niedergelassen haben. Aber in Zeiten von COVID-19 scheint es schwieriger denn je, auf die andere Seite des Ärmelkanals zu gelangen.

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