1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikFrankreich

Frankreich: Glucksmanns Linke und die junge Generation

Andreas Noll
13. Oktober 2026

Raphaël Glucksmann will Frankreichs Linke ohne den Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon zurück an die Macht führen. Doch der Rivale ist gerade bei jungen Wählern stark. Wie kann der Vorwahlsieger sie für sich gewinnen?

Raphaël Glucksmann hält Rede nach Sieg bei der sozialistischen Vorwahl
Klarer Sieg, schwieriger Wahlkampf: Raphaël Glucksmann spricht am 11. Oktober in Paris vor seinen Unterstützern, nachdem er die Vorwahl der gemäßigten Linken gewonnen hat.Bild: Raphael Lafargue/abaca/picture alliance

Im Pariser Viertel Belleville, wo die Arbeitergeschichte ihre Spuren hinterlassen hat, findet inzwischen auch das wohlhabende Paris seine Adresse. Hier feierte der Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann am Sonntagabend seinen Sieg bei der Vorwahl der gemäßigten Linken. Gut 66 Prozent der teilnehmenden Parteimitglieder und Sympathisanten hatten für den 46-Jährigen gestimmt. Zwei Wahlgänge waren vorgesehen, einer hatte dem Sohn des Philosophen und Essayisten André Glucksmann gereicht.

Mehlattacke nach dem Vorwahlsieg: Raphaël Glucksmann wird am 11. Oktober beim Verlassen seiner Siegesfeier in Paris von einem Unbekannten mit Mehl überschüttet.Bild: Raphael Lafargue/abaca/picture alliance

Doch als Glucksmann die "Cantine de Belleville" verließ, schüttete ihm ein Unbekannter Mehl über den Kopf. Am Montagmorgen verlangte Glucksmann vom Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, Übergriffe seiner Anhänger zu verurteilen. Ob der Angreifer tatsächlich zu Mélenchons Bewegung La France Insoumise (LFI) zählt, ist vorerst ungeklärt. Doch der Streit führt mitten in die Frage, die Glucksmanns Kandidatur für den Élysée in den kommenden Wochen begleiten dürfte: Wie kann er die Wähler Mélenchons gewinnen, wenn er eine Zusammenarbeit mit ihrem Kandidaten ausschließt?

Abgrenzung zu den Linkspopulisten

Wie hältst du es mit Mélenchon? Diese Frage hatte weite Teile des Vorwahlkampfes geprägt. Während Sozialistenchef Olivier Faure die Tür für eine Zusammenarbeit mit LFI offenhalten wollte, verlangte Glucksmann einen klaren Bruch. Sein deutlicher Sieg ist damit auch ein Votum für diese Abgrenzung.

Die Kandidaten der Vorwahl vor einer Fernsehdebatte am 1. Oktober in Paris (v. l.): Olivier Faure, Emmanuel Maurel, Ségolène Royal, Raphaël Glucksmann und Jérôme GuedjBild: Raphael Lafargue/abaca/picture alliance

Dabei hatten seine Konkurrenten auch seine politische Erfahrung infrage gestellt. Die frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal verglich seine Bewerbung um den Élysée mit dem Versuch, einen "Praktikanten" an die Spitze eines Unternehmens zu setzen. Glucksmann habe weder Regierungserfahrung noch eine Kommune geführt.

Viele Hürden auf dem Weg in den Élysée

Glucksmanns klarer Vorwahlsieg täuscht über seine schwierige Ausgangslage hinweg. In einer am Montag veröffentlichten Umfrage von Toluna Harris Interactive kommt er je nach Kandidatenfeld auf zehn bis elf Prozent der Stimmen, Mélenchon aber auf 18 Prozent. Der 75 Jahre alte Rivale liegt damit deutlich näher an einem Einzug in die Stichwahl. Die Befragung fand allerdings vor Glucksmanns Vorwahlsieg statt und berücksichtigt so keinen möglichen Schub durch die Nominierung.

Die Sozialisten setzen für ihren Neuanfang auf einen Mann, der dem Parti Socialiste (PS) gar nicht angehört. Raphaël Glucksmann kommt von der kleinen Partei Place publique und soll nun das sozialdemokratische Lager aus der Bedeutungslosigkeit führen. Die Sozialistin Anne Hidalgo kam bei der letzten Präsidentenwahl 2022 landesweit auf lediglich 1,75 Prozent der Stimmen.

Mélenchons Vorsprung bei den Jungen

Vor besonders großen Aufgaben steht Glucksmann bei den jungen Wählern. In einer Ipsos-Erhebung vom September erreichte Mélenchon bei den unter 25-Jährigen 41 Prozent der Wahlabsichten - mit Glucksmann als Kandidaten der Sozialdemokraten und Édouard Philippe als einzigem Bewerber des politischen Zentrums. Die Rechtsnationalistin Marine Le Pen kam in dieser Altersgruppe auf eine Zustimmung von 20 Prozent. Frankreichs junge Wählerschaft ist politisch gespalten, doch auf der Linken dominiert bislang Mélenchon.

Unterstützung für Jean-Luc Mélenchon: Eine Demonstrantin zeigt bei den Schülerprotesten am 6. Oktober in Paris eine Maske des linkspopulistischen PräsidentschaftskandidatenBild: Yves Herman/REUTERS

Dieser sucht zurzeit gezielt den Schulterschluss mit den protestierenden Schülern. Bei einer Kundgebung in der Nähe des zentralfranzösischen Clermont-Ferrand solidarisierte er sich am Sonntag mit ihrer Bewegung und bekräftigte seine Forderungen nach einem Wahlrecht ab 16 sowie der Abschaffung des umstrittenen Hochschulzulassungsverfahrens Parcoursup.

Links, aber nicht auf LFI festgelegt

Der Politikwissenschaftler Antoine Bristielle unterscheidet in einer Analyse für die Fondation Jean-Jaurès zwischen einem festen LFI-Kern und einer beweglichen linken Wählerschaft. Die besonders treuen Anhänger von Mélenchon sind demnach häufig jung, großstädtisch und gut ausgebildet. Finanziell allerdings stehen viele von ihnen unter Druck. Vier von zehn leben in Haushalten mit weniger als 2000 Euro Nettoeinkommen im Monat.

Jean-Luc Mélenchon bei einem Protest des öffentlichen Dienstes am 29. September in Paris. In der am 12. Oktober veröffentlichten Harris-Umfrage liegt er in allen getesteten Konstellationen auf Platz zwei hinter Marine Le Pen.Bild: Tom Nicholson/REUTERS

Diejenigen, denen ein Sieg der Linken wichtiger ist als die Bindung an eine bestimmte Partei, taxiert der Forscher auf knapp ein Drittel der untersuchten linken Wählerschaft. Fast die Hälfte dieser Gruppe ist jünger als 35 Jahre, sie stehen Sozialisten, Grünen und LFI offen gegenüber. Ihnen sind Umverteilung und ein aktiver Staat wichtig, aber sie wünschen sich mehrheitlich kompromissbereite Politiker.

Was Glucksmann den jungen Wählern anbietet

Das zuletzt in Deutschland beobachtete Muster, junge Frauen wählen häufiger links, junge Männer häufiger rechts, lässt sich auf Frankreich nicht ohne Weiteres übertragen. Die Politikwissenschaftlerinnen Anja Durovic, Nonna Mayer und Noémie Piolat haben für die Europa- und Parlamentswahlen von 2024 festgestellt, dass junge Französinnen nicht signifikant häufiger links oder seltener rechtsextrem wählten als gleichaltrige Männer. Ob dieses Muster auch bei der Präsidentschaftswahl 2027 gilt, ist offen.

Glucksmann will Arbeitseinkommen durch eine Senkung der Sozialabgabe CSG entlasten und dafür Erbschaften von mehr als zwei Millionen Euro stärker besteuern. Der Sozialdemokrat präsentiert sich zudem als überzeugter Anhänger der europäischen Integration, die Mélenchon kritisch sieht. Glucksmanns politisches Profil verbindet soziale Forderungen mit außenpolitischen Positionen, die auch Wähler aus Macrons Lager ansprechen können.

Streitfrage Ukraine

Dazu zählt unter anderem die Ukraine-Politik. Der Sozialdemokrat steht für eine entschiedene Unterstützung Kyjiws. Mélenchons LFI befürwortet militärische Unterstützung nach Darstellung ihrer Europaabgeordneten Manon Aubry nur unter Bedingungen. Die Hilfe für die Ukraine müsse zunächst demokratisch debattiert werden, dürfe keine Angriffe tief im russischen Staatsgebiet ermöglichen und Frankreichs eigene Verteidigungsfähigkeit nicht schwächen. Bei der Abstimmung über das französisch-ukrainische Sicherheitsabkommen in der Nationalversammlung stimmten die LFI-Abgeordneten 2024 dagegen.

Wie angespannt das Verhältnis ist, zeigte sich auch nach der Mehlattacke von Belleville. Der LFI-Abgeordnete Sébastien Delogu erklärte auf X seine "Unterstützung" für den Taxifahrer, der anschließend sein Fahrzeug reinigen musste. Für seinen Weg in den Élysée braucht Glucksmann viele Stimmen aus Mélenchons Lager. Die Abgrenzung von dessen Führung dürfte ihm leichter fallen als das Werben um dessen Wähler.

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen