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PolitikEuropa

Frankreichs Gelbwesten auf der Suche nach einer neuen Stimme

11. November 2025

Auf den Straßen ist die französische Protestbewegung nicht mehr so präsent wie früher, aber eine Theatergruppe im Norden Frankreichs bringt die Politik, die Wut und den Zusammenhalt der Gelbwesten auf die Bühne.

Frankreich Lille 2025 | Gelbe Westen Theater Projekt | Yolaine Jean Pierre und Marine Guilbert singen Protestlied
Stolze Gelbwesten: Laienschauspielerinnen Yolaine Jean Pierre (rechts) und Marine Guilbert (links) bei der ProbeBild: Tessa Walther

Theaterprobe im Norden Frankreichs: Zehn Laienschauspieler und -schauspielerinnen haben sich an einem Sonntagnachmittag in einem Gemeindesaal in Lille versammelt. Die meisten von ihnen kennen sich nicht über die Kunst- und Theaterszene, sie haben sich während der Gelbwestenproteste in Frankreich kennengelernt.

In den Jahren 2018 und 2019 erlebte die Protestbewegung ihren Höhepunkt. Damals blockierten mit gelben Warnwesten bekleidete Demonstrierende in ganz Frankreich Straßen, um gegen eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer zu protestieren, durch die auch Klimaschutzmaßnahmen finanziert werden sollten.

Seitdem ist es um die Bewegung ruhiger geworden. Doch viele der Teilnehmenden von damals haben nicht vergessen, wie es sich anfühlte, Teil der Bewegung zu sein, die aufgrund ihrer weithin sichtbaren Westen auf Französisch "gilets jaunes", zu Deutsch "Gelbwesten", genannt wird.

Eine der heute anwesenden Schauspielerinnen, die 66-jährige Marine Guilbert, hat an ihrem Rucksack eine Gelbweste hängen. Eingerahmt von zwei selbstgemalten Schmetterlingen stehen darauf die Worte "fiere d'etre un gilet jaune", auf Deutsch: "stolz, eine Gelbweste zu sein". Einer der anderen Schauspieler neckt sie und meint, sie würde ihre Weste wohl auch im Bett tragen.

'Schlimmer als zuvor'

Auf dem Höhepunkt der Gelbwesten-Bewegung protestierten einige Demonstrierende friedlich, andere jedoch warfen Rauchbomben, plünderten Geschäfte und setzten Barrikaden in Brand. Die französische Polizei antwortete mit Wasserkanonen und Tränengas, was ihr Vorwürfe von Polizeigewalt einbrachte. Daten der französischen Internet-Zeitung Mediapart zufolge kam es im Laufe der Proteste zu vier Todesfällen und Hunderten Verletzten.

Mindestens einmal pro Woche trifft sich die Gruppe in einem Gemeindesaal, um für die Aufführung im November zu übenBild: Tessa Walther

Sieben Jahre und viele Proteste später ist Guilbert noch immer wütend über die politische und wirtschaftliche Situation in Frankreich. "Es ist schlimmer als zuvor", klagt sie gegenüber der DW. Als Reinigungskraft verdient sie weniger als 1000 Euro im Monat. Um zurechtzukommen, ist sie auf Unterstützung durch ihren Sohn und Lebensmittelpakete von gemeinnützigen Organisationen angewiesen. Vom Staat fühlt sie sich im Stich gelassen. Darum versucht sie gemeinsam mit ihrer Gruppe, ihrem Frust auf andere Weise Ausdruck zu verleihen.

Guilbert kann sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal im Theater war. "Zu teuer", merkt sie an. Doch jetzt muss sie sich keine professionellen Theaterproduktionen mehr ansehen, sagt sie und deutet selbstbewusst auf sich selbst: "Wir sind geborene Künstler."

Gegründet wurde die Theatergruppe von Anne-Sophie Bastin, einer Rechtsanwältin und weiteren Gelbweste aus Lille. "Wir haben so viel Gewalt gesehen, so viel Ungerechtigkeit durch die Polizei. Deswegen haben wir beschlossen, das auf die Bühne zu bringen", erläutert sie. Sie hat die Gruppe gegründet, schreibt die Stücke und fungiert auch als Regisseurin.

Ihren ersten Auftritt hatte die Gruppe 2019. Damals handelte das Stück von den Gelbwesten selbst. Das neue Stück soll Ende November in der Nähe von Lille im Theater von Wasquehal, das Platz für 400 Zuschauer bietet, aufgeführt werden. Es handelt von Bobby Sands, einem Mitglied der paramilitärischen Irish Republican Army (IRA), von vielen Iren als Held verehrt, von anderen jedoch als Extremist verurteilt wird. 1981 starb Sands mit nur 27 Jahren während eines Hungerstreiks im Gefängnis. Bastin bezeichnet ihn als inspirierende Persönlichkeit.

Rechtsanwältin Anne-Sophie Bastin hat die Theatergruppe gegründet und schreibt die Stücke selbstBild: Tessa Walther

Bei ihren Protesten auf den Straßen kamen die Gelbwesten ohne Anführer aus. "Sie sind es nicht gewohnt, einen Boss zu haben", sagt Bastin über ihre Truppe. Doch hier auf der Bühne ist sie der Boss. Als einer der Schauspieler während der Probe im Oktober zu viel seiner eigenen Interpretation in seine Figur legt, geht Bastin dazwischen: "Ich habe das Stück geschrieben."

In der Vergangenheit bestand die Theatergruppe nur aus Gelbwesten. Damals zählte sie etwa 40 Mitglieder. Doch die Mitglieder kamen und gingen und schließlich wurde die Gruppe auch für Freunde und Familienmitglieder geöffnet. Im Moment gehören ihr 15 Laienschauspieler und -schauspielerinnen an.

Frankreich in der Krise

Während Frankreich von Krise zu Krise stolpert, ist in den vergangenen Monaten eine neue Protestbewegung in den Fokus gerückt. Sie nennt sich "bloquons tout" und will das gesamte öffentliche Leben lahmlegen. Als die französische Zeitung "Le Monde" Mitte Oktober eine Umfrage durchführte, sagten 95 Prozent der Befragten, sie seien mit dem Zustand des Landes unzufrieden.

Die Rentnerin Yolaine Jean Pierre, eine von Bastins Laienschauspielerinnen, komponiert in ihrer Freizeit Lieder. Am Tag der Probe trägt sie am Kragen einen Button, der eine Gelbweste mit einem Herz darauf zeigt. Sie stimmt eines ihrer Lieder an und die anderen stimmen ein. Die eingängige Melodie und der Text bleiben einem auch später noch im Ohr. Das Thema ist in allen Liedern das gleiche: Präsident Emmanuel Macron, der in ihren Augen in großen Teilen für den Zustand Frankreichs verantwortlich ist.

Diese Unzufriedenheit wird nicht einfach zu beseitigen sein. Frankreich habe ein strukturelles Problem, meint Julien Talpin, Politikwissenschaftler an der Universität von Lille. "Weil das politische System Frankreichs nicht mehr in der Lage ist, Ungleichheiten zu kompensieren, findet die Wut andere Wege", sagt er zur DW.

Frankreich: Zorn richtet sich gegen Macron

04:31

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Einer der Gründe für die Instabilität der Regierung ist die mangelnde Unterstützung für Macron im französischen Parlament. So kann er die Reformen, die seiner Meinung nach notwendig sind, um Frankreich aus seiner wirtschaftlichen Misere zu helfen, nicht umsetzen.

Die öffentliche Verschuldung in Frankreich beträgt mehr als 100 Prozent der Einnahmen des Landes, doch die Versuche vergangener Regierungen, die Staatsverschuldung zu reduzieren - angefangen mit der Reform des französischen Rentensystems bis zur Streichung nationaler Feiertage - stießen jeweils auf heftigen Widerstand von Seiten der Öffentlichkeit und der politischen Gegner.

Einem kürzlich von der französischen Beobachtungsstelle für Ungleichheit veröffentlichen Bericht zufolge steigt die Armutsquote in Frankreich seit 20 Jahren. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass ein Wechsel an der Spitze des Staates automatisch Frankreichs politische Probleme lösen würde. Tritt Macron zurück, laufe er Gefahr, den höchsten Posten im Land an die rechtsextreme Partei Rassemblement National zu übergeben, sagen Experten.

Gelbwesten fordern Macrons Rücktritt

Im Gemeindesaal in Lille sind sich die meisten der Schauspieler und Schauspielerinnen einig. Sie halten den Rücktritt des Präsidenten für überfällig. Die Rentnerin Jean Pierre glaubt aber nicht, dass das passieren wird. Macron werde an der Macht festhalten, weil er sich für Gott halte, spöttelt sie.

Wer auch immer an der Macht sei, es würde sich nur wenig ändern, meint ein anderer der Schauspieler. Paris fühle sich weit weg an. Die Reinigungskraft Marine Guilbert lässt all ihre Wünsche nach Veränderung in das Theater fließen. "Ich hoffe, dass unsere Stimme draußen und auf der Bühne gehört wird", sagt sie.

Die Augen von Jean Pierre beginnen zu glänzen, wenn sie von der Theatergruppe spricht. Wir [die Mitglieder dieser Truppe] kämpfen denselben Kampf", betont sie gegenüber der DW. "Wir denken das Gleiche. Wir sind uns einig."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

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