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BildungFrankreich

Frankreichs Schulkrise: Viel Geld, wenig Vertrauen

Andreas Noll
9. Oktober 2026

Seit Wochen protestieren Schüler gegen ein marodes Bildungssystem. Obwohl Paris im internationalen Vergleich viel in Bildung investiert, wächst die Unzufriedenheit. Das dürfte auch mit den Prioritäten zusammenhängen.

Schüler und Studierende protestieren mit selbstgemachten Plakaten und Transparenten. Vor einem Zugang zur Universität Avignon haben sie Mülltonnen geschoben.
Keine Ende der Proteste in Sicht: Schüler und Studierende blockieren den Eingang der Universität AvignonBild: Christophe Agostinis/MAXPPP/picture alliance

Ratten in Toiletten, undichte Dächer und kaputte Heizungen. Handyvideos französischer Schüler machen derzeit die Runde in den sozialen Netzwerken. Sie dokumentieren eine marode Infrastruktur in zahlreichen Bildungseinrichtungen des Landes.

Am Lycée Paul Éluard im Pariser Vorort Saint-Denis, einem der Zentren der Protestbewegung, berichten Jugendliche über Ungeziefer im Gebäude und regelmäßige Wasserschäden. Im benachbarten Pantin klagen Schüler über Fenster, die sich auch bei Temperaturen von bis zu 40 Grad im Sommer nicht öffnen lassen.

Die wackeligen Aufnahmen in den sozialen Netzwerken sind zu Symbolen der landesweiten Schulproteste geworden, deren Ende bislang nicht absehbar erscheint. Die Unzufriedenheit reicht über marode Schulgebäude hinaus. Auf ihren Demonstrationen beklagen die Jugendlichen auch überfüllte Klassen und hohe Unterrichtsausfälle.

Problem Zentralstaat

Dabei investiert Frankreich mit 6,7 Prozent der Wirtschaftsleistung im europäischen Vergleich viel Geld in sein Bildungssystem. Dass sich diese Investitionen nicht in besseren Lernbedingungen niederschlagen, dürfte auch mit den Zuständigkeiten zusammenhängen.

Unter Druck: Bildungsminister Edouard Geffray bei einer Fragestunde zu den Protesten in der Nationalversammlung am Dienstag (6.10.)Bild: Dimitar Dilkoff/AFP

Der aus Paris gesteuerte Zentralstaat bezahlt vor allem die Lehrkräfte und bestimmt landesweit die Lehrpläne für alle Schulformen. Für den Unterhalt der Gebäude sind dagegen die Gemeinden bei Grundschulen, die Départements bei Collèges (Sekundarstufe I) und die Regionen bei Lycées (Sekundarstufe II) verantwortlich.

Je nach Region verfügen die Gebietskörperschaften über unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und müssen Sanierungsprojekte selbst planen. So kommen Verbesserungen oft nur langsam voran. Zudem sind mehr als zwei Drittel des Budgets durch Personal und Pensionszahlungen festgelegt, der Raum für Investitionen ist überschaubar.

Marode Infrastruktur

Über 80 Prozent der Grundschulgebäude in Frankreich sind älter als 50 Jahre, schätzungsweise zehn bis zwanzig Prozent aller Schulgebäude gelten als stark sanierungsbedürftig. Die Politik hat das in vielen Fällen auf dem Schirm. Allein die Hauptstadtregion Île-de-France hat für die Jahre 2017 bis 2027 ein Sanierungs- und Ausbauprogramm im Umfang von 6,6 Milliarden Euro beschlossen.

Auch in Bron bei Lyon demonstrieren Schüler und Studierende am Donnerstag (8.10.) für mehr Geld und bessere LernbedingungenBild: Pittore/NEIRDAPROD/SIPA/picture alliance

Nach Angaben der Regionalregierung besuchen inzwischen zwei Drittel der Oberstufenschüler eine neue oder renovierte Schule. Doch selbst wenn Schimmel beseitigt und Dächer saniert sind, bleibt ein wirksamer Schutz vor der Sommerhitze weiterhin Mangelware. Hinzu kommt eine bittere Pointe: Bei den jüngsten Ausschreitungen wurden auch Schulgebäude beschädigt, die erst vor wenigen Jahren mit großem Aufwand neu gebaut oder jüngst saniert worden waren.

Macron wollte gegensteuern

Auch bei den laufenden Bildungsausgaben zeigt sich eine Schieflage. Während in Frankreich in die Oberstufe vergleichsweise viel Geld fließt, investiert Paris nach OECD-Berechnungen pro Grundschüler weniger als der Durchschnitt der Industriestaaten. Bildungsforscher verweisen darauf, dass gerade in diesen Jahren die Grundlagen für einen späteren Schulerfolg gelegt werden.

Die Regierungen unter Präsident Emmanuel Macron haben versucht gegenzusteuern. Seit 2017 wurden in sozial benachteiligten Gebieten die Klassengrößen der ersten Grundschuljahre halbiert - und dafür rund 16.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. Nach den anhaltenden Schulprotesten will Frankreich jetzt kurzfristig mehr als 3.000 Vertretungslehrer organisieren. Eine Software solle dabei die Schulen anzeigen, die sich in einer problematischen Situation befänden, so Bildungsminister Édouard Geffray. 

Mit ihren Ankündigungen geht die Regierung erstmals konkret auf die Forderungen der Schüler ein, die seit knapp zwei Wochen für eine bessere Ausstattung der Gymnasien, mehr Vertretungslehrer und Investitionen in das Bildungswesen demonstrieren. 

Defizite werden größer

Wie groß die aktuellen Probleme im Bildungssystem sind, zeigen die jüngsten PISA-Ergebnisse vom September 2026. In Mathematik erreicht inzwischen mehr als jeder dritte 15-Jährige nicht das grundlegende Kompetenzniveau.

Auch Macrons Reform der gymnasialen Oberstufe steht in der Kritik. Die Abschaffung der bisherigen Zweige zugunsten individuell wählbarer Schwerpunktfächer sollte den Schülern mehr Freiheit geben. Doch die zahlreichen Fächerkombinationen erschweren die Stundenplanung. Jugendliche beklagen zusätzliche Freistunden und längere Schultage.

Will verhindern, dass aus den Schulprotesten eine breite soziale Protestbewegung wird: Premierminister Sébastien Lecornu Bild: Dimitar Dilkoff/REUTERS

Die Probleme reichen aber auch bis an die Hochschulen. Eine Dozentin an einer Pariser Universität berichtet von einem Seminar mit 50 Studierenden, bei dem Studierende Stühle aus benachbarten Räumen holen oder auf dem Boden sitzen müssen. Die Verwaltung sehe bislang tatenlos zu.

Problem Unterrichtsausfall 

Im Vergleich zu anderen EU-Staaten haben französische Schüler eine hohe Zahl an Unterrichtsstunden pro Schuljahr. Auf dem Papier. In der Realität kommt der Rechnungshof für das Schuljahr 2023/24 auf neun Prozent Unterrichtsausfall an öffentlichen Collèges. Lediglich rund zwölf Prozent der kurzfristig ausgefallenen Stunden werden durch andere Lehrer vertreten, wie eine Untersuchung aus dem Schuljahr 2024/25 nahelegt.

Landesweit, wie hier in Nantes, protestieren die Schüler mittlerweile gegen Unterrichtsausfall und marode SchulenBild: Stephane Mahe/REUTERS

Die im Vergleich zu Nachbarländern schlechte Bezahlung der französischen Lehrer gilt als weiteres Problem. Nach OECD-Daten verdienen französische Lehrkräfte an Collèges nach 15 Berufsjahren nur etwa halb so viel wie ihre deutschen Kollegen.

Das enttäuschte Gleichheitsversprechen

Frankreich ist stolz auf sein republikanisches Schulmodell. Es soll allen Kindern unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Chancen eröffnen. Tatsächlich hängt der Bildungserfolg in Frankreich jedoch heute überdurchschnittlich stark vom sozialen Hintergrund der Eltern ab. Das zeigt sich auch daran, dass Kinder aus ärmeren Familien deutlich häufiger von Unterrichtsausfällen betroffen sind.

Studierende blockieren am Donnerstag (8.10.) das Institut Catholique de Paris. Auf Plakaten kritisieren sie auch den rechtskonservativen Medienunternehmer Vincent Bolloré und beklagen Zensur in den MedienBild: Raphael Lafargue/abaca/picture alliance

Der finanzielle Spielraum der Regierung ist angesichts der prekären Haushaltslage begrenzt. Zwar sieht der Haushaltsentwurf für 2027 rund 1,2 Milliarden Euro zusätzlich für das Bildungsministerium vor, zugleich sollen aber mit Verweis auf sinkende Schülerzahlen Lehrerstellen gestrichen werden.

Protest mit Blick auf die Präsidentenwahlen

In den sozialen Netzwerken verbreiten sich längst nicht mehr nur Videos von maroden Schulgebäuden. Zu sehen sind auch Demonstrationen mit Palästinenserfahnen und politischen Parolen, die wenig mit Bildungspolitik zu tun haben. Andere Aufnahmen zeigen brennende Barrikaden und Zusammenstöße mit der Polizei.

Zwischen den Fronten: Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko (LFI), bei einer Schülerdemonstration in Paris am 6. Oktober Bild: Kenzo Tribouillard/AFP

Vor allem die linksradikale Partei La France insoumise (LFI) sucht die Nähe zur Protestbewegung. Ihre Abgeordneten zeigen sich bei Schulblockaden und verbreiten entsprechende Videos. Die Regierung wirft LFI vor, die Wut der Jugendlichen gezielt zu instrumentalisieren, die Partei weist das zurück. Ein halbes Jahr vor der französischen Präsidentenwahl ist der Protest gegen die Bildungsmisere längst auch zu einem Machtkampf zwischen den politischen Lagern geworden.

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