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PolitikFrankreich

Frankreichs schwierige Debatte um Identität

Lisa Louis
30. Oktober 2023

Frankreichs Rechtsaußen-Partei behauptet, die angebliche französische Identität schützen zu wollen, doch Forscher zweifeln an der Definition. Auch im Kulturbetrieb regt sich Widerstand.

Frankreich Die Proben des Theaterstücks "Kaldûn"
Proben zum Theaterstück "Kaldûn": Ein Stück französische Kolonialgeschichte Bild: Lisa Louis/DW

Auf der Bühne des Theaters von Sartrouville, einem nordwestlichen Vorort von Paris, sitzt ein halbes Dutzend Schauspielerinnen und Schauspieler in einem Querschnitt eines großen Holzbootes. Sie singen ein Lied auf Arabisch. Dann steht eine der Schauspielerinnen auf und ruft: "On crée la sous-France – des Fatimas, des Mohameds." - Sie schaffen das Unter-Frankreich – der Fatimas, der Mohameds. "Sous-France" ist ein Wortspiel mit "souffrance", was Leiden bedeutet. Dies sind die Proben des Theaterstücks Kaldûn. Es erzählt, wie nach Revolten in Paris und dem damals noch französischen Algerien im späten 19. Jahrhundert die Regierung gefangene Aufständische in Frankreichs Überseegebiet Neukaledonien schickte. Ein dramatischer Moment in der französischen Kolonialgeschichte, der auch zeigt, wie vielschichtig der Begriff französische Identität ist. 

Abdelwaheb Sefsaf, Direktor des Theaters und Autor des Stücks, wurde als Sohn algerischer Eltern geboren. Seine Familie kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Südwestfrankreich - Algerien war damals noch französische Kolonie. Erst 1962 erlangte das Land die Unabhängigkeit – nach 132 Jahren Kolonialherrschaft und einem achtjährigen Krieg. Für Doppelstaatsbürger Sefsaf ist es wichtig, an vergessene Episoden der französischen Geschichte zu erinnern, um die französische - und seine eigene - Identität zu ergründen. "Indem wir Geschichten wie Kaldûn erzählen, reparieren wir unser kollektives Gedächtnis. Ich glaube, dass uns nicht bewusste Teile unserer Geschichte Traumata auslösen können", erklärt er gegenüber DW. "Ich bin zwar mit ganzem Herzen Franzose. Aber ich muss zu meiner persönlichen Geschichte stehen. Als Sohn von Einwanderern bin ich auch stolz auf den anderen Teil meiner Kultur."

Teilnehmer der Konferenz zum Thema Kolonisierung und Migration in FrankreichBild: Lisa Louis/DW

Doch Frankreichs Rechtsaußen-Partei Rassemblement National, kurz RN, ignoriert solche Facetten der französischen Identität lieber. Im Wahlprogramm für die Präsidentschaftswahl 2022 wirbt sie für eine gesetzlichen Regelung, die es ermöglicht, Doppelstaatsbürgern – wie Sefsaf – Jobs im öffentlichen Dienst zu verwehren.

Marine Le Pen kam als Präsidentschaftskandidatin der Partei im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge in die Stichwahl. Die verlor sie zwar erneut, verbesserte ihr Ergebnis jedoch von etwa 34 auf mehr als 41 Prozent im Vergleich zu 2017. Die Partei bereitet sich nun auf den Wahlkampf für die Wahl zum Europäischen Parlament im kommenden Jahr vor. Identität ist wieder ein zentrales Thema. "Ich werde das ursprüngliche Frankreich verteidigen, seine Identität und seine Grenzen", sagte der RN-Spitzenkandidat und Parteichef Jordan Bardella beim Auftakt-Wahlkampfmeeting im südlichen Beaucaire im September. Auf eine DW-Interviewanfragen hat die Partei nicht reagiert.

Ein "überholtes Narrativ"

Daten der französischen Statistikbehörde Insee zufolge hat mindestens ein Drittel der Bevölkerung in Frankreich ausländische Wurzeln. Künftig könnte dieser Anteil weiter steigen. Wie sehr Frankreichs Geschichte von Einwanderung und Kolonisierung geprägt ist, war auch unlängst Thema einer Konferenz im anthropologischen Museum Musée de l'Homme in Paris. Naima Huber Yahi, eine auf Kolonialgeschichte spezialisierte Historikerin, moderierte eine Diskussion über Frankreichs große Demonstrationen für mehr Rechte für Einwanderer. Für die Forscherin greifen viele - allen voran die Rechtsaußen-Partei - auf eine überholte Definition der französischen Identität zurück.

"Demnach sind nur Weiße, Christen und Juden Franzosen. Dieses Narrativ stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde seitdem nicht angepasst. Es nimmt keine Rücksicht darauf, dass Frankreich eine Geschichte der Sklaverei, Kolonisierung und Einwanderung hat. Bewohner von Überseegebieten, die nicht weiß sind, seien demnach auch keine Franzosen", sagt sie zu DW. "Das entspricht einfach nicht der Realität."

Ahmed Boubeker, Professor für Soziologie an der Universität in Saint-ÉtienneBild: Lisa Louis/DW

Ahmed Boubeker, Professor für Soziologie an der Universität in Saint-Étienne, der an der gleichen Gesprächsrunde teilnahm, sprach gar von einer "Vorherrschaft rechter Ideen". "Es gibt eine ganze Gruppe reaktionärer Intellektueller, die glauben, dass die Dinge früher besser waren in Frankreich und die Multikulturalismus ablehnen", sagt er gegenüber DW. "Doch diese Leute scheinen zu vergessen, dass unser Land basierend auf einem politischen Projekt gegründet wurde. Jeder, der sich zu diesem Projekt bekennt, darf Franzose werden. Wir müssen aufhören, uns hinter nationalistischen Ideen zu verstecken."

"Ich habe tagtäglich mit Rassismus zu tun"

Die Folgen von wachsendem Rassismus in der Gesellschaft bekommen manche Zuhörer der Konferenz im Alltag zu spüren. Die 87-jährige Ghislaine Gajdard, geboren im Überseegebiet Guadeloupe, lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr in Kontinentalfrankreich. "Als wir 1949 hier ankamen, galten wir trotz unserer schwarzen Hautfarbe als Franzosen, aber heutzutage ist das nicht mehr so - ich habe tagtäglich mit Rassismus zu tun", erzählt sie der DW. "Frankreich respektiert schon längst nicht mehr seine Gründungsprinzipien Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ich habe Angst, dass man uns unsere Bürgerrechte wegnimmt, sollte die extreme Rechte an die Macht kommen."

Die 87 Jahre alte Ghislaine Gajdard wurde im Überseegebiet Guadeloupe geborenBild: Lisa Louis/DW

Die 45-jährige Lobna Mestaoui, eine weitere Zuhörerin der Konferenz, ist optimistischer. Sie zog aus ihrem Heimatland Tunesien mit 22 nach Frankreich, um Französisch zu studieren. Inzwischen hat sie die französische Staatsbürgerschaft und arbeitet als Lehrerin in einer Schule in einer sozial schwachen Vorstadt von Paris. "Ich weiß, dass es nicht einfach ist, sich als Einwanderer in die französische Gesellschaft zu integrieren - gerade auch, weil die extreme Rechte Aufwind hat", gibt sie gegenüber DW zu. "Aber ich bin der lebende Beweis dafür, dass eine schwarze Einwanderin hier ihren Platz finden kann, und versuche, meinen Schülern mit gutem Beispiel voranzugehen."

Wie vielfältig die französische Identität sein kann, illustriert auch einer der Schauspieler des Theaterstücks in Sartrouville. Simanë Wenethem stammt aus dem französischen Überseegebiet Neukaledonien. Der Rapper und Sänger spielt den lokalen Chef Ataï, der Anführer einer Revolte in Neukaledonien ist. Er sagt, "Franzose sein" hieße in Neukaledonien inzwischen vieles. "Ich bin Franzose. So ist das eben. Aber wir stellen uns eher die Frage, was es heißt, neukaledonisch zu sein", meint er zur DW. "Bei uns leben viele Menschen unterschiedlicher Kulturen - Indonesier, Vietnamesen etc. Sie haben sich in unsere Gesellschaft eingegliedert. Wir betrachten sie als Brüder."

Die 45 Jahre alte Lobna Mestaoui zog aus ihrem Heimatland Tunesien mit 22 nach FrankreichBild: Lisa Louis/DW

Hoffnung auf eine neue Definition französischer Identität

Theaterdirektor Sefsaf wünscht sich, dass Frankreichs Rechte - und die Gesellschaft im Allgemeinen - diese Vielschichtigkeit endlich berücksichtigen und ihre Definition der Identität anpassen. Der Kultursektor könne dabei eine besondere Rolle spielen. "Frankreich ist unser Land. Wir müssen es gemeinsam aufbauen und unsere gemeinsame Identität definieren, ohne dabei die individuelle Geschichte zu verleugnen. Eine gemeinsame Identität ist so viel reichhaltiger, weil jeder einen Teil dazu beisteuert", findet er.

Sefsafs Theaterstück wird in den kommenden Wochen auch in Paris und anderen Städten gezeigt. Der Autor arbeitet bereits an seinem nächsten Theaterstück, in der Hoffnung, Brücken zu bauen und die Gräben, die die extreme Rechte mit ihren Parolen vertieft hat, zu überwinden.

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