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Literatur

Franz Kafka: "Der Prozess"

Sabine Peschel
6. Oktober 2018

Joseph K. wird an seinem 30. Geburtstag verhaftet. Doch worin besteht seine Schuld? Angsterregend, traumartig, vorausdeutend: Kafkas posthum veröffentlichter Roman ist einer der rätselhaftesten Texte der Weltliteratur.

Kafkas Manuskripte im Literaturachiv Marbach
Die erste Seite des Originalmanuskripts des Romans "Der Prozeß"Bild: picture-alliance/dpa

"Jemand musste Joseph K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." 

Der erste Satz von Kafkas "Der Prozess" gehört zu den berühmtesten Romananfängen der Weltliteratur. Joseph K. wird an seinem dreißigsten Geburtstag verhaftet, doch nicht festgenommen. Die "Wächter", die ihm die Nachricht seiner Verhaftung mit dreister Höflichkeit überbringen, schicken ihn zu seiner gewohnten Arbeit als Prokurist einer Bank. Doch von nun an ist er kein normaler Angestellter mehr, er hat sich in einen Angeklagten verwandelt. Aber worin besteht seine Schuld? 

Vor dem Gerichtshof

Franz Kafka – ein sportlicher junger Mann mit braunen Augen und abstehenden OhrenBild: picture alliance/CPA Media

Franz Kafka war in einem inneren Zwiespalt: Er konnte sich lange nicht entscheiden, ob er seine Verlobte Felice Bauer heiraten sollte. Sein Dasein als Büroangestellter wäre besiegelt gewesen, er hätte die Existenz der Familie sichern und die Schriftstellerei, das Vorlesen seiner Texte vor Freunden, an den Nagel hängen müssen. Am 12. Juli 1914 wird er von Prag nach Berlin ins Hotel "Askanischer Hof" zitiert, um die Auflösung seiner Verlobung mit der Stenotypistin zu verhandeln. Einen "Gerichtshof" nennt er die Begegnung später. Er selbst war der Verurteilte.

Kafka ist danach wie befreit. Das einzig nicht Geheimnisvolle an seinem Roman scheint somit der Anlass zu sein, der den großen Selbstzweifler Kafka dazu brachte, mit der Niederschrift zu beginnen. Noch im Sommer 1914, in den Anfangstagen des Ersten Weltkriegs, schreibt er das erste Kapitel des "Prozess" und sofort auch den Schluss, danach arbeitet er an mehreren Kapiteln gleichzeitig. Im November stockt die Arbeit am Text, und im Januar 1915 legt er ihn ganz beiseite. 171 Blätter, herausgelöst aus großen Quartheften, umfasst das Manuskript am Ende. Es ist die vielleicht kostbarste Blattsammlung der modernen Literatur.

"Der Prozess" von Franz Kafka

02:09

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Dass die Geschichte einer Verurteilung, der man nicht entgehen kann, überhaupt als ein Stück Weltliteratur überliefert ist, ist Kafkas Freund Max Brod zu verdanken. Er hatte die auf einem an ihn gerichteten Zettel notierte "letzte Bitte", alle "Tagebücher, Manuskripte, Briefe, ... alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt, ... ausnahmslos, am liebsten ungelesen zu verbrennen" nicht erfüllt. Kafka, dem Max Brod zu Lebzeiten jede Veröffentlichung "in erbitterten Kämpfen" abgerungen hatte, war 1924 an Kehlkopftuberkulose gestorben. Acht Monate später brachte Brod den unvollendet gebliebenen Roman in einer von ihm geordneten Kapitelfolge heraus. 

Autobiografische Ähnlichkeiten

Es gibt durchaus biografischen Parallelen zwischen Autor und Figur. Als er die ersten Zeilen seines Romanfragments schrieb, war Kafka schon seit sechs Jahren bei der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag" angestellt. Vom Kriegsdienst wird er zurückgestellt, seine Vorgesetzten halten ihn für unentbehrlich. Noch bis 1922 bleibt er Büroangestellter, das gibt ihm nicht nur materiell, sondern auch psychisch Sicherheit. Denn als Schriftsteller hielt er sich immer wieder für einen Versager. Bei den Frauen hat Kafka dagegen durchaus Erfolg. Sie locken ihn oft, schreibt er an seinen Freund Max Brod. Gemeinsam mit ihm besucht er auch öfters Bordelle und trifft junge Frauen, "Ladenmädchen", wie er sie nennt.

Auch der Bankangestellte Joseph K. hat ein geregeltes Leben. Er wohnt in der Pension einer Frau Grubach, ist ganz auf seine Arbeit konzentriert. Einmal in der Woche besucht er Else, die Kellnerin in einer Weinstube, nach ihrem Dienst - dann kommt er spät nach Hause. Seine Freizeit verbringt er mit Spaziergängen und mit anderen Honoratioren am Stammtisch. 

Die Familie Kafka wohnte bis 1913 in Prag in der Niklasstraße 36 im "Haus zum Schiff"Bild: picture-alliance/akg-images/Archiv K. Wagenbach

Ohnmacht vor geheimnisvollen Mächten

Nach seiner rätselhaften Verhaftung fällt es Joseph K. immer schwerer, sich auf sein regelmäßiges, arbeitsames Leben zu konzentrieren. Er hat vor Gericht zu erscheinen, doch wo sich der Gerichtshof befindet, und wann er sich dort vorstellen soll, kann er nicht erfahren. Mal versäumt er, sich zu erkundigen, mal wird ihm die Auskunft verweigert. Nie dringt er zu den höheren Instanzen vor. Es walten geheimnisvolle, anonyme bürokratische Mächte. Joseph K. verliert den Glauben an seine Unschuld, wird immer ohnmächtiger bei seinem Versuch, herauszufinden, was ihm eigentlich widerfährt. 

"Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war?" Am Ende, ein Jahr später, am Vorabend seines 31. Geburtstags akzeptiert er fatalistisch seine Hinrichtung in einem Steinbruch durch zwei bleiche, fette Herren. "Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. 'Wie ein Hund!' sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben."

Ein hellseherisches Jahrhundertwerk

Was macht den "Prozess" zu einem solchen Urwerk der Moderne? Seit bald hundert Jahren ist der Text immer wieder neu und immer wieder anders interpretiert worden, theologisch, existentialistisch, psychoanalytisch. Gibt es ein oberstes Gesetz? Gibt es das Böse, oder eine immanente menschliche Schuld? Ein Vergehen am eigenen Leben, indem man es falsch führt? Oder ist Kafkas Niederschrift in erster Linie eine subtile Kritik an bürokratischer Macht und Herrschaftsstrukturen? 

Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth sprach von Kafkas "prophetischer Ironie". Allgegenwärtiger Überwachung ausgeliefert zu sein, ist gerade im 21. Jahrhundert eine reale, für manche Menschen existentielle Bedrohung. Kafkas ungeheuer präzise Sprache vermittelt dem Leser das Gefühl von Angst und Ohnmacht, von Chancenlosigkeit gegenüber Mächten, die man nicht einmal erkennen kann. "Der Prozess" ist Franz Kafkas weltweit meistgelesener und bekanntester Roman – nicht zuletzt dank der kongenialen Verfilmung durch Orson Welles aus dem Jahr 1962. Wie immer, unter welchen interpretativen Vorzeichen, man den "Prozess" auch liest – es ist ein Jahrhundertwerk.

Anthony Perkins in Orson Wells' Film "Der Prozess"Bild: picture-alliance/akg-images

 

Franz Kafka: "Der Prozess" (1925), erhältlich in den Verlagen S. Fischer,  Anaconda, Tredition Classics

Franz Kafka wurde 1883 in Prag geboren. Mit zwanzig begegnete er Max Brod, seinem lebenslangen Freund und späteren Herausgeber. Nachdem er 1906 sein Jurastudium mit der Promotion abgeschlossen hatte, arbeitete er als Angestellter erst einer italienischen, später der staatlichen Unfallversicherung. 1912 traf er Felice Bauer, mit der er bis zu seiner Lungenerkrankung 1917 hunderte Briefe wechselte. 1920-23 pflegte er eine Beziehung zu der verheirateten Wiener Journalistin und Übersetzerin Milena Jesenská. Danach lebte er in ärmlichen Verhältnissen in Berlin mit der Ostjüdin Dora Diamant, bis kurz vor seinen Tod 1924 in einem Sanatorium bei Klosterneuburg.

 

 

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