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Franz von Assisi: Vom Bettelmönch zur globalen Ikone

Brenda Haas
1. Oktober 2026

Er wollte weder Macht noch Ruhm. Doch Leben und Lehren des Heiligen Franz von Assisi inspirierten über Jahrhunderte hinweg Päpste, berühmte Dichter und sogar das faschistische Regime Mussolinis.

Gemälde zeigt den Heiligen In Mönchskutte auf einem Feld, vor ihm sitzen Vögel
Franz von Assisi kennen viele vor allem wegen seiner tiefen Verbundenheit mit der Natur und all ihren Kreaturen Bild: picture alliance / Heritage Images

Auf den ersten Blick erscheint es widersprüchlich: Franz von Assisi entschied sich für ein Leben in Armut, heute ruht er in seiner italienischen Heimatstadt Assisi in einer prächtigen Basilika,  geschmückt mit Fresken bedeutender mittelalterlicher Künstler.

Er predigte Demut, heute ziehen seine sterblichen Überreste, die zum 800. Jahrestag seines Todes der Öffentlichkeit präsentiert wurden, Hunderttausende  Menschen an. 

Tausende kamen, um die sterblichen Überreste des Heiligen zu verehren - begleitet von einem großen MedienechoBild: Emanuela Bianconi/IPA/ZUMA/picture alliance

Er inspirierte Päpste, Umweltbewegungen  und sogar die Propaganda des italienischen Faschistenführers Benito Mussolini. 

Wie würde der heilige Franz von Assisi wohl über den Ruhm denken, dem er zu Lebzeiten bewusst aus dem Weg ging?

Vom Reichtum zur Armut

Franz von Assisi wurde 1181 oder 1182 als Giovanni di Pietro di Bernardone in Assisi geboren, einer kleinen Stadt auf einem Hügel in Mittelitalien. Sein Vater, ein wohlhabender Tuchhändler mit engen Geschäftsbeziehungen nach Frankreich, gab ihm später den Namen Francesco.

Mittelalterliche Schreiber, die sein Leben festhielten und das Bild prägten, das spätere Generationen von ihm hatten, beschrieben ihn als einen lebhaften, geselligen jungen Mann, der gerne sang, Feste feierte und die Vorzüge des Reichtums genoss.

Das Innere der Basilika des heiligen Franz von Assisi ist kunstvoll ausgestattetBild: Horst Krauth

Er wollte jedoch nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, sondern träumte davon, Ritter zu werden. Im Jahr 1202 schloss sich Franziskus den Truppen von Assisi in einer Schlacht gegen das benachbarte Perugia an. Er wurde gefangengenommen, verbrachte ein Jahr im Gefängnis und kehrte erschüttert und krank nach Hause zurück. Diese Erfahrung und eine Reihe weiterer Ereignisse lösten einen Gesinnungswandel in ihm aus.

Einschneidend war das folgende Erlebnis in der kleinen, verfallenen Kirche San Damiano außerhalb von Assisi:  Franziskus war überzeugt, Jesus Christus habe ihn aufgefordert: "Baue meine Kirche wieder auf." Er nahm dies wörtlich und begann, örtliche Kapellen zu reparieren. Als ihm das Geld ausging, verkaufte er Stoffe aus dem Laden seines Vaters - was diesen in Rage versetzte und zu einer dramatischen Episode auf dem Stadtplatz von Assisi führte.

Norberto Proiettis Skulptur "Die Rückkehr des Heiligen Franziskus" zeigt, wie er nach seiner Gefangenschaft in Perugia als geschlagener Ritter heimkehrtBild: Gabriele Thielmann/imageBROKER/IMAGO

Vor dem Bischof und den versammelten Stadtbewohnern legte Franziskus seine edlen Kleider ab und entsagte seinem Vater, seinem Erbe und allen materiellen Annehmlichkeiten. Er verpflichtete sich zu einem Leben in Armut und Demut und verschrieb sich der Fürsorge von Armen und Kranken. 

Ein Heiliger als Identifikationsfigur 

Als Wanderprediger scharte Franz von Assisi immer mehr Anhänger um sich und gründete schließlich den Orden der Minderbrüder; heute kennt man sie als Franziskaner. Franziskus gilt als der erste Heilige, der auf wundersame Weise die Stigmata erhielt - körperliche Wunden, die denen am gekreuzigten Leib Jesu Christi ähneln. Am 16. Juli 1228, zwei Jahre nach seinem Tod, wurde er von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Diese ungewöhnlich schnelle Heiligsprechung verbreitete seinen Ruhm weit über Assisi hinaus.

In den folgenden Jahrhunderten wurde Franziskus zu einem der am häufigsten dargestellten Heiligen in der westlichen Kunst. Er inspirierte Dante zur "Göttlichen Komödie" und war Vorbild für Filme, Kinderbücher und 1980 sogar einen Marvel-Comic.

"Francis - Bruder des Universums" heißt dieser Marvel-Comic Bild: Marvel Comics Group

"Die meisten Heiligen gelten als unnahbar und wenig greifbar, doch Franziskus’ Geschichte von lebenslanger Bekehrung und dem Wunsch nach einer positiven Beziehung zu anderen, zu Gott und zur übrigen Schöpfung spricht Menschen über Zeiten und Kulturen hinweg an", erklärt der Theologe und ehemalige Franziskanermönch Daniel P. Horan gegenüber der DW.

Laut der Kulturhistorikerin Amanda Minervini hat es einen Grund, dass Franziskus über Jahrhunderte hinweg so beliebt ist: "In Franziskus scheint für jeden etwas dabei zu sein: der Pazifist, der Asket, der Freimaurer, der Umweltschützer, der Minimalist, der Tierliebhaber, der von Tieren zurückgeliebt wird, der Diplomat, der Mystiker, der Radikale, der Künstler und sogar das Vorbild für eine bestimmte Art von Männlichkeit", erklärt sie gegenüber der DW.

Aushängeschild eines faschistischen Regimes

Sein Bild sei im Laufe der Geschichte immer wieder neu konstruiert worden, betont Minervini. Sie hat die politische Vereinnahmung des Franziskus durch das faschistische Regime Benito Mussolinis untersucht. In ihrem kürzlich erschienenen Buch ""St. Francis and Mussolini: Fascist Appropriations of a Beloved Italian Saint" (Deutsch etwa: Der heilige Franziskus und Mussolini: Faschistische Aneignungen eines geliebten italienischen Heiligen) (2026) erläutert sie, wie die faschistische Rhetorik die Stigmata des Franziskus als Symbol für heldenhaftes Leiden und Opferbereitschaft umdeutete.

"Die Wunden des Heiligen wurden herangezogen, um das Opfer zu verherrlichen und die italienische Jugend zum Kriegseinsatz zu inspirieren."

Franziskus erhält auf diesem Gemälde von 1471 die Stigmata der Wunden des gekreuzigten Jesus Christus Bild: Heritage Images/IMAGO

Mussolini ließ sich 1927 taufen, um sein Bündnis mit dem Vatikan zu stärken: "Der heilige Franziskus bot sich an, um politischer Macht religiöse Legitimität zu verleihen", so Minervini. Ihre Forschungen zeigen, dass Franziskus’ Pazifismus - "wahrscheinlich, weil er wusste, was Krieg bedeutete" - bewusst heruntergespielt wurde.

In ihrem Buch findet sich eine vertrauliche Notiz, die 1929 an Militärseelsorger gerichtet war: Darin kam die Sorge zum Ausdruck, sie könnten den Truppen Friedensideale predigen. "Dieses Dokument liefert einen klaren Beweis dafür, dass der Frieden ein Aspekt von Franziskus’ Vermächtnis war, den faschistische Gruppen eher unterdrücken als fördern wollten."

Der italienische Staatschef Benito Mussolini (links), der Adolf Hitler inspirierte, machte sich die Lehren des Franziskus zu eigen, um faschistische Ideale zu legitimierenBild: United Archives International/IMAGO

Darüber hinaus waren die Alliierten, nachdem Italien im Zweiten Weltkrieg die Seiten gewechselt und sich ihnen angeschlossen hatte, oft bereit, Italiens Verbrechen zu dulden oder zu übersehen, anstatt die faschistische Vergangenheit des Landes aufzuarbeiten. "In diesem Klima blieben viele Faschisten auf ihren Posten, und das politisch angeschlagene Image von Franziskus wurde stillschweigend beiseitegeschoben“, erklärt Minervini.

Mittelalterlicher Friedensbotschafter

Franziskus' Friedensbemühungen sind jedoch geschichtlich überliefert. Im Jahr 1219, während des Fünften Kreuzzugs, reiste er mit dem Kreuzritterheer nach Damiette, einer Hafenstadt im Norden Ägyptens. Dort erhielt er die Erlaubnis, das muslimische Lager zu betreten und sich persönlich mit dem Sultan Malik al-Kamil zu treffen. Sein Ziel war es, den Sultan zu bekehren und dem blutigen Konflikt ein Ende zu bereiten.

Das Gemälde zeigt den heiligen Franziskus bei einer Audienz beim Sultan Malik al-Kamil Bild: Fine Art Images/Heritage Images/IMAGO

Minervini beschreibt sein Vorgehen als "eine außerordentlich kühne Tat" und erklärt, dass die Begegnung zwar nicht zum politischen Durchbruch oder gar zur Bekehrung des Sultans führte, auf die Franziskus vielleicht gehofft hatte. Seine unversehrte Rückkehr sorgte jedoch dafür, dass frühe Quellen auf ihn aufmerksam wurden.

Daniel Horan fügt hinzu, dass Franziskus, obwohl Christen Muslime damals als Feinde betrachteten, "sich dieser entmenschlichenden Sichtweise nicht anschließen wollte" und stattdessen "die gemeinsame Menschlichkeit und Brüderlichkeit, die er im Sultan erkannte", würdigte.

Vom Bettelmönch zur Klima-Ikone

Am bekanntesten ist er jedoch als Tierliebhaber und früher Verfechter des Umweltbewusstseins. "Er war seiner Zeit sowohl theologisch als auch im Hinblick auf die modernen Naturwissenschaften voraus und erkannte die Komplexität des Kosmos sowie die Tatsache, dass auch Menschen Geschöpfe sind, die in Beziehung zur uns umgebenden Welt stehen", sagt Daniel Horan, Autor des Buches "Francis of Assisi and the Future of Faith" (dt. Franz von Assisi und die Zukunft des Glaubens) (2012).

1979 erklärte Papst Johannes Paul II. Franziskus zum Schutzpatron der Ökologie. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio wählte den Heiligen als seinen Namenspatron, als er 2013 zu Papst Franziskus ernannt wurde.

Dieser Papst veröffentlichte 2015 die Enzyklika "Laudato si’" - in Anlehnung an den Lobgesang des Heiligen aus dem Jahr 1225, den "Sonnengesang", in dem er die Elemente der Natur als "Bruder Sonne", "Schwester Mond" und "Schwester Mutter Erde" anspricht. 

Ein Foto aus dem Jahr 2019, auf dem der Namensvetter des Heiligen, Papst Franziskus, die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg (mit Plakat) auf dem Petersplatz trifft. Bild: Eric Vandeville/ABACA/picture alliance

In seiner Enzyklika stellte der Papst einen direkten Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und menschlichem Leid her, kritisierte zudem den Konsumismus und die "Wegwerfkultur" und forderte die Menschheit nachdrücklich zu einer "ökologischen Umkehr" auf.

"Ich glaube auch, dass der heilige Franziskus in einer Zeit tiefer Polarisierung und wirtschaftlicher Ungleichheit ein anderes Modell des In-der-Welt-Seins vorlebt, bei dem Beziehungen und Gemeinschaft Vorrang vor individuellem Gewinn und Macht haben", sagt Horan.

Am 4. Oktober, dem Tag des Heiligen Franziskus, werden auch Haustiere gesegnet - wie wie hier in einer Kirche in MumbaiBild: Anshuman Poyrekar/Hindustan Times/Sipa USA/picture alliance

Was würde Franziskus wohl zu seinem heutigen Ruhm sagen?

"Es ist immer schwierig zu erraten, was der heilige Franziskus, der im Oktober vor 800 Jahren starb, heute über irgendetwas denken würde. Unsere Welt unterscheidet sich so sehr von seiner eigenen. Aber wir wissen, dass es ihm zu seiner Zeit sehr unangenehm war, wie positiv er und seine Mitbrüder in ganz Europa aufgenommen wurden", sagt Horan.

Minervini vermutet, dass er sich mit Darstellungen von sich selbst als pazifistischem Heiligen vielleicht wohler gefühlt hätte. "Ich glaube, er wäre zutiefst beunruhigt, vielleicht sogar wütend - denn es ist bekannt, dass er sich aufregen konnte -, über den Zustand unserer spätkapitalistischen, technokratischen Welt und darüber, wie wir uns weiterhin als von den anderen Geschöpfen getrennt und ihnen überlegen verstehen."

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords 

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