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Frauen im Kampf gegen den "Islamischen Staat"

Sophie Cousins / ml (Al-Yarubiyah)4. Oktober 2014

Die Kurden verstärken ihren Widerstand gegen den "Islamischen Staat". Auch immer mehr Frauen werden eingezogen, um mit den Peschmerga und anderen Gruppen zu kämpfen. Die DW traf einige Kämpferinnen an der Front.

Weibliche Peschmerga (Foto: S. Cousins/DW)
Bild: DW/S. Cousins

Sie trägt eine Militäruniform, über ihrer Schulter hängt ein Gewehr. Was an Asia aber am meisten auffällt, sind ihre gelb und grün gefleckten Socken - ein Zeichen dafür, wie jung sie noch ist und ein starker Kontrast zu der Dunkelheit des Schlachtfeldes an diesem Abend.

Mit ihren 19 Jahren ist Asia bereits Kämpferin des weiblichen Flügels der People's Protection Unit (YPG) - eine 40.000 bis 50.000 Kämpfer starke kurdische Truppe, die sich gegen die islamistischen Terrormilizen in Syrien zur Wehr setzt.

"Es gibt drei Gründe, warum ich mich der YPJ (Frauentruppe der YPG, Anm. der Red.) angeschlossen habe", erzählt sie im DW-Gespräch auf einem Stützpunkt in der Nähe der syrisch-irakischen Grenzstadt Rabia. "Erstens für all die Menschen, die im Kampf um unsere Heimat gestorben sind. Zweitens wegen der patriotischen Lieder und der nationalistischen Stimmung in meinem Volk. Und wegen der Militarisierung unserer Gesellschaft. Überall um mich herum sind Soldaten."

In dem zweistöckigen Gebäude auf der Militärbasis in der Provinz Hasaka schlafen, essen und trinken die Männer und Frauen, bevor es in Schichten an die nur zwei Kilometer entfernte Front geht. "Wir haben eine Menge Spaß hier. Wir bleiben oft die ganze Nacht gemeinsam wach. Alle Mädchen gehen auch an die Front", sagt Asia. "Wir haben keine Schutzwesten oder Helme, aber unsere Kameraden haben vor nichts Angst, auch die Mädchen nicht. Selbst wenn wir verwundet oder zu Märtyrern werden, wir sterben für den Anführer. Es geht um unsere Sache."


Effektive Kampfkraft

Die YPG ist ein Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die von den USA und der EU als Terrororganisation betrachtet wird, da sie seit drei Jahrzehnten auch einen bewaffneten Kampf gegen den NATO-Verbündeten Türkei führt.

Manche sehen in der YPG die effektivste Kampftruppe gegen die militanten Islamisten, obwohl es wegen der engen Verbindung zur PKK an offener internationaler Unterstützung mangelt. Aber der Sprecher der YPG, Redur Khalil, glaubt nicht, dass die Nähe zur PKK der Grund für die mangelnde Unterstützung ist:
"Wir stehen der PKK ideologisch nahe, sind aber auf organisatorischer Ebene völlig unabhängig", sagt er. "Ich denke, der Grund für die mangelnde Unterstützung liegt darin, dass die Politik westlicher Staaten autonome Regionen nicht fördert."

Bereit, an der Front zu sterben - Kämpferin der YPJBild: DW/S. Cousins

Die Frauen der YPJ stellen rund 35 Prozent der Kampftruppe. Sie erhalten eine vierwöchige militärische Ausbildung, in der sie unter anderem den Umgang mit schweren Maschinengewehren, Panzergranatwerfern und dem als "Kalaschnikow" bekannten sowjetisch-russischen Sturmgewehr AK-47 lernen. In der politischen Schulung wird die Geschichte der Partei, deren Ideologie und die Verbindung der Menschen zu ihrem Land gelehrt.

Khalil zufolge ist die Mehrheit der Frauen nicht verheiratet, aber er habe auch schon kämpfende Mütter an der Front gesehen.

"Besser als zu Hause rumsitzen"

An einem YPJ Stützpunkt, der weniger als einen Kilometer von der Kampfzone entfernt liegt, sitzt eine Gruppe kichernder Mädchen. Während im Hintergrund das Staatsfernsehen dröhnt, reichen sie ein Mobiltelefon herum, auf dessen Display Bilder von toten IS-Mitgliedern zu sehen sind. "Daesh (der arabische Name für IS, Anm. der Red.) ist unsere Zielscheibe."

Auf die Frage, wer das jüngste Mädchen auf dem Stützpunkt sei, meldet sich Ghulan. Sie hat kurzes gewelltes Haar, sitzt auf dem Boden und raucht eine Zigarette. "Das bin ich! Ich werde bald 18 und diene seit fast einem Jahr."

Etwas weiter sitzt die 21-jährige Gulbahar. Ihr Haar ist zurückgekämmt und zu einem Zopf geflochten, auf ihrer Stirn sind einzelne Pickel verstreut. Für sie war es der Mangel an Möglichkeiten einen Job zu finden oder ein Studium zu beginnen, der sie an die Front brachte. "Wir kümmerten uns um das Haus, arbeiteten, bis wir müde waren, und gingen schlafen. Es gab sonst nichts zu tun. Als sich die Lage hier veränderte, bin ich der YPJ beigetreten", erzählt sie. "Unser Leben hier ist viel besser als nur zu Hause rumzusitzen." Angst vor dem Tod habe sie nicht. "Ich habe niemals Angst, nie."

Keine Angst mehr

"Natürlich hat man Angst, wenn man das erste Mal an der Front ist und die Leute auf dich schießen, aber jetzt bin ich daran gewöhnt", sagt sie und fügt hinzu, dass sie keine Ahnung habe, was sie tun würde, wenn der Krieg vorbei wäre. "Eigentlich habe ich noch nie darüber nachgedacht. Wir werden darüber reden, wenn es so weit ist. Vielleicht werden wir ja zu Märtyrern, wer weiß."

Ein weiteres 21-jähriges Mädchen, das im Eingang des Zimmers steht, kommt zu uns herüber. Auf die Frage, wie lange sie schon Teil der YPJ sei, antwortete sie: "Seit drei Jahren. Es ist mein Leben. Was ist falsch daran?"

Die Frauen werden einen Monat lang ausgebildetBild: Reuters/Ahmed Jadallah

Kurz darauf müssen die Mädchen los - an die Front. "Jetzt beginnt der Spaß", sagt eine und hängt sich die Waffe über die Schulter. Ein Geländewagen holt die Mädchen ab. Sie winken und lachen, als das Auto losfährt.

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