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Frauen wahren die Tradition in Serbien

17. Februar 2003

– Umfrage der OSZE zur Gleichstellung der Geschlechter

Belgrad, 13.2.2003, POLITIKA, serb.

Gebildete Frauen in Serbien befürworten die traditionelle Familienordnung. Sogar 65,1 Prozent der Frauen – darunter zahlreiche Akademikerinnen – vertreten die Ansicht, dass es eine ihrer grundlegenden patriotischen und Staatspflichten sei, Kinder zu gebären. Laut Dafürhalten von 57,3 Prozent der Frauen gehört die Achtung der Tradition und der Gebräuche des eigenen Volkes zu den grundlegenden moralischen Aufgaben eines jeden Menschen. Dies ergab eine Untersuchung der OSZE über Geschlechterdiskriminierung und Chancengleichheit. Die Untersuchung wurde in 15 serbischen Orten von August bis November 2002 durchgeführt.

Die Tradition und die Politik üben Einfluss darauf aus, dass die traditionelle Sichtweise über die Rolle und die Bedeutung der Frau in der Gesellschaft verbreitet ist. Für ein Transitionsland wie Serbien ist es charakteristisch, dass es in relativ kurzer Zeit einen intensiven Modernisierungsprozess vollzogen hat, was sich im Bildungsniveau, in der beruflichen Qualifikation und im Lebensstandard widerspiegelt. Und trotzdem sind zahlreiche traditionelle Werte erhalten geblieben. Dies betrifft insbesondere das Familienleben, weil sich die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen sehr langsam ändert, so die Ergebnisse der Untersuchung, die am OSZE-Sitz vorgestellt wurden.

Die Rolle des Hüters der Familie und der Tradition überschneiden sich. Die Frauen hüten das Patriarchat in höherem Maße als Männer, auch wenn sie davon am meisten betroffen sind. Das Bild der Frauen - den Trägerinnen des bürgerlichen Gewissens und der Bürgerinitiativen, den Kämpferinnen gegen Homophobie (irrationale Angst vor Homosexuellen – MD) und Nationalismus – begründet sich auf den Aktivitäten der von Frauen geführten Nicht-Regierungsorganisationen im letzten Jahrzehnt. Darin spiegele sich jedoch nicht die Auffassung der breiten weiblichen Bevölkerung wider, so die Forscherin Magister Nada Sekulic.

Die Kirche beeinflusst auch den Zuwachs der traditionalistischen Standpunkte und politischen Verschlossenheit, indem sie ebenfalls als Hüterin der Tradition und der Nation auftritt. Die Untersuchung ergab, dass 65,1 Prozent der Befragten die Meinung vertreten, dass es zu den grundlegenden patriotischen und Staatspflichten der Frauen gehört, Kinder zu gebären. Politische Parteien, die sich für nationalistische Ideen einsetzen und politisch einseitig die Orthodoxie hervorheben, setzen sich gleichzeitig für den Traditionalismus ein. In ihren Programmen behandeln sie jedoch nicht die Verbesserung der Lage der Frauen.

Die Untersuchung der OSZE wurde an 700 Befragten durchgeführt, die nach dem Zufalls- und Proporzprinzip ausgesucht wurden und zwar in Krusevac, Nis, Prokuplje, Kikinda, Velika Plana, Zrenjanin, Pozarevac, Zajecar, Valjevo, Uzice, Knjazevac, Bor, Kragujevac, Novi Pazar und Sremska Mitrovica. Sekulic zufolge ist die Untersuchung repräsentativ für ganz Serbien (ausgenommen Kosovo und Metohija), auch wenn lediglich 15 Orte dabei berücksichtigt wurden. Die Fragen für die Untersuchung wurden größtenteils nach der Likert-Skala und nach einer modifizierten Bogardus-Skala erstellt. Diese werden in der Vorurteilsforschung angewandt.

Bei der Analyse der Frauen-Diskriminierung wurde zunächst festgestellt, ob Frauen in den verschiedenen politischen Ebenen vertreten sind. Dabei wurde festgestellt, dass auf lokaler Ebene 47,8 Prozent Frauen beschäftigt sind. Dr. Zorica Mrsevic, Projektleiterin und Beraterin für die Gleichstellung der Geschlechter bei der OSZE, sagte dazu, auf den ersten Blick könnte die Schlussfolgerung gezogen werden, dass eine gleichmäßige Machtverteilung bestehe und sogar, dass tendenziell Frauen Führungsposition besetzten.

"Wenn wir nun in die Untersuchung auch die Anzahl der Frauen in Exekutiv- und Parlamentsausschüssen berücksichtigen, sinkt die Beteilung der Frauen enorm. Lediglich 13 Prozent sind Mitglieder in Exekutivausschüssen. Außerdem gibt es in keiner Gemeinde in Serbien auf der Regierungsebene mehr Frauen als Männer. Aufgrund dessen können wir folgern, dass große Unterschiede bei der Machtverteilung bestehen und dass die Männer definitiv das Monopol auf Entscheidungen halten, während die Frauen damit beauftragt sind, sie umzusetzen", so Mrsevic.

Die Ergebnisse der OSZE-Untersuchung zeigen, dass sich die von Frauen ausgeübten Berufe oftmals durch Stagnation und Marginalisierung kennzeichnen. Wenn in einer Berufsgruppe die Anzahl der Frauen im Verhältnis zu den Männern wächst, bedeutet dies gewöhnlich, dass diesem Beruf die Marginalisierung droht. Typische Beispiele dafür sind das Gesundheits-, das Bildungswesen und einige Industriebereiche wie die Textilbranche.

Die Befragten vertreten die Ansicht, dass mehr Frauen im politischen Leben vertreten sein sollten. Dafür sprachen sich 53 Prozent der Frauen aus, ihre Meinung teilen auch 49 Prozent der Männer. Die Frage, ob sich mehr Frauen in der Wirtschaft beteiligen sollten, befürworteten 56,7 Prozent der Frauen und 52,9 Prozent der Männer.

"Daraus kann gefolgert werden, dass die Gesellschaft offen dafür ist, die Frauen in verantwortungsvolle Positionen in Politik und Wirtschaft einzubeziehen. Auch wenn die Bereitschaft dazu bei Frauen ausgeprägter als bei Männern ist. Die vom Nationalen Demokratischen Institut im Juni 2002 durchgeführten Untersuchungen ergaben ähnliche Ergebnisse. Unter der Einschränkung, dass nicht alle Sektoren gleich offen sind, da beispielsweise im Bereich Sozialarbeit mehr Frauen vertreten sind als im Bereich internationale Politik," so Nada Sekulic, Assistentin am Lehrstuhl für Soziologie der Philosophischen Fakultät in Belgrad. (md)

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