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Politik

Freiburg: Der Hass danach

Helena Kaschel
7. Dezember 2016

Der Mord an einer Freiburger Studentin ist zum Politikum geworden, weil ein minderjähriger Flüchtling als tatverdächtig gilt. Während viele vor pauschalen Verurteilungen warnen, eskaliert im Netz der Hass.

Gewaltverbrechen in Freiburg
Bild: picture-alliance/dpa/P. Seeger

Aus der regionalen Bedeutung dieser Gewalttat wurde spätestens am Samstagabend eine bundesweite. Da erwähnte die Hauptsendung der ARD-Tagesschau mit keinem Wort, dass nach wochenlangen Ermittlungen ein Tatverdächtiger gefunden worden war - und es sich um einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aus Afghanistan handelt. Es hagelte Kritik - die Redaktion rechtfertigte sich in einem Facebook-Post: Der Fall habe nur "regionale Bedeutung".

Im Internet stieß die Erklärung des Senders auf viel Unverständnis. Unter dem Hashtag #RegionaleBedeutung machten Twitter-Nutzer ihrem Unmut Luft.

Die "Abgründe von Facebook"

Jetzt griffen auch andere die Diskussion auf, wie etwa die ZDF-Talksendung "Markus Lanz". Und die sozialen Netzwerke sind seit Samstag zum Schauplatz einer erbitterten Diskussion über Flüchtlingspolitik, Willkommenskultur und die Berichterstattung über mutmaßliche Kriminalität von Zuwanderern geworden.

Viele Nutzer äußern sich sachlich zu dem Fall, weit verbreitet sind aber auch Hasskommentare. Als die Freiburger "Badische Zeitung" (BZ) am Wochenende einen Artikel über den Tatverdächtigen veröffentlichte, posteten User auf ihrer Facebook-Seite so viele Hasskommentare, dass die Redaktion sich entschied, eine Liste zu veröffentlichen, die das Ausmaß der Hetze deutlich machte. Die BZ war entsetzt angesichts der "Abgründe von Facebook" und eines "dokumentarischen Querschnitts, der fassungslos macht".

Die getötete Maria L. hatte sich in der Freiburger Flüchtlingshilfe engagiert. Medienberichten zufolge musste die Gruppe zwischenzeitlich ihr Facebook-Profil schließen - der Webmaster sei mit dem Löschen rassistischer Beiträge nicht hinterher gekommen. Auch auf Twitter wird der Fall von einigen Nutzern instrumentalisiert, um Flüchtlinge und Migranten kollektiv zu diffamieren.

Bild: Twitter/@Neonlicht_317
Bild: Twitter/@AdriJepbur

 

Selektive Datensammlung

Über kriminelle Migranten berichteten die Medien bewusst einseitig - in diesem Fall ebenso wie generell, schimpfen viele Nutzer in den sozialen Netzwerken. Gegen solche angeblichen Verzerrungen wehrt sich zum Beispiel das Projekt "XY Einzelfall", das jetzt viel Aufmerksamkeit bekommt. Die Betreiber markieren seit Anfang 2016 Straftaten von Migranten und Flüchtlingen auf einer Deutschlandkarte - nach eigenen Angaben nutzen sie dafür Polizei- und Nachrichtenmeldungen als Quelle. Finden kann man die sogenannte "Einzelfall-Map" bei Google Maps. Darin werden die mutmaßlichen Übergriffe nach Kategorien wie "Randale, Bedrohungen, Diverses", "Sexuelle Übergriffe" und "Vergewaltigungen (auch versuchte)" sortiert. Zum Fall Maria L. schreiben die Verantwortlichen auf Twitter, Freiburg sei "kein Einzelfall, wir haben dieses Jahr schon über 195 Vergewaltigungen & 300 Tötungsdelikte berichtet".

"Köln war nur die Spitze des Eisbergs", schreiben die Macher der "Einzelfall Map" auf TwitterBild: Google/Einzelfall-Map/Screenshot

"XY Einzelfall" weist auf Facebook den Vorwurf von sich, sie schürten einen Generalverdacht gegen alle Zuwanderer. Auch von rechtsradikalen und anderen diskriminierenden Kommentaren distanzieren die Betreiber sich. Auch die Seite Rapefugees.net lenkt mit einer "Vergewaltigungskarte" die Aufmerksamkeit auf mutmaßlich von Migranten begangene Straftaten. Öffentliche Medien versuchten, "das Problem kleinzureden", heißt es auf der Webseite. Die Betreiber wollen nach eigenem Bekunden "Den Rechtsradikalen nicht das Feld überlassen" - gleichzeitig schreiben sie von "Aslyanten, Flüchtlingen und Migranten Rapefugees".

"... wenn es ein amerikanischer Tourist gewesen wäre?"

Wie sehr die Diskussion aus den Fugen geraten ist, zeigen die Reaktionen der Politiker. "So bitter es ist: Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist", schrieb SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montag auf Facebook. Man werde "nach solchen Gewaltverbrechen - egal, wer sie begeht - keine Volksverhetzung zulassen". Freiburgs grüner Oberbürgermeister Dieter Salomon bezeichnete im Deutschlandfunk Pauschalverurteilungen als Unsinn: 

"Stellen Sie sich vor, es wäre ein amerikanischer Tourist gewesen. Hätte man dann gesagt: Wenn es keine amerikanischen Touristen gäb, wäre sowas nicht passiert? Oder wenn es ein junger Pole oder Tscheche gewesen wäre, hätte man dann gesagt: Wir stellen die Freizügigkeit in der EU in Frage?"

Auch in der Bundespressekonferenz waren die Gewalttat und die darauffolgende Hetze im Netz Thema. Regierungssprecher Steffen Seibert bezeichnete die Vergewaltigung und Ermordung der Freiburger Studentin als "entsetzliches Verbrechen". Man dürfe aber nicht vergessen, dass es um die mögliche Tat eines einzelnen afghanischen Flüchtlings gehe, "nicht einer ganzen Gruppe von Menschen, die wie er Afghanen oder Flüchtlinge sind".

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