Freihandel mit Mercosur: Erst EU, jetzt China?
13. August 2026
Erst EU, dann China? US-Strafzölle und der wachsende wirtschaftliche Einfluss Chinas in Südamerika heizen die Pläne für ein Freihandelsabkommen zwischen dem gemeinsamen südamerikanischen Markt Mercosur und China an. Doch wie realistisch ist das Vorhaben?
"Brasilien und China stimmen überein, dass eine Beschleunigung der Verhandlungen für ein Abkommen zwischen Mercosur und China wichtig ist", heißt es in einer offiziellen Erklärungdes brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.
Die Erklärung wurde unmittelbar nach einem einstündigen Telefonat zwischen Lula und Chinas Staatschef Xi Jinping am 26. Juli veröffentlicht. Bereits am 30. Juni dieses Jahres hatte Lula auf dem Mercosur-Gipfel in Asunción öffentlich darauf gedrängt, formelle Verhandlungen mit Peking aufzunehmen. Auch Uruguay unterstützt den Vorstoß.
Doch die beiden Länder werden sich wohl noch etwas gedulden müssen. Denn offizielle Verhandlungen können nur beginnen, wenn alle Mercosur-Staaten einem solchen Vorhaben zustimmen. Die Gruppe hat derzeit fünf stimmberechtigte Mitglieder: neben Brasilien, Uruguay und Bolivien gehören mit Argentinien und Paraguay auch zwei Länder dazu, die einem Freihandelsabkommen mit China bisher zurückhaltend gegenüberstehen.
"Wir können auch anders"
"Ich glaube, dass ist jetzt erst einmal ein politisches Zeichen. China und Brasilien signalisieren den USA angesichts der Zölle: Wir können auch anders", erklärt Samina Sultan vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, gegenüber der DW.
Vom politischen Statement bis zu einem konkreten Vertragstext sei es noch ein weiter Weg, auch wenn die Idee an Zulauf gewinne, so die Expertin für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel.
US-Präsident Trump hatte am 30. Juli 2025 per präsidentieller Verordnung Strafzölle in Höhe von 40 Prozent gegen Brasilien verhängt. Der US Supreme Court stufte diese im Februar dieses Jahres als rechtswidrig. Am 22. Juli ordnete Trump erneut Strafzölle an.
Eiszeit zwischen Brasilien und USA
Brasiliens Präsident Lula machte seinem Ärger über die erneuten Zölle in einem Gastbeitragfür die Washington Post Luft. "Brasilianische Unternehmen werden ihre US-Lieferanten durch Partner aus anderen Regionen ersetzen", schrieb er.
Lateinamerika und die Karibik benötigten weder Flugzeugträger, die in ihren Gewässern patrouillieren, noch Strafzölle. "Was uns fehlt", so Lula, "sind verlässliche und berechenbare Partner."
Trumps Strafzölle beflügeln den ohnehin schon boomenden Handel zwischen Brasilien und China. Nach Angaben des brasilianischen Handelsministerium (Mdic) nahm der Warenfluss im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 15,9 Prozent zu. Der bilaterale Handel mit den USA hingegen ging um 12,8 Prozent zurück.
Hafen, Schienen, Straßen: Chinas investiert in Lateinamerika
"Mercosur ist für chinesische Waren ein sehr attraktiver Markt", erklärt Rolf Langhammer, Außenwirtschaftsexperte am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel im DW-Gespräch. Zur langfristigen Strategie Chinas, den lateinamerikanischen Markt zu erobern, gehöre auch der Bau des peruanischen Containerhafens Chancay.
Der erste von China kontrollierte Hafen in Südamerika wurde im November 2024 eingeweiht. Für das Projekt im Rahmen der internationalen Handelsinitiative "Neue Seidenstraße" hat China 3,5 Milliarden Dollar investiert.
Der Hafen am Pazifik soll durch eine Eisenbahnstrecke mit Häfen am Atlantik in Brasilien verbunden werden. Die Pläne für eine solche "Bioceanic Railway" befinden sich allerdings noch in der Vorbereitungsphase.
Angst vor Warenflut aus China
China ist bereits mit Abstand der größte Handelspartner Brasiliens und des Mercosur (siehe Grafik). Die Pläne für ein Freihandelsabkommen scheinen deshalb auf den ersten Blick einleuchtend.
Eine Studie des brasilianisch-chinesischen Wirtschaftsverbandes (CEBC)zum Thema weist jedoch auf die Risiken eines solchen Abkommens hin: "Es besteht die Befürchtung, dass es angesichts der chinesischen Wettbewerbsfähigkeit zu Handelsungleichgewichten sowie Einbußen bei Produktion und Beschäftigung kommt", heißt es dort.
Die Angst vor einem China-Schock war auch Grund, warum Brasiliens Präsident Lula bisher zu den Kritikern eines Freihandelsabkommen mit China gehörte. Dass er nun angesichts der US-Strafzölle seine Position geändert hat, hat ihm Kritik eingebracht.
Langhammer: Abkommen ist ein Risiko
"Über ein Jahrzehnt lang vertrat Brasilien den Standpunkt, dass ein solches Handelsabkommen seiner Industrie schweren Schaden zufügen würde", kommentiert der brasilianische China-Experte Igor Patrickin der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo. Doch nun stehe das Land kurz vor der Liberalisierung seines Marktes.
IfW-Experte Langhammer setzt darauf, dass Brasiliens Vorstoß ausgebremst wird. "China flutet die Weltmärkte zurzeit mit subventionierten Produkten", sagt er. "Ich glaube, die Mercosur-Gruppe weiß, was es für ein Risiko ist, ein solches Freihandelsabkommen mit China abzuschließen."