Fremdenfeindlichkeit in Südafrika: Eine Chronik
20. Juni 2026
Seit mehr als zwei Jahrzehnten muss sich Südafrika immer wieder mit Ausbrüchen fremdenfeindlicher Gewalt auseinandersetzen. Betroffen sind vor allem Migranten und Flüchtlinge aus Nachbarstaaten sowie anderen Ländern des afrikanischen Kontinents.
Beobachter sagen, politische Rhetorik rund um Migration habe zusammen mit tief sitzender wirtschaftlicher Frustration zu einer wachsenden Feindseligkeit gegenüber Ausländern beigetragen. Immer wieder wurden Migranten geschlagen, vertrieben oder getötet, ihre Geschäfte geplündert und zerstört.
DW schaut darauf, wie sich Fremdenfeindlichkeit in Südafrika im Laufe der Jahre entwickelt hat.
1994–2007: Spannungen nach dem Ende der Apartheid
Nach dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 wurde Südafrika zu einem wichtigen Ziel für Menschen, die Arbeit und Stabilität suchten. Viele kamen aus Nachbarländern, die unter wirtschaftlichen Problemen, Konflikten oder politischer Repression litten.
Gleichzeitig kämpfte Südafrika mit hoher Arbeitslosigkeit, großer Ungleichheit und einer sich verschlechternden öffentlichen Versorgung. Die Regierung konzentrierte sich in den ersten Jahren nach dem Ende der Rassentrennung vor allem auf den Aufbau der neuen demokratischen Nation.
Doch obwohl sich die politischen Machtverhältnisse veränderten, blieben große Teile des Wohlstands, des Landes und der Wirtschaft in den Händen einer weißen Minderheit. Die wirtschaftlichen Ungleichheiten aus Jahrzehnten der Rassentrennung bestehen teilweise bis heute fort.
Eine Studie der Weltbank aus dem Jahr 2021 ergab, dass die reichsten zehn Prozent der Südafrikaner – überwiegend Weiße – weiterhin mehr als 85 Prozent des Vermögens des Landes besitzen.
Bereits Ende der 1990er - und Anfang der 2000er-Jahre häuften sich Übergriffe auf Migranten in den Townships. Ausländischen Ladenbesitzern wurde vorgeworfen, Arbeitsplätze wegzunehmen oder lokale Geschäfte zu verdrängen, insbesondere in der informellen Wirtschaft.
2008: Die erste große Welle der Gewalt
Im Mai 2008 brach in dem Township Alexandra bei Johannesburg eine Welle fremdenfeindlicher Gewalt aus, die sich anschließend über weite Teile des Landes ausbreitete.
Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR wurden mindestens 62 Menschen getötet, mehr als 670 verletzt und über 100.000 vertrieben. Viele Opfer stammten aus Simbabwe, Mosambik, Malawi und Somalia.
Eines der bekanntesten Bilder dieser Gewalt zeigt den mosambikanischen Migranten Ernesto Nhamuave, der in dem Armengebiet Ramaphosa bei Boksburg von einem Mob lebendig verbrannt wurde.
Der damalige südafrikanische Präsident Thabo Mbeki verurteilte die Angriffe und erklärte, niemand habe das Recht, "offene kriminelle Handlungen als Notwehr gegen Fremde zu tarnen".
Seine Regierung wurde jedoch scharf kritisiert. Beobachter warfen ihr vor, die Gewalt als gewöhnliche Kriminalität darzustellen, statt die tief verwurzelte Fremdenfeindlichkeit im Land anzuerkennen.
Human Rights Watch erklärte später, die Angriffe hätten eine "tief verwurzelte Intoleranz und die schlechte lokale Regierungsführung" offengelegt.
2015: Welle von Gewalt in Durban und Johannesburg
2015 kam es erneut zu einer größeren Welle von Angriffen, vor allem in Durban und Johannesburg. Zahlreiche Geschäfte ausländischer Betreiber wurden geplündert und in Brand gesetzt.
Nach Angaben von Human Rights Watch wurden mindestens sieben Menschen getötet und Tausende vertrieben.
Auslöser waren unter anderem umstrittene Äußerungen, die dem Zulu-König Goodwill Zwelithini zugeschrieben wurden. Medienberichten zufolge soll er erklärt haben, Ausländer sollten "ihre Sachen packen und gehen".
Der inzwischen verstorbene König bestritt später, zur Gewalt aufgerufen zu haben.
Mehrere afrikanische Staaten organisierten damals Evakuierungen für ihre Staatsbürger. Simbabwe schickte Busse, um Rückkehrer nach Hause zu bringen. Auch Malawi und Mosambik unterstützten die Heimreise ihrer Bürger.
2019: Nigerianer im Fokus – diplomatische Spannungen
Im September 2019 kam es erneut zu Gewalt in Teilen von Johannesburg und Pretoria.
Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte Angaben der südafrikanischen Polizei, nach denen mindestens zwölf Menschen getötet wurden. Hunderte Geschäfte wurden geplündert oder zerstört. Nigeria evakuierte mehr als 500 Staatsbürger aus Südafrika.
Die Angriffe lösten diplomatische Spannungen zwischen beiden Ländern aus. Nigeria boykottierte zeitweise sogar das Wirtschaftsforum für Afrika in Kapstadt.
Präsident Cyril Ramaphosa verurteilte die Gewalt und erklärte, es gebe "keine Rechtfertigung dafür, dass Südafrikaner Menschen aus anderen Ländern angreifen".
Kritiker warfen der Regierung jedoch erneut vor, die Unruhen vor allem als Kriminalität darzustellen, anstatt sie klar als Fremdenfeindlichkeit zu benennen.
2021–2022: Aufstieg von Operation Dudula
Die migrationskritische Bewegung Operation Dudula entstand 2021 in der Township Soweto und erlangte rasch landesweite Aufmerksamkeit.
Die Gruppe organisierte Demonstrationen gegen Menschen ohne Aufenthaltsstatus, führte Kontrollen in Geschäften durch und beschuldigte Ausländer, Südafrikanern Arbeitsplätze wegzunehmen und öffentliche Dienstleistungen zu überlasten.
Menschenrechtsorganisationen werfen Operation Dudula vor, Selbstjustiz und Fremdenfeindlichkeit zu fördern sowie Ausländern den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Schulen und informellen Handelsplätzen zu erschweren.
Die Vorsitzende der Bewegung, Zandile Dabula, sagte damals gegenüber DW: "Die zunehmende Kriminalität, der Drogenhandel und der Menschenhandel sind schlimm." Sie brachte diese Probleme mit ausländischen Staatsangehörigen in Verbindung, betonte jedoch zugleich, die Gruppe wolle lediglich irreguläre Migration und Kriminalität bekämpfen.
Später registrierte sich Operation Dudula als politische Partei für die Wahlen 2024. Seither wächst ihr Einfluss ebenso wie der anderer migrationskritischer Bewegungen.
2024–2026: "Südafrikaner sind nicht fremdenfeindlich"
Die Spannungen rund um Migration bleiben hoch – vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Wirtschaftskrise.
Nach Angaben von Statistics South Africa lag die offizielle Arbeitslosenquote im ersten Quartal 2025 bei fast 33 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit betrug mehr als 45 Prozent.
Neue Gewaltausbrüche im Jahr 2026 führten zu Protesten aus Ghana und Nigeria. Beide Länder kritisierten erneut Südafrikas Umgang mit Fremdenfeindlichkeit.
Die nigerianische Außenministerin Bianca Odumegwu-Ojukwu erklärte: "Das Leben und die Unternehmen von Nigerianern in Südafrika dürfen nicht gefährdet werden."
Nigeria kündigte zudem ein Programm zur freiwilligen Rückführung eigener Staatsbürger an, nachdem bei den jüngsten Gewaltausbrüchen zwei Nigerianer getötet worden waren.
Der Sprecher des südafrikanischen Präsidenten, Vincent Magwenya, wies Vorwürfe zurück, die Südafrika pauschal als xenophob darstellten. "Südafrikaner sind nicht fremdenfeindlich", sagte er.
Bei den Vorfällen handele es sich lediglich um "vereinzelte Proteste, die im Rahmen unserer Verfassung zulässig sind".
Ausländer als Zielscheibe: Ein Muster
Weltweit werden Migranten häufig für tiefer liegende strukturelle Probleme verantwortlich gemacht, etwa für soziale Ungleichheit, Korruption bis hin zu schwachem Wirtschaftswachstum und staatlichem Versagen.
In Südafrika richtet sich die Schuldzuweisung vor allem gegen schwarze Migranten aus anderen afrikanischen Ländern. Sie machen mehr als zwei Drittel der schätzungsweise drei Millionen ausländischen Einwohner des Landes aus.
Beobachter warnen, dass fremdenfeindliche Gewalt in Südafrika längst zyklisch geworden ist: Wenn die Krise wächst, werden Ausländer zur Zielscheibe. Das Muster ist bekannt – doch bislang wurde es nicht durchbrochen.