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PolitikEuropa

Vor 35 Jahren: Deutschland und Polen wagen den Neustart

Jacek Lepiarz (aus Warschau)
12. Juni 2026

Mit einem Freundschaftsvertrag entschieden sich Deutsche und Polen 1991 für Partnerschaft statt für Feindschaft - und wurden zu engen Verbündeten in EU und NATO. Die Vergangenheit aber belastet das Verhältnis weiterhin.

Zwei Männer unterschreiben Schriftstücke, die vor ihnen auf einem Tisch liegen, beide tragen Anzüge und Krawatten
Polens Premier Jan Krzysztof Bielecki (li.) und Deutschlands Bundeskanzler Helmut Kohl unterzeichnen am 17.06.1991 in Bonn den deutsch-polnischen NachbarschaftsvertragBild: Tim Brakemeier/dpa/picture alliance

Am 17. Juni 1991 unterzeichneten der polnische Premier Jan Krzysztof Bielecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn, dem damaligen deutschen Regierungssitz, den Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Die Abmachung ermöglichte nach Jahrzehnten der Feindschaft und des Misstrauens einen Neustart der deutsch-polnischen Beziehungen.

35 Jahre danach wollen beide Staaten, inzwischen enge Partner in der Europäischen Union (EU) und der NATO, mit einer Großveranstaltung in Berlin, dem Deutsch-Polnischen Forum, den Jahrestag feiern. Schon vorher meldeten sich die Parlamente zu Wort. Der polnische Senat, die zweite Parlamentskammer, würdigte am Mittwoch (10.06.2026) den Vertrag als "Fundament der neuen Ordnung in Europa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs" und "Durchbruch" in den polnisch-deutschen Beziehungen.

Am selben Tag debattierte auch der deutsche Bundestag zum Thema "Feste Freundschaft in Frieden und Freiheit - 35 Jahre Neustart in den deutsch-polnischen Beziehungen". "Deutsche sind heute dankbar dafür, dass Polen uns seinerzeit mit dem Nachbarschaftsvertrag die Hand gereicht hat und die von uns angebotene Hand ergriffen hat", so der CDU-Abgeordnete Knut Abraham, seit Mai 2025 Koordinator für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit

Feindschaft und Misstrauen

Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten Feindschaft und Misstrauen die Beziehungen der Polen zu den Deutschen. Im Mittelpunkt des Konfliktes mit der Bundesrepublik stand der Streit um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, der geschickt von der Propaganda des kommunistischen Regimes in Polen angeheizt wurde. Die Ostpolitik von Willy Brandt brachte in den 1970er Jahren Normalisierung, konnte aber keinen Durchbruch im Verhältnis zwischen beiden Nationen schaffen.

Der Bürgermeister der polnischen Hauptstadt Warschau, Pavel Piskorski, (Mi.) enthüllt am 06.12.2000 im Beisein von Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Denkmal zur Erinnerung an Willy Brandts Kniefall vor dem Ghetto-Denkmal 1970Bild: dpa/picture alliance

Einen Neustart machten erst die demokratische Wende in Polen 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 möglich. Die endgültige Bestätigung der polnischen Westgrenze am 14. November 1990 und der darauffolgende Freundschaftsvertrag schufen die Grundlagen für eine Partnerschaft.

"Mit dem Vertrag haben wir die Vergangenheit abgeschlossen und ein Fundament für die Zusammenarbeit in der Zukunft gelegt", betonte gegenüber der DW Marek Krzakala, Abgeordneter der regierenden Partei Bürgerkoalition (KO). Ohne Deutschlands Unterstützung wäre Polens Beitritt zur EU (2004) und NATO (1999) viel schwieriger gewesen, so der Vorsitzende der polnisch-deutschen Parlamentariergruppe weiter.

Interessengemeinschaft mit Deutschland

Der erste nichtkommunistische polnische Außenminister Krzysztof Skubiszewski erklärte nach seinem Amtsantritt 1989 die deutsch-polnische Interessengemeinschaft zum Ziel seiner Politik. Es begann ein mühsamer Aufbau eines engen "Beziehungsgeflechts" - diesen Begriff nutzt der deutsche Polen-Beauftragte Abraham - aus Politik, Wirtschaft, Kultur sowie den Grenzregionen.

Ein symbolisches Tor an der offenen Grenze zwischen Deutschland und Polen in Ahlbeck auf der Insel UsedomBild: Guenter Fischer/imagebroker/IMAGO

Die Liste der Errungenschaften ist lang. Es gibt heute hunderte von deutsch-polnischen Partnerschaften zwischen Städten, Schulen, Sportvereinen und Feuerwehren. Mehr als drei Millionen deutsche und polnische Jugendliche haben am Jugendaustausch teilgenommen. Der deutsch-polnische Handelsumsatz überschritt im vergangenen Jahr erstmals 180 Milliarden Euro; Polen wurde damit zum fünfgrößten Handelspartner Deutschlands, knapp hinter Frankreich. Die deutsche Minderheit in Polen und die Polonia in Deutschland bekamen neue Entfaltungsmöglichkeiten.

Die Last der Vergangenheit

Doch mit der Zeit wich die anfängliche polnische Begeisterung für den Partner westlich der Oder einer immer stärkeren Skepsis, der Blick auf Deutschland wurde kritischer. Vor allem die schwierige Vergangenheit holte Deutsche und Polen immer wieder ein. Ende der 1990er Jahre löste die damalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, mit ihrem Projekt des Zentrums gegen die Vertreibungen in Polen Unruhe aus. Das auf das Leid der Deutschen fokussierte Konzept wurde als eine Relativierung deutscher Schuld im Zweiten Weltkrieg aufgenommen.

Der Vorsitzende der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jaroslaw Kaczynski, bei einer Rede im März 2026Bild: Beata Zawrzel/NurPhoto/picture alliance

Die polnischen Rechtskonservativen, die Deutschland seit eh und je skeptisch gegenüberstehen, erkannten, dass man mit antideutschen Parolen in Polen punkten kann. Jaroslaw Kaczynski, dessen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in den Jahren 2005-2007 und 2015-2023 das Land regierte, warf Berlin vor, ein "Viertes Reich" errichten und mit der Hilfe der EU Polen "unter den deutschen Stiefel" bringen zu wollen.

Die PiS-Regierung setzte 2022 das Thema Kriegsreparationen offiziell auf die politische Agenda Polens. Die polnischen Verluste durch die deutsche Besetzung 1939-45 werden auf 6,2 Billionen Zloty (1,4 Billionen Euro) geschätzt.

"Unsere Vorgänger haben versucht, die Menschen zu überzeugen, dass Deutschland unser Feind ist. Aber die überwältigende Mehrheit der polnischen Gesellschaft teil diese Meinung nicht", meint Marek Krzakala. "Gute Beziehungen zu Deutschland sind unsere Staatsräson, insbesondere während des Krieges Russlands gegen die Ukraine", so der KO-Abgeordnete weiter.

Kriegsopfer warten immer noch auf "humanitäre Geste"

Doch der Wunsch nach Wiedergutmachung bleibt nicht auf die rechtskonservativen und rechtsextremen Kreise beschränkt. Weil Berlin alle Forderungen nach Kriegsreparationen strikt abgelehnt hat, wird seit Jahren über eine "pragmatische Lösung" für die noch lebenden Kriegsopfer geredet. Ihre Zahl wird auf 50.000 geschätzt - und sinkt mit jedem Jahr.

Der deutsche Vorschlag, für diese Opfergruppe ca. 200 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, wurde im Sommer 2024 von der polnischen Seite als unzureichend abgelehnt. Eine neue Offerte aus Berlin kann frühestens im Haushalt 2027 berücksichtigt werden. Polens liberalkonservativer Premier Donald Tusk, der in dieser Frage unter innenpolitischem Druck steht, sagte neulich, er gebe der deutschen Seite "noch ein bisschen Zeit".

Militärpartnerschaft im Vordergrund

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 rückten die Sicherheitsfragen in den Mittelpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Bundeswehr half Polen mit Patriot-Batterien und Eurofighter-Kampfjets beim Schutz des Luftraumes an der NATO-Ostgrenze. Die militärische Kooperation soll mit dem deutsch-polnischen Militärabkommen auf eine höhere Stufe gestellt werden. Der Termin der Unterzeichnung ist nicht zufällig der 17. Juni.

Der polnische Diplomat Janusz Reiter erinnerte die Politiker in Berlin bereits vor einem Jahr daran, dass Polens Ostgrenze zugleich Deutschlands erste Verteidigungslinie ist - und forderte Berlin auf, Polen aktiv bei der Sicherung zu unterstützen. In der Integration der Ukraine sieht er die größte Herausforderung für Polen und Deutschland. Eine Zusammenarbeit dieser drei Länder mit ihren militärischen und ökonomischen Potenzialen wäre eine "historische Sensation".

"Das Zeitfenster ist geöffnet", so Reiter, "aber ich fürchte, dass die historische Gelegenheit bald vorbei sein könnte." Der Diplomat war zur Zeit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Freundschaftsvertrags Botschafter Warschaus in Bonn.

 

Jacek Lepiarz Journalist in der polnischen Redaktion mit Schwerpunkt auf deutsch-polnischen Themen.
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