Studie widerlegt Mythos: Frühjahrsmüdigkeit existiert nicht
25. März 2026
Es ist einer der ersten warmen Tage des Jahres. Die ersten Frühlingsboten stecken vorsichtig ihren Kopf aus der Erde, der Cappuccino im Straßencafé schmeckt nach Aufbruch. Der Winter scheint überstanden. Endlich! Alles wirkt leichter – wäre da nicht dieses eine Gefühl, das viele jedes Jahr heimsucht: die Frühjahrsmüdigkeit.
Doch eine neue Studie aus der Schweiz stellt genau dieses Phänomen nun infrage. Forschende der Universität Basel, der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und der Universitätsklinik Bern kommen zu einem überraschenden Ergebnis: Frühjahrsmüdigkeit lässt sich empirisch nicht nachweisen.
"Wir fanden, dass Menschen im Frühling nicht messbar müder oder erschöpfter sind als in irgendeiner anderen Jahreszeit" sagt Studienleiterin Christine Blume, Psychologin und Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel.
Auf die Idee zur Studie kam Blume übrigens, weil Journalistinnen und Journalisten sie regelmäßig nach dem Winter um Einschätzung baten. "Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären", sagt sie. "Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert."
Der Frühjahrsmüdigkeit auf der Spur
Für die neue Studie wurden ab Juli 2024 ein Jahr lang 418 Teilnehmende regelmäßig online befragt. Alle sechs Wochen sollten sie einschätzen, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Außerdem gaben sie an, wie schläfrig sie tagsüber waren und wie sie ihre Schlafqualität bewerteten. Durch die wiederholte Erhebung wurden alle Jahreszeiten abgedeckt.
Rund die Hälfte der Teilnehmenden gab zu Beginn der Studie an, unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden. Das hätte sich auch in Umfragedaten widerspiegeln müssen. Doch genau das tat es nicht.
Was unser Körper wirklich tut
Es kursieren verschiedene Theorien, etwa das wärmere Temperaturen die Blutgefäße weiten, den Blutdruck senken oder ein Melatoninüberschuss aus dem Winter Müdigkeit verursache. Doch laut Blume ist das aus chronobiologischer Sicht unplausibel: Melatonin werde kontinuierlich im 24‑Stunden‑Rhythmus gebildet und abgebaut – einen saisonalen "Überschuss", der erst verschwinden müsse, gebe es nicht.
"Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss", erklärt sie. Die Daten lieferten jedoch keinerlei Hinweis darauf: Weder die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, noch die einzelnen Monate hatten irgendeinen Einfluss auf die empfundene Erschöpfung.
Warum wir trotzdem an daran glauben
Das Forschungsteam sieht die Erklärung für das Phänomen darum weniger in der Biologie: "Unsere Interpretation ist, dass es sich viel eher um ein kulturelles Phänomen handelt als um einen tatsächlichen saisonalen Effekt."
Allein der Begriff "Frühjahrsmüdigkeit" beeinflusse, wie Menschen ihre eigenen Empfindungen einordnen: "Das Wort 'Frühjahrsmüdigkeit' existiert – und es erlaubt Menschen, ihre Symptome zu beschreiben. Das prägt die Wahrnehmung", erklärt Blume.
Auch psychologische Prozesse können die Wahrnehmung verstärken. Wenn die Sonne scheint, steigt die Erwartung, aktiv sein zu müssen. Fehlt dann die Energie, fällt das stärker auf. Blume spricht von kognitiver Dissonanz – und sagt, dass Frühjahrsmüdigkeit die perfekte Erklärung dafür liefere.
Und was ist mit Allergien oder Winterblues?
Auch Pollenallergien, Heuschnupfen oder die Einnahme von Antihistaminika liefern laut Studie keine Erklärung. "Wir finden keinen Effekt, es gibt also nichts, was erklärt werden müsste", so die Schlafforscherin.
Interessant ist zudem, dass auch die gern bemühte Wintermüdigkeit wissenschaftlich nicht nachweisbar ist. Zwar schlafen die Menschen im Winter etwas länger und im Sommer etwas kürzer, doch das gleicht das Schlafbedürfnis aus. Die Energielevel bleiben über das Jahr hinweg konstant.
Gleichzeitig gilt: Eine medizinisch definierte Winterdepression (SAD) existiert sehr wohl. Sie wird durch Lichtmangel begünstigt und zählt zu den saisonal abhängigen Depressionen, die mit Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Stimmungstiefs einhergehen können.
Und auch Vitamin‑D‑Mangel, der im Winter aufgrund fehlender UV‑B‑Strahlung deutlich häufiger auftritt, kann Müdigkeit verursachen. Der Körper kann in den Wintermonaten in Deutschland oft nicht ausreichend Vitamin D bilden, und ein Mangel ist mit Symptomen wie anhaltender Erschöpfung und Muskelschwäche verbunden.
Was bedeutet das für Betroffene?
Dass Menschen im Frühjahr tatsächlich müder sind als etwa im Herbst oder Winter, lässt sich wissenschaftlich bislang also nicht bestätigen. Die meisten erleben den Übergang vom Winter zum Frühling ohnehin als unproblematisch.
Christine Blume rät, Müdigkeit nicht vorschnell der Jahreszeit zuzuschreiben. "Erklären Sie solche Symptome nicht einfach mit Frühjahrsmüdigkeit. Und wenn sie belasten, suchen Sie einen Arzt auf."
Auffällig ist zudem, dass das Phänomen außerhalb des deutschsprachigen Raums weniger bekannt ist. "Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die", sagt Blume.
In der englischsprachigen Welt kursiert dagegen der Begriff "spring fever". Dieses "Frühlingsfieber" wird jedoch nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie.