Herrenloser Tanker: Nicht nur für die Umwelt ein Desaster
20. März 2026
Die genaue Position des russischen Gastankers Arctic Metagaz östlich vor dem europäischen Inselstaat Malta war bis zum Abend des 2. März bekannt. Wenige Stunden später funktionierte das Tracking-System des Schiffes nicht mehr. Nach Angaben des russischen Transportministeriums hatten von der libyschen Küste kommende ukrainische Drohnen den Tanker angegriffen. Das Schiff brannte lichterloh und hat seitdem ein klaffendes Loch im Rumpf. Laut Ministerium konnten die 30 Besatzungsmitglieder evakuiert werden. Italienische Behörden erklärten, der Tanker schwimme nun führungslos auf die libysche Küste zu. Wegen seiner gefährlichen Ladung befürchtet man eine Umweltkatastrophe. Und Experten sagen, der Vorfall könnte ein Wendepunkt sein.
700 Tonnen Schweröl und Diesel sollen sich auf dem Schiff befinden, und außerdem auch "erhebliche Mengen an Gas". Der Tanker habe beträchtliche Schäden davongetragen, heißt es aus dem russischen Außenministerium. Explosionen seien an Bord zu hören, es entweiche Gas und Brände seien zu sehen.
Deshalb müsse schnell gehandelt werden, fordert Natalia Gozak von der Nichtregierungsorganisation Greenpeace. "Man muss das Schiff unbedingt unter Kontrolle bringen und auspumpen. Wenn Öl und Diesel auslaufen, wäre das verheerend für die Umwelt", warnt sie gegenüber der DW. "Aber natürlich könnte eine solche Operation sehr gefährlich werden - die großen Gasmengen an Bord, die man auf über 60.000 Tonnen schätzt, könnten explodieren."
Der Vorfall könnte kriegsrechtlich bedeutungsschwer sein
Schiffe der sogenannten russischen Schattenflotte sorgten regelmäßig für Umweltschäden, so Gozak. Mit diesen Tankern umgeht der Öl- und Gasproduzent Russland die internationalen Sanktionen. Gebrauchte Schiffe werden dafür auf neue Eigentümer, Manager und Flaggenstaaten umgeschrieben. Experten schätzen, dass es davon Tausende gibt. "Die Tanker sind oft alt, in schlechtem Zustand, nicht versichert, und ihr Tracking-System ist abgestellt, so dass sie nicht überwacht werden können", erklärt Gozak. Dieses System soll Zusammenstöße von Schiffen vermeiden. "Außerdem bekommen die Tanker ihre Ladung auf See, wobei oft Öl verschüttet wird."
Neben den ökologischen Aspekten könnte dieser Vorfall auch kriegsrechtlich von Bedeutung sein, meint Alexander Lott, Forschungsprofessor für Seerecht an der Arktischen Universität von Norwegen. Zumindest wenn sich bestätigt, dass die Ukraine dahintersteckt, denn bisher hat sich Kyiv nicht geäußert. "In der Vergangenheit haben nur die USA und Indien Schiffe, die bestimmte Güter wie Öl und Gas transportierten, und durch deren Verkauf ein Krieg mitfinanziert wird, als legitime Angriffsziele definiert", erklärt er im DW-Interview. "Wenn die Ukraine diesen Angriff durchgeführt hat, würde das heißen, sie hat sich dieser amerikanischen Position angeschlossen. Auch Russland scheint das getan zu haben, wie Angriffe auf Handelsschiffe 2022 zeigten. 2023 erklärte das russische Verteidigungsministerium, alle Cargo-Schiffe, die durch das Schwarze Meer zu ukrainischen Häfen fahren, transportierten potentiell Kriegsmaterial. Man müssen deren Flaggenstaaten also als Verbündete der gegnerischen, ukrainischen Seite sehen."
Werden sich Angriffe auf Tanker nun häufen?
Aussagen von Nikolai Patruchew, einem Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wiesen ebenfalls auf eine Zuspitzung hin, so Lott: "Er sagte vor Kurzem, Russland werde nun zum Schutz bewaffnete Einsatztruppen auf russische Handelsschiffe schicken und diese Schiffe eventuell mit Waffen ausstatten. Würden diese Schiffe dann automatisch zum legitimen Kriegsziel?" In vergangenen Monaten hatte es schon Berichte von russischem Militärpersonal auf Schiffen der Schattenflotte gegeben - unter anderem hatte das die schwedische Marine gemeldet.
Auch Ian Ralby, Experte für Maritime Angelegenheiten und Präsident der US-amerikanischen gemeinnützigen Organisation Auxilium Worldwide, glaubt, Angriffe auf Tanker könnten sich nun häufen. "Und beide Kriegsparteien (im Ukrainekrieg, Anm. der Red.) scheinen sich nun auch auf den Seeverkehr zu fokussieren", erklärt er gegenüber der DW. Ähnliches sehe man im Übrigen gerade in der Straße von Hormus, wo seit Beginn des Krieges von USA und Israel auf den Iran mehrere Tanker bombardiert wurden.
Was gegen die Schattenflotte tun?
Dass sich aber nun keiner um die dahintreibende Arctic Metagaz zu kümmern scheint, überrascht Ralby. "Juristisch gesehen sind der Besitzer und der Flaggenstaat, also Russland, zuständig", detailliert er. "Laut dem Bergungsgesetz kann nun jedoch jeder eingreifen - schließlich ist das Schiff herrenlos und eine Gefahr für die Schifffahrt und die Umwelt." Bisher wird die Situation von allen Seiten nur "beobachtet". So bestätigten es der DW sowohl die italienischen Behörden als auch die Internationale Seeschifffahrtsorganisation, die für die Sicherheit der Schifffahrt zuständig ist. Die Regierungschefs von Malta, Italien, Spanien, Griechenland und Zypern forderten in einem öffentlichen Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein Vorgehen unter europäischer Leitung.
Laut Ralby unterstreicht der Vorfall im Übrigen die Grenzen der aktuellen Sanktionen gegenüber Russland. "Durch sie ist jetzt ein Parallelsystem entstanden mit vielen Akteuren, die abseits eines von gewissen Regeln bestimmten Welthandels funktionieren", stellt er fest. "Wir müssen deswegen den Sanktionen stärkere Wirkung verleihen - zum Beispiel, indem wir bessere Beziehungen zu den Staaten aufbauen, die mit sanktionierten Staaten handeln." Dazu gehöre auch die BRICS-Gruppe aufstrebender Staaten wie Indien, Ägypten und Indonesien.
Greenpeace-Aktivistin Gozak fordert ebenfalls, mehr gegen die Schattenflotte zu tun. Und zwar indem man das Problem "an der Wurzel packt". "Zu einer solchen Situation kann es nur kommen, weil wir von fossilen Energieträgern abhängen. Ein Großteil davon kommt noch immer aus Russland", argumentiert sie. "Deswegen müssen wir unbedingt auf erneuerbare Energien umstellen. Wenn wir kein Öl mehr brauchen, sind auch Schattentanker aus Russland kein Problem mehr."