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"Fundamentalismus schafft Unrecht"

17. September 2001

Kardinal Lehmann und EKD-Ratsvorsitzender Kock plädieren für eine differenzierte Beurteilung des Islam.

Nicht der Islam in seiner geistigen Substanz stelle das Problem dar, so der EKD-Ratsvorsitzende Kock, ....

"... sondern die Benutzung des Islam in der Gestalt des Fanatismus. Wir müssen die Kräfte im Islam stützen und stärken, die wissen, dass dieses keine Zukunft hat."

Für Kardinal Lehmann ist es schmerzlich, dass die militanten Fundamentalisten viele andere Facetten des Islam in den Hintergrund drängen, ja in Vergessenheit geraten lassen:

"Es gibt enorm hochstehende Zweige der islamischen Religion. Ich denke etwa an die persische Mystik. Sie bedeutet Innigkeit und Qualität. Der einfache Muslim bei uns hat nichts zu tun mit Terroranschlägen. Die Menschen werden allerdings zum Teil schnöde missbraucht."

Gott ist mit uns

Religiöse Fanatiker, die als Drahtzieher der Selbstmord-Attentate auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington vermutet werden, können für ihre Taten nicht den Namen Gottes beanspruchen, betont Lehmann. Allerdings, so gibt der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz zu bedenken, sei es auch in Deutschland nicht allzu lange her, dass auf den Koppelschlössern der Soldaten der Satz geschrieben stand: "Gott ist mit uns".

"Da gibt es eben sehr, sehr viel Missbrauch und auch Schwäche von Seiten der Religionen und der Kirche. Und man hat sich hineintreiben lassen in diesen Missbrauch."

Sowohl Lehmann als auch Manfred Kock sehen den Fundamentalismus beileibe nicht als Eigenheit des Islams.

"Fundamentalismus kommt aus echten Fragen und Nöten und Aporien unserer modernen Kultur. Der Fundamentalismus stellt natürlich schon eine echte Frage, nämlich: Wo und wie gibt es für den Menschen letzte Gewissheiten? Die werden vor lauter Differenzierung und Spezialisierung und Pluralisierung für normale Menschen kaum mehr erkennbar. Aber der Fundamentalismus gibt eine falsche Antwort auf diese Frage, indem er eben fundamentalistisch antwortet: Durch Fixierung auf eine einzige Wahrheit. Damit wird eine bestimmte Vorstellung zementiert. Damit kann tatsächlich sofort neues Unrecht geschaffen werden."

Fundamentalismus und Zerbrechlichkeit

Fundamentalismus, so Manfred Kock, mache "die Zerbrechlichkeit der Welt besonders deutlich". "Wenn Menschen ihre persönliche Glaubenswelt ins Extreme übersteigern, führt das zum Gegenteil dessen, was der Glaube bedeutet." Den EKD-Ratsvorsitzenden bedrückt es, dass konfessionelle oder religiöse Identitäten immer wieder für Machtspiele missbraucht werden, ob im Nahen Osten oder in Nordirland. Man müsse sich nicht wundern, dass die Menschen dann mit Abwehr reagieren und meinen:

"Tut doch diesen ganzen religiösen Quatsch - sagen sie - von uns weg, das hindert nur, die Gewalt rührt sozusagen daher."

Die "Gefahr der Perversion" berge jede Religion in sich, meint auch Kardinal Lehmann.

"Eine der Verführungen von Religion stellt eine Art Theokratie dar, in der man Weltliches und Religiöses bis zur Untrennbarkeit identifiziert und vermischt. Da ist es besonders wichtig, dass die europäischen Kulturen erfahren haben, dass hier eine Differenz besteht."

Die europäische Geschichte habe gezeigt: Zu Toleranz und Pluralismus gibt es keine Alternative. Vielleicht, so Lehmann, müsse es für den Islam einen ähnlichen Prozess der Aufklärung geben, wie ihn das Abendland in den vergangenen zweihundert Jahren durchlaufen hat.

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