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Wahl in Ungarn: Wie der Fußball Orbans Macht sichert(e)

Matt Pearson
9. April 2026

Ungarns Präsident Viktor Orban ist ein leidenschaftlicher Fußballfan, der Sport für ihn politisches Werkzeug. Bei einer Wahlniederlage könnte ihm jedoch die Ausrichtung des Champions-League-Finales 2026 entgehen.

Viktor Orban auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions beim EM-Finale zwischen England und Spanien
Viktor Orban ist zur Schlüsselfigur im ungarischen Fußball geworden - und prägt damit auch die Gesellschaft entscheidend.Bild: Sebastian Räppold/Matthias Koch/picture alliance

Mitten im Getöse und der aufgeheizten Stimmung rund um die Budapest-Reise von US-Vizepräsident JD Vance, die vor allem der Unterstützung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban diente, dürfte vielen ein Detail entgangen sein: die Wahl des Veranstaltungsorts.

Vance sprach am Dienstag bei einer Wahlkampfveranstaltung im MTK Sportpark in Budapest. Das Gelände wurde 2025 eröffnet und wird seitdem von verschiedenen Sportabteilungen des MTK Budapest genutzt, dessen Fußballmannschaft mit 23 nationalen Titeln zu den erfolgreichsten Ungarns zählt. Präsident des Vereins ist Tamas Deutsch, Mitglied des Europäischen Parlaments und inOrbans Fidesz-Partei.

"Ich halte das nicht für eine zufällige Inszenierung", sagt Sportsoziologe Gyozo Molnar gegenüber der Deutschen Welle. Molnar lehrt an der englischen Universität Worcester, hat aber ungarische Wurzeln. "Das Stadion ist gewissermaßen Orbans bevorzugte Bühne - im wahrsten Sinne des Wortes. Darüber hinaus bildet das landesweite Netz aus Fußballvereinen, Akademien und Infrastrukturprojekten eine Art materielles Patronagesystem. Es bindet lokale Gemeinschaften und Eliten an Fidesz - mit spürbaren Folgen für Wahlen, besonders in ländlichen Regionen."

Ungarn: Kann JD Vance Orbans Wahlkampf retten?

02:35

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Großer staatlicher Einfluss im ungarischen Fußball

Der MTK Budapest steht mit seinen engen Verbindungen zum Staat keineswegs allein da. Auch wenn die Klubs nicht immer direkt von der Regierungspartei Fidesz gesteuert werden, zieht sich deren Einfluss durch die gesamte erste Liga. In praktisch jedem Erstligaverein zeigt sich diese Nähe - sei es durch Politiker in Führungspositionen, durch staatliche Akteure mit Beteiligungen an den Klubs oder durch umfangreiche öffentliche Finanzierung.

Die wichtigste Einnahmequelle ist das sogenannte TAO-Programm: Seit 2011 können Unternehmen einen Teil der Steuern, die sie eigentlich an den Staat zahlen müssten, stattdessen direkt an Sportvereine weiterleiten. Diese Zahlungen werden ihnen vollständig oder weitgehend angerechnet. Auf diesem Weg sind über die Jahre Milliarden in staatlich geförderte Klubs geflossen.

Gleichzeitig sollen Aufträge für Bau- und Infrastrukturprojekte rund um den Fußball immer wieder an Unternehmer gegangen sein, die dem Umfeld von Viktor Orban und seiner Regierung nahestehen. Im EU-Vergleich gilt Ungarn seit Jahren als besonders korruptionsanfällig. Das Verhältnis zur Europäischen Union ist angespannt, zugleich gehört das Land wirtschaftlich zu den schwächeren Mitgliedern des Staatenbundes.

Im Gespräch mit der ungarischen Sportzeitung "Nemzeti Sport" aus dem Jahr 2020 verteidigte Viktor Orban das TAO-Programm: "Vor der Einführung von TAO gab es praktisch keine Verbindung zwischen der Unternehmerwelt und dem Sport", sagte er damals. "Ich halte es nicht für eine gesunde Haltung, Ausgaben für Sportplätze oder dafür, dass Kinder Sport treiben, zu beklagen."

Viktor Orban (r.) ist bekennender Fußballfan und oft in Stadien zu GastBild: Damien Eagers/empics/picture alliance

Laut Gyozo Molnar vereint sich in dem Programm Orbans Leidenschaft für den Fußball mit dem Ziel, politischen Einfluss zu sichern und letztlich auch Stimmen zu gewinnen. Gleichzeitig hat die Regierungspartei Fidesz ihren Einfluss auch über die Landesgrenzen hinaus ausgedehnt: Interessen an Vereinen in Ländern wie Rumänien, Slowakei, Serbien, Slowenien, Kroatien und Ukraine gehören inzwischen zur Tagesordnung.

Stimmen für Orban aus dem angrenzenden Ausland

"Menschen mit ungarischen Wurzeln, die in den Nachbarländern leben, können seit 2010 an den ungarischen Wahlen teilnehmen. Fidesz hat die Einbürgerung vereinfacht und das Wahlrecht ausgeweitet. Diese Stimmen aus dem Ausland gehen traditionell überwiegend an Fidesz", erklärt Molnar.

"Investitionen in Fußballinfrastruktur in diesen Gemeinschaften - also in Stadien, Akademien oder Nachwuchsprogramme - sind eine sichtbare Form politischer Förderung. Sie senden die klare Botschaft, dass sich die Regierung von Viktor Orban auch jenseits der Landesgrenzen um Ungarn kümmert."

Während die Besitzverhältnisse vieler Vereine oft wenig transparent sind, gilt der Vizemeister der vergangenen Saison, Puskas Akademia FC, als besonders eng mit Orban verbunden: Der Klub wurde seit seiner Gründung 2007 maßgeblich von Orban aufgebaut, finanziert und kontrolliert.

Benannt ist der Verein nach Ferenc Puskas, Ungarns wohl größtem Fußballer und Mitglied der legendären "Goldenen Elf", die 1954 im WM-Finale von Bern gegen Deutschland unterlag. Die Akademie gilt als persönliches Prestigeprojekt Orbans - inklusive eigenem Stadion: der Pancho Arena. Benannt wurde die Spielstätte nach Puskas Spitznamen während seiner Zeit bei Real Madrid. Die Arena hat rund 3800 Plätze, etwa doppelt so viele wie das Dorf Fecsut Einwohner hat. Dort befindet sich die Arena und auch Orban besitzt im Dorf ein Anwesen.

Die "Pancho Arena" gilt als persönliches Prestigeobjekt OrbansBild: Denes Erdos/AP Photo/picture alliance

Der britische Autor und Historiker David Goldblatt, heute Gastprofessor am Pitzer College in Kalifornien, besuchte das Stadion 2017. Nachdem er Orban über einen Mittelsmann ein Exemplar seines Buches über Fußball überreichen ließ, erhielt er als erster ausländischer Journalist seit mehr als einem Jahrzehnt ein Interview. Orban selbst war erstmals 1998 zum Ministerpräsidenten gewählt worden.

Orban - ein Liebhaber des Fußballs und seiner politischen Macht

Goldblatt sagt, Orbans Leidenschaft für das Spiel sei trotz seiner politischen Instrumentalisierung unverkennbar. "Er ist wirklich besessen vom Fußball - ihn zu spielen, ihn zu schauen, ständig darüber nachzudenken. Er liebt Fußball wirklich, wirklich, wirklich", sagte Goldblatt im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Orban habe selbst in der vierten Liga in Ungarn gespielt, sogar die spätere Machtzentrale seiner Partei Fidesz sei aus regelmäßigen Kleinfeldspielen hervorgegangen. Neben seinem Einfluss auf den Vereinsfußball, so Goldblatt weiter, nutze Orban zum politischen Zwecke auch die Förderung und Inszenierung der Nationalmannschaft:

"Für einen ultranationalistisch geprägten Politiker mit einem Hang zur Opfererzählung ist die ungarische Nationalmannschaft eine ideale Projektionsfläche: einst die absolute Spitze des Weltfußballs, dann nur noch ein Schatten ihrer selbst", so Goldblatt. In den Händen von Orban und Fidesz werde daraus die Geschichte, dass Ungarn früher groß war - bevor die Kommunisten diese große Fußballtradition zerstört haben.

"'Make Hungarian football great again‘ - das hat er mir so gesagt", berichtet Goldblatt. "Ich glaube, er hatte sogar Baseballkappen mit diesem Spruch."

Joshua Kimmich spielte mit Deutschland 2024 in der Puskas-Arena gegen UngarnBild: Michael Memmler/Eibner-Pressefoto/picture alliance

Champions League-Finale: Triumph oder bittere Pille

Neben seinem Einfluss auf die Nationalmannschaft und alle Topvereine des Landes hat Viktor Orban gemeinsam mit Fidesz in ganz Ungarn mehr als 25 Stadien gebaut. Das größte ist die Puskas Arena in Budapest, die am am 30. Mai mit dem Champions-League-Finale das wichtigste Spiel im europäischen Vereinsfußball ausrichten wird.

Laut Gyozo Molnar sieht Orban dies als "enorme Bestätigung seiner gesamten Strategie, Sport als Mittel zum Nationenaufbau einzusetzen". Dementsprechend wäre es für ihn eine bittere Pille, das Finale nicht mehr unter seiner Regierung erleben zu können. Am Wochenende wird in Ungarn gewählt. Die Umfragen fallen klar zu Gunsten der Opposition aus.

"Sollte er am 12. April verlieren, würde das Champions-League-Finale unter einer neuen Regierung stattfinden. Für ihn wäre das ein bitter symbolischer Verlust, da jemand anderes das Band an seinem Prestigeprojekt durchschneiden würde", so Molnar.

Orban ist seit Jahrzehnten Stammgast bei großen Fußballfinals und wird am 30. Mai vermutlich auf der Tribüne sitzen, egal, wie die nächsten Tage politisch verlaufen. Er hat sich zur zentralen Figur des ungarischen Fußballs und der Gesellschaft insgesamt gemacht. Es steht viel auf dem Spiel.

Das Champions League-Finale 2026 findet in Budapest stattBild: Yagiz Gurtug/NurPhoto/picture alliance

"Gewinnt Orban, wird dieses Event zur Krönung seines Fußball-Erbes. Verliert er, wird es zu einer heiklen Hinterlassenschaft für die neue Regierung, die über die Infrastruktur, die Netzwerke und die politische Ökonomie des Sports entscheiden muss, die Orban in anderthalb Jahrzehnten aufgebaut hat", ergänzt Molnar.

So oder so werde der ungarische Fußball nach dem 12. April viel verraten, meint Molnar: "Nicht nur über den Sport, sondern auch darüber, ob populistisch-nationalistische Projekte auf demokratischem Wege wieder aufgelöst werden können."

Dieser Text wurde aus dem Englischen Original "Hungarian election: How football has helped Orban keep power" adaptiert.

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