DFB-Sportchef Rettig vor WM: "Hat nichts mit Fußball zu tun"
13. Mai 2026
Andreas Rettig ist gut gelaunt. Der Geschäftsführer Sport des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erscheint überpünktlich, bei bestem Wetter und mit ein paar Zetteln in der Hand zum Interviewtermin in Köln.
Der 63-Jährige ist gut vorbereitet, schließlich geht es um die bevorstehende Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA - und die steht stark in der Kritik. Dennoch, so Rettig, sei die Vorfreude auf die WM groß. Auch wenn er kein Freund des aufgeblähten Turniers mit 48 Mannschaften sei.
Wenige Wochen vor dem WM-Eröffnungsspiel am 11. Juni in Mexiko gehen die Vorbereitungen des DFB in die entscheidende Phase. Sportlich sei man mit der Entwicklung der Mannschaft sehr zufrieden, sagt Rettig. "Wir haben seit dem Amtsantritt von Julian [Nagelsmann, Anm. d. Red.] 31 Spiele gespielt. Davon sind wir 19 Mal als Sieger vom Platz gegangen, dazu kommen sechs Unentschieden und sechs Niederlagen."
Übertragen auf die Bundesligatabelle wäre das ein Champions-League-Platz, rechnet Rettig vor. Doch der DFB-Sportchef gibt im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW) auch zu: "Wir sind mit Blick auf Spieler, die aus Verletzungen zurückgekommen sind, noch nicht in Vollbesitz unserer Kräfte."
Dennoch sind die Ziele nach den verpatzten WM-Turnieren in Russland 2018 und Katar 2022, wo die DFB-Elf jeweils in der Gruppenphase scheiterte, ambitioniert. "Das Ziel wäre, dass wir am Ende zu den Top-Fünf-Nationen der Welt gehören. Wenn wir besser sind als unsere Platzierung in der FIFA-Weltrangliste [Platz neun, Anm. d. Red.], dann wäre das ein Erfolg", so Rettig.
Rettig: "Wertebasierte Ordnung ist in Unordnung geraten"
Der 63-Jährige spricht gerne über die Nationalmannschaft und die sportlichen Ziele. Doch wie schon bei der letzten WM in Katar vor vier Jahren wird auch dieses Turnier von Diskussionen abseits des Fußballs überschattet - und das sind nicht gerade die Lieblingsthemen des DFB.
Überteuerte Ticketpreise, Einreise-Verbote für fünf teilnehmende Nationen, exorbitant hohe Transportkosten vor Ort sowie eine unsichere politische Lage in den USA sorgen für große Sorgen bei den Fans.
Hinzu kommen geopolitische Spannungen, wie zum Beispiel der von den USA und Präsident Donald Trump angefangene Krieg gegen WM-Teilnehmer Iran sowie innenpolitische Diskussionen aufgrund überharter Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE.
"Wir leben in einer Zeit, in der wir jeden Tag mit Dingen konfrontiert werden, die mich ratlos zurücklassen. Es sind viele irrationale Sachen dabei, die nichts mit dem Fußball zu tun haben, wo man sich nur noch an den Kopf fasst", sagt Rettig und macht klar: "Unsere wertebasierte Ordnung ist in Unordnung geraten."
Kein Maulkorb für die Spieler
Deutlich wird Rettig in seinen Aussagen jedoch nicht. Kritische Töne und eine klare Positionierung zu Themen abseits des Fußballs sind zur Ausnahme geworden. Der weltgrößte Sportverband habe seine Lehren aus der WM in Katar gezogen, erklärt der Sport-Funktionär.
Damals hatte der Streit um die One-Love-Binde und das Foto der Nationalmannschaft, auf dem sich alle Spieler die Hand vor den Mund halten, für große Diskussionen rund um das DFB-Team gesorgt - vor allem, weil nach den politischen Protesten die sportliche Leistung dürftig war.
Dieses Mal wolle man es anders machen: "Die Mannschaft soll sich in erster Linie auf den Sport konzentrieren. Solche Themen gehören nicht in die Kabine", erklärt Rettig. "Das heißt aber nicht, dass wir den Spielern einen Maulkorb verpassen."
Sie seien reflektiert genug und dürften sich immer zu allem äußern. "Ich denke aber, dass es stört und vom Fokus ablenkt. Wir brauchen die Kraft und Energie für das Wesentliche. Wir sind in erster Linie eine Fußballmannschaft und werden am sportlichen Abschneiden gemessen."
Sich zu politischen Themen zu äußern sei die Aufgabe der Funktionäre, wie DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Hans-Joachim Watzke, Rudi Völler und eben Rettig selbst, der zugibt: "Es wäre eine naive Vorstellung zu sagen, das interessiert mich alles nicht. Natürlich interessiert es uns, natürlich nimmt man daran Anteil, natürlich können uns einige Entwicklungen nicht gefallen." Deutliche Kritik vermeidet der DFB-Geschäftsführer dann aber trotzdem.
Ex-Nationalspielerin Almuth Schult kritisiert DFB
Genau diese fehlende Meinungsstärke des DFB verurteilt die frühere Nationaltorhüterin Almuth Schult. "Ich verstehe, dass es für den DFB schwierig ist, sich zu positionieren, weil die große Mehrheit des Weltfußballs hinter [FIFA-Präsident] Infantino und seinen Entscheidungen steht", sagt die Torfrau im Interview mit der Tageszeitung "Frankfurter Rundschau" und ergänzt:
"Der DFB bekennt sich gerne zu Vielfalt und anderen Werten. Es wäre schön, wenn man das nicht nur national, sondern auch international vertreten könnte. Dazu gar nicht zu kommunizieren, ist leider auch ein Statement."
Rettig: "Mir hat das nicht gefallen"
Doch nicht nur der DFB hält sich zurück, auch andere große Verbände sind sparsam mit Kritik an WM-Gastgeber USA oder auch an FIFA-Boss Gianni Infantino. Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness sei die einzige Funktionärin, die in den letzten Jahren klare Kante zeigt, lobt Schult. Klaveness hatte die Vergabe des "FIFA-Friedenspreises" an Donald Trump deutlich kritisiert.
Die Auszeichnung sei nicht legitim und läge eindeutig außerhalb des FIFA-Mandats, sagte Klaveness. "Es geht darum, dass die FIFA durch ihren Präsidenten gegen die Regeln der politischen Neutralität verstoßen hat, indem sie diesen Friedenspreis verliehen hat."
"Ich hoffe, dass der verliehene Preis an den US-Präsidenten für ihn Ansporn ist, diesem Preis alle Ehre zu machen", sagt Rettig. "Ob so ein Preis aber zu einer WM-Auslosung gehört, da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Mir hat das nicht gefallen."
Rettig: "Der Wertekompass hat sich verschoben"
Nicht nur der irregulär erfundene "Friedenspreis", sondern auch die Nähe von FIFA-Präsident Infantino und Donald Trump sorgt für Unmut. Denn die immer wieder geforderte Unabhängigkeit des Sports von der Politik ist maximal noch ein längst vergangenes Phänomen.
"Natürlich können sie Sport und Politik nicht trennen", weiß auch Rettig. "Mich lässt das immer wieder ratlos zurück, was die Schnelligkeit und Wucht von Entscheidungen sowie die geopolitischen Auswirkungen mittlerweile mit sich bringen."
Althergebrachte Grundsätze und Verlässlichkeiten würden ad absurdum geführt, so der 63-Jährige. "Wer hätte gedacht, dass wir eine solch kritische Haltung gegenüber Land A oder B entwickeln." Der Wertekompass habe sich verschoben, kritisiert Rettig. Am Ende wisse man nicht mehr, wer Feind sei und wer Freund.