DFB-Team: Das Scheitern des Julian Nagelsmann
30. Juni 2026
Zu langsam, ideenlos, Abstimmungsprobleme und eine bedenkliche Körpersprache einiger Spieler - das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada krachend gescheitert. Gegen Paraguay, den 41. der Weltrangliste, verlor Deutschland im Sechzehntelfinale im Elfmeterschießen und muss die Heimreise antreten.
"Es war zu wenig. Unser Spielvortrag war super langsam. Wir haben für die Pässe zu lange gebraucht. Nach dem Gegentor waren wir verunsichert. Wir hätten mehr Präsenz zeigen müssen", analysierte Nagelsmann nach dem bitteren WM-Aus.
Mit dem erneut frühen Ausscheiden wurde deutlich, dass auch das Konzept des Bundestrainers nicht funktioniert hat. Der 38-Jährige, der vor zweieinhalb Jahren das höchste Amt im deutschen Fußball übernommen hatte, sollte die Nationalmannschaft wieder erfolgreich machen.
Doch bis auf das erste WM-Spiel gegen Curaçao, was das DFB-Team noch mit 7:1 gewinnen konnte, enttäuschte seine Mannschaft bei diesem Turnier auf ganzer Linie.
Nagelsmann ist "Wunschkandidat" des DFB
Im Zentrum der Kritik: Julian Nagelsmann. Mehr als 1000 Tage hatte der Trainer Zeit, die Nationalmannschaft wieder in die Erfolgsspur zu führen.
Nach den Enttäuschungen seit dem Gewinn des WM-Titels in Brasilien 2014, sollte der "Wunschkandidat" des DFB den vierfachen Weltmeister zum Titel bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 führen. Sein "Feuer für den Fußball" sei "ansteckend", schwärmte Sportdirektor Rudi Völler damals.
Deutschland scheiterte nach einer strittigen Entscheidung im Viertelfinale gegen Spanien. Nagelsmann hatte für das K.o.-Spiel ohne Not seine bis dahin so erfolgreiche Startelf verändert. Das unglückliche Ausscheiden wurde von den DFB-Verantwortlichen und auch den Fans allerdings trotzdem als achtbar bewertet.
Die Stimmung im Land war pro Team - und pro Bundestrainer, der mit seiner Kampfansage - unmittelbar nach dem EM-Aus - die WM in den USA gewinnen zu wollen für viel Begeisterung im Land sorgte.
Nagelsmann sorgt für Unruhe
Doch der letzte Platz beim Final Four der Nations League 2025 säte erste Zweifel am ausgegebenen Ziel "WM-Titel". Und es kam noch schlimmer. Deutschland verpatzte den Start in die WM-Quali, verlor gegen die Slowakei mit 0:2 und unterlag damit erstmals auswärts in einem Ausscheidungsspiel für eine Weltmeisterschaft.
"Ich kann dieses ewige 'Qualität, Qualität' nicht mehr hören. Wir müssen emotional Fußball spielen! In jedem Spiel!", schimpfte Nagelsmann damals.
Der Weckruf wirkte und das DFB-Team spielte im Anschluss eine in großen Teilen überzeugende Qualifikation. Allerdings wirkte der Bundestrainer auf sportlicher Ebene zunehmend orientierungslos und sorgte auf kommunikativer Ebene zudem für viel Kritik und unnötige Unruhe im Umfeld der Nationalmannschaft.
Sein Hin und Her bei der Positionierung von Kapitän Joshua Kimmich - mal setzte er den Kapitän im defensiven Mittelfeld ein, mal auf der Rechtsverteidiger-Position - war merkwürdig. Im März stellte er Leon Goretzka, den er für die EM noch aussortiert hatte, viele Startelfeinsätze bei der WM in Aussicht und Oliver Baumann sollte laut Nagelsmann bei der WM im Tor stehen - es kam bekanntermaßen anders.
Dazu kam ein fragwürdiger Umgang mit Stürmer Deniz Undav im Frühjahr, den Nagelsmann trotz vieler Tore und ohne Not kritisierte und damit eine Debatte auslöste, die bis zur WM anhielt.
Zu viele Baustellen im DFB-Team
Zudem hat es der Bundestrainer in seiner Amtszeit verpasst dem Team Stabilität zu verleihen. Zu viele Wechsel in den Startformationen, keine echten Anführer im Team und keine Stabilität gegen stärkere Gegner.
Dass die vermeintlichen Unterschiedsspieler Florian Wirtz und Jamal Musiala nicht den Unterschied gemacht haben, kann Nagelsmann nicht angelastet, werden. Allerdings steht auch fest, dass kaum ein Spieler während der Weltmeisterschaft an sein Leistungslimit gekommen ist.
Das Ergebnis seiner zweieinhalb Jahre andauernden Regentschaft ist unter dem Strich somit mehr erschreckend als ermutigend was die Zukunft des deutschen Fußballs angeht. Doch einen Rücktritt lehnte der 38-Jährige am Abend nach dem peinlichen Ausscheiden trotzig ab.
"Ich bin keiner, der wegläuft. Ich stehe bereit, wenn der DFB das möchte", sagte er. Unterstützung bekam Nagelsmann von Mentor Rudi Völler.
"Ich bin immer noch davon überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, aber ich bin nicht der DFB alleine", erklärte der Sportdirektor. Er sei "weiterhin ein absoluter Toptrainer" und "die richtige Person am richtigen Ort."
Nagelsmann: "Nicht mehr Weltspitze"
Nagelsmann betonte, dass die Verantwortlichen schon wüssten, welche Qualitäten er als Trainer habe. "Die Argumente liefere ich den Bossen. Jeder weiß, wie ich als Trainer ticke. Jeder weiß, wie meine Art von Fußball aussieht", sagte er.
Doch ob die Argumente des Bundestrainers noch ausreichen, um die Nationalelf auch für die kommende EM in England - solange läuft sein Vertrag - noch trainieren zu dürfen, bleibt offen.
Nagelsmann hat viel Kredit verspielt, ob ihm noch einmal das Vertrauen ausgesprochen wird, ist fraglich. "Wir haben seit zwölf Jahren gar nichts gerissen. Wenn du in der ersten K.o.-Runde ausscheidest, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball. Es wäre vermessen zu sagen, wir gehören noch zur Weltspitze", analysierte Nagelsmann den Ist-Zustand des DFB-Teams. Über die Verantwortung dafür sprach er nicht.
Entscheidung über Nagelsmanns Zukunft folgt
Das Urteil der Verbandsspitze über die Zukunft des Bundestrainers folgt erst in den kommenden Tagen. "Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", kündigte DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Dienstag an. "Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der WM nicht unseren Ansprüchen genügt", lautete seine erste Bilanz.
Einen Schnellschuss in der Bundestrainerfrage lehnte er nach einem nächtlichen Krisenmeeting mit Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig aber ab. Man habe "länger" zusammengesessen - mit folgendem Ergebnis:
"In den kommenden Tagen werden wir gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden ist", so Neuendorf.