1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Keine Hoffnung in Gaza

Diana Hodali21. August 2014

Der Krieg in Gaza geht unvermindert weiter. Die Bevölkerung stellt sich auf lang anhaltende Kampfhandlungen ein. Auch Raed Athamnah und seine Familie. Sie haben bereits zum dritten Mal ihr Haus verloren.

Kinder im Flüchlingslager Dschabaliya in Gaza (Foto: Reuters)
Bild: REUTERS

Raed Athamnah und seine Familie wohnen schon lange nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden. Kurze Zeit nach Beginn der Gaza-Offensive musste der Stringer, der ausländischen Medien beim Recherchieren ihrer Geschichten hilft, mit seiner Familie sein Haus verlassen. "Unser Haus in Beit Hanoun wurde in großen Teilen zerbombt. Es fehlen Türen, auch eine Wand wurde weggerissen", erzählt Raed am Telefon. Er hat nicht mehr viel Akku, sagt er. Strom komme mittlerweile nur noch maximal 2-3 Stunden am Tag. "Wasser ist hier ebenfalls Mangelware. Meine Kinder sagen den ganzen Tag zu mir, sie wollten gerne duschen. Mir ist egal, was wir essen, aber die hygienischen und medizinischen Umstände hier in Gaza sind katastrophal."

Er, seine Frau und seine acht Kinder haben sich aufgeteilt. Raed Athamnah wohnt mit seinen drei älteren Söhnen in einer Notunterkunft der UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) im Flüchtlingslager Dschabaliya im Norden des Gazastreifens - mit schätzungsweise weiteren 3000 Palästinensern. Drei Matratzen, die sie sich teilen, und ein großes Handgepäck hat er mitgenommen. Die Männer schliefen überwiegend in den Fluren oder im teilweise überdachten Innenhof, die abgeschlossenen Räume seien Frauen und Kindern vorbehalten, sagt Athamnah.

Raed hat schon drei Mal sein Haus verlorenBild: homeforraed.wordpress.com

Hoffnungen zerplatzt

Seine Frau und die Töchter hätten im gleichen Ort Unterschlupf im Haus seiner Schwester gefunden. Insgesamt lebten seit dem Zusammenbruch der Feuerpause und der Wiederaufnahme der Gefechte am 19.08.2014 dort fast 70 Familienmitglieder - und das in einer Dreizimmerwohnung, erzählt Athamnah. "Sicher kann man sich in Gaza nirgendwo fühlen, egal wo man wohnt."

Insgesamt wurden alleine am Donnerstag bei israelischen Angriffen mindestens 19 Palästinenser getötet. Drei hochrangige Anführer der Kassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas, wurden auch getötet. Die Gesamtzahl der seit dem Beginn der Eskalation am 8. Juli getöteten Palästinenser erhöhte sich damit auf mindestens 2069. Auf israelischer Seite starben drei Zivilisten und 64 Soldaten.

"Wir haben fest damit gerechnet, dass der Krieg weitergehen wird. Eigentlich wussten wir doch, dass die israelische Regierung sich nicht auf die Forderungen der palästinensischen Führung einlassen wird", sagt Raed Athamnah. "In über 20 Jahren - seit Abschluss der Osloer Friedensverträge - hat Israel keinerlei Zugeständnisse an die Palästinenser gemacht, weder unter Arafat noch unter Abu Mazen (Anm. d. Red.: Mahmud Abbas wird auch Abu Mazen genannt)."

Seine Stimme klingt müde und kraftlos. Er habe die Hoffnung verloren. Sein Wunsch war, dass sich die Weltgemeinschaft dafür einsetzt, die Palästinenser bei ihren Forderungen nach einer Aufhebung der Blockade und mehr Menschenrechten zu unterstützen. Doch seit Beginn der Irak-Krise kämen nicht einmal mehr viele Journalisten in den Küstenstreifen. Die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft läge jetzt eben woanders, sagt er. "So viele Kinder sind getötet worden, reicht das nicht?", fragt er. "Wir haben doch auch ein Anrecht darauf, in Würde zu leben."

Langer Krieg erwartet

Würde, das bedeute für ihn, dass er sich frei bewegen darf, dass er reisen darf, dass Wasser aus dem Hahn fließt, dass er nicht alle zwei bis drei Jahre sein Haus neu aufbauen muss, weil es in einem Krieg zerstört wird. "Die Hamas hat doch keine außerordentlichen Forderungen gestellt. Das waren doch nur Dinge, auf die jeder Mensch ein Anrecht hat." Wie solle man sich bei grundsätzlichen Forderungen in der Mitte treffen, fragt er. Eine Entwaffnung der Hamas, so wie sie die israelische Regierung fordert, hält er für ausgeschlossen.

Israel will nach Medienberichten im Gaza-Krieg erneut 10.000 Reservisten einberufen. Raed Athamnah erzählt, dass der Beschuss in den vergangenen drei Tagen unvermindert weitergegangen ist. "Wir stellen uns hier auf einen langen Krieg ein", sagt er. "Ich weiss nur noch nicht, wie ich das meinen Kindern erklären soll." Schätzungen der Organisation "Save the Children" zufolge benötigen über 370.000 Kinder in Gaza psychosoziale Betreuung, um das bereits Erlebte zu verarbeiten.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen