Gaza und Ukraine: Der schwierige Umgang mit Opferzahlen
10. Februar 2026
In Konflikten gehen die Angaben über Todesopfer und Verletzte oft weit auseinander. Jede Seite nennt andere Zahlen und es ist meist schwierig, festzustellen, wie viele Menschen tatsächlich getötet oder verletzt wurden. Das gilt auch für den Israel-Hamas-Krieg im Gazastreifen.
Jahrelang hatte Israels Militär die von den Gesundheitsbehörden in Gaza seit Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen im Oktober 2023 gemeldeten Opferzahlen angezweifelt. Doch nun bestätigten sie Berichten zufolge deren Schätzung von 71.000 Menschen, die in dem Konflikt in dem Palästinensergebiet am Mittelmeer ums Leben gekommen sind.
Internationale Beobachter hatten die Zahlen des von der radikalislamischen Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in Gaza schon seit Längerem als weitgehend zuverlässig eingeschätzt. Dass die israelische Armee jetzt diese Zahlen anzuerkennen scheint, sei daher nicht überraschend, sagt Therese Pettersson vom Uppsala Conflict Data Program (UCDP).
Das UCDP ist ein seit vier Jahrzehnten bestehendes wissenschaftliches Projekt an der Universität Uppsala in Schweden. Dort werden Daten zu gewaltsamen Konflikten erhoben und analysiert. Seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht das UCDP die Ergebnisse, darunter auch Opferzahlen. "Dank der Tatsache, dass wir über eine so detaillierte Datensammlung zu Todesfällen verfügen, lässt sich nur schwer leugnen, was tatsächlich geschehen ist", so Pettersson im DW-Interview.
Auch Moskau und Kiew melden unterschiedliche Zahlen
Wenn es um die Zahl der Toten geht, sind sich Konfliktparteien selten einig. Weder Russland noch die Ukraine melden regelmäßig - oder gar genaue - Zahlen zu eigenen Verlusten im weiterhin andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Zahlen zu eigenen Gefallenen werden von Russland schon seit mehr als drei Jahren nicht mehr aktualisiert.
Gleichzeitig übertreiben Konfliktparteien gerne die Verluste, die sie der gegnerischen Seite zugefügt haben. "Das ist nahezu immer der Fall", sagt Shawn Davies, der ebenfalls als Analyst bei UCDP tätig ist. "In den meisten Fällen werden die eigenen Verluste heruntergespielt und die 'Erfolge' übertrieben."
Motiv: "Der Kampfgeist der eigenen Seite soll gestärkt werden, indem man Erfolge betont und die Kosten des eigenen Handels herunterspielt", so Davies.
Analysten verlassen sich nicht auf offizielle Zahlen
Für eine realistische Schätzung der Zahl der Toten in einem Krieg ist es wichtig, so viele Daten wie möglich zu sammeln. Dabei werden verschiedene Quellen genutzt: offizielle Meldungen der Konfliktparteien, Berichte von Krankenhäusern und Leichenhallen, Schilderungen von Augenzeugen, Medienberichte aus den Konfliktzonen und Beiträge der Bevölkerung in den sozialen Medien.
Die Qualität und Zuverlässigkeit dieser Angaben ist sehr unterschiedlich, deshalb müssen die Beobachter ihre Informationen mit anderen Quellen abgleichen. Im Anschluss wenden die Analysten selbst definierte Regeln an, um unzuverlässige Daten auszuschließen und zu einem verlässlichen Ergebnis zu kommen.
Das UCDP in Schweden vertraue zum Beispiel in der Regel den "eingeräumten Verlusten" einer Konfliktpartei, jedoch nicht unbedingt den Angaben, die diese Partei zu den Verlusten des Gegners macht, sagt Expertin Petterson.
Unter den Beobachtergruppen liegt UCDP mit seinen Schätzungen eher im konservativen Bereich. Das Programm zählt nur Todesfälle, keine Verletzten oder Vermissten, die bei manchen Beobachtern ebenfalls in die Zahlen einfließen. Die schwedischen Forschenden möchten ihre Zahlen als "Grundlinie" für die Konfliktbeobachtung verstanden wissen.
Doch es gibt auch andere Verfahren: Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Denkfabrik CSIS in den USA hat Russland entgegen verschiedenen Angaben im Konflikt mit der Ukraine nur geringe militärische Fortschritte erzielt - und das bei erheblichen Verlusten.
Auf Basis von Daten des britischen Verteidigungsministeriums und Gesprächen mit Regierungsvertretern der USA, der europäischen Staaten und der Ukraine kommen das russische Medienportal Mediazona und BBC Russia zu folgenden geschätzten Zahlen in Russlands Angriffskrieg gegen sein südwestliches Nachbarland:
- Auf dem Schlachtfeld hat Russland seit Beginn des Krieges nahezu 1,2 Millionen Verluste in Form von Toten, Verletzten und Vermissten erlitten. Etwa ein Drittel dieser Verluste entfällt allein auf das Jahr 2025.
- Bis Dezember 2025 starben auf russischer Seite zwischen 275.000 und 325.000 Soldaten auf dem Schlachtfeld.
- Die Ukraine erlitt 600.000 Verluste, darunter 100.000 bis 140.000 Tote.
"Diese Zahlen sind außergewöhnlich. In keinem Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg hat eine Großmacht auch nur annähernd so viele Tote oder Verletzte zu beklagen gehabt", stellt der CSIS-Bericht angesichts der Verluste Russlands fest.
In Bezug auf die Todesopfer auf russischer Seite stimmen diese Zahlen mit denen des UCDP überein. "Unsere Schätzung liegt bei etwa 350.000 russischen Toten", bestätigt Forscher Shawn Davies im DW-Interview.
Jeder Mensch zählt
Jeder Mensch ist wichtig, lautet seit Jahren das Credo der meisten Konfliktforscher und Opferanalysten. Lily Hamourtziadou, die an der Birmingham City University in Großbritannien zu Kriegen und Konflikten forscht, befasst sich seit zwei Jahrzehnten mit der Erfassung von Opferzahlen, zunächst für Iraq Body Count und später für andere Initiativen.
Sie ist überrascht, dass das israelische Militär die Opferzahlen für Gaza Berichten zufolge anerkennen wolle. Denn das sei für Staaten im Kriegszustand ungewöhnlich. "Es ist definitiv eine gute Sache", meint sie. "Doch hier könnte eine Reihe Faktoren eine Rolle spielen. Möglicherweise wissen sie, dass die Zahlen deutlich höher sind und stimmen einer niedrigeren Schätzung zu."
Dass Kriegsparteien zu ihren Verlusten stehen, sollte nichts Außergewöhnliches sein, meint Hamourtziadou. Die Staaten sollten die Verantwortung dafür übernehmen, die Auswirkungen eines Konflikts auf die Menschen präzise zu erfassen.
"Meiner Meinung nach liegt es in der Verantwortung jedes Staates, der mit Gewalt gegen eine Bevölkerung vorgeht, Daten darüber zu sammeln, wer getötet wird und warum", macht Hamourtziadou deutlich. "Für mich wäre das ein humanerer Ansatz."
In Medien- und Regierungen wird häufig militärischen Verlusten mehr Raum gegeben als den zivilen Opfern. Doch auch wenn Schätzungen von Opferzahlen oft über die reinen Zahlen nicht hinausgehen, könnten einfachste Informationen wie Namen und Alter dazu beitragen, nicht nur die Auswirkungen eines Konflikts deutlich zu machen, sondern auch die Geschichten dahinter, sagt die Birminghamer Forscherin.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.