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KonflikteIsrael

Gazastreifen: Israel weitet Zugriff immer weiter aus

1. Juni 2026

Nach Vereinbarung einer Waffenruhe kontrollierte Israel gut die Hälfte des Gazastreifens. Regierungschef Netanjahu bestätigte nun, dass Israel das Gebiet weiter ausgedehnt hat. Und es könnte noch mehr werden.

Premierminister Benjamin Netanjahu bei einer Pressekonferenz zum Iran-Krieg
"Von allen ‌Seiten unter Druck": Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will die Kontrolle im Gazastreifen ausweitenBild: Ronen Zvulun/REUTERS/dpa/picture alliance

Israel hat bereits große Teile des Gazastreifens unter Kontrolle - nun will es ​seinen Einfluss noch vergrößern. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte laut der Nachrichtenagentur Reuters kürzlich, er habe das Militär angewiesen, zunächst 70 Prozent des palästinensischen Gebiets einzunehmen. 

"Wir waren bei 50 (Prozent), wir sind auf 60 gegangen", sagte Netanjahu. "Meine Anweisung lautet, weiterzugehen - lassen Sie uns Schritt für Schritt vorgehen. (...) Zunächst einmal 70. Fangen wir damit an. Wir setzen sie von allen ‌Seiten unter Druck."

Laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hatte zuletzt die Zeitung "Israel Hajom" unter Berufung auf einen ranghohen westlichen Diplomaten berichtet, Israel habe in den vergangenen Wochen seine Kontrolle im Gazastreifen erheblich ausgeweitet. Die Armee kontrolliere nun 64 Prozent des im Krieg weitgehend zerstörten Küstenstreifens, heißt es in dem dpa-Bericht. 

Kommt ein neues Sperrgebiet?

Die Truppen seien jetzt entlang einer "Orangefarbigen Linie" stationiert, die die bisherige "Gelbe Linie" ersetzt habe. Im Rahmen eines von den USA vermittelten Waffenstillstands sollten sich Israels Truppen auf diese sogenannte "Gelbe Linie" zurückziehen, die den Umfang ​ihrer Kontrolle markiert. 

Israel habe nun aber weitere elf Prozent des Palästinensergebiets unter seine Kontrolle gebracht, was 34 Quadratkilometern entspreche. Für den Bericht hatte es zunächst keine offizielle Bestätigung gegeben, hieß es bei dpa Mitte Mai.

Das Blatt "Israel Hajom" berichtete, der Schritt sei mit Zustimmung des Friedensrats erfolgt. Zuvor habe sich gezeigt, dass die radikal‑islamistische Hamas ihre Verpflichtungen verletzt und den Zeitplan für ihre Entwaffnung nicht eingehalten habe. Auch für diese Information gab es keine Bestätigung. 

Reuters hatte jedoch kürzlich ebenfalls von einer Karte berichtet, die ein neues Sperrgebiet mit einer orangefarbenen Linie markierte.

"Gelbe Linie" bereits verlegt

Schon die aktuellen 64 Prozent sind deutlich mehr, als Israel eigentlich im Rahmen des Waffenstillstands zugestanden worden waren.

Die ursprünglich "Gelbe Linie" verschaffte Israel nur die Kontrolle über etwa 53 Prozent des Gazastreifens, der Rest sollte von der Hamas ​beherrscht werden, die von der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft wird.

Reuters hat zuletzt berichtet, dass Israel die Betonblöcke, die die "Gelbe Linie" ​vor Ort markieren, tiefer ‌in von der Hamas kontrolliertes Gebiet verlegt hat.

Flüchtlinge im eigenen Land

Die palästinensische Bevölkerung wird damit auf ein immer kleiner werdendes Gebiet gedrängt. Viele leben ohnehin schon in katastrophalen Verhältnissen und sind in den vergangenen Jahren schon mehrfach geflohen.

Laut dem jüngsten IPC-Bericht hat sich die Lage zwar etwas verbessert. Aber noch immer seien rund 1,6 Millionen Menschen im Gazastreifen - 77 Prozent der Bevölkerung - von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, darunter mehr als 100.000 Kinder.

Das IPC-System (Integrated Food Security Phase Classification) ist ein international anerkanntes Instrument zur Messung und Klassifizierung von Hunger und Ernährungssicherheit. 

Palästinenser begutachten die Schäden nach einem Luftangriff - weite Teile des Gazastreifens sind beschädigt oder zerstört Bild: Dawoud Abu Alkas/REUTERS

Auch die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. "Schutt, Müll und Exkremente türmen sich in den Straßen, Kinder werden von Ratten gebissen und Krankheiten wie Durchfall breiten sich aus", heißt es in einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks vom Mai 2026. Immer mehr Kinder benötigten laut UNICEF eine Behandlung im Krankenhaus, doch in Gaza sei kein Krankenhaus voll funktionsfähig.

"Pufferzone" gegen Angriffe auf Israelis

Netanjahu bezeichnet die von Israel in Gaza, aber auch in Syrien und ‌im Libanon eroberten Gebiete als "Pufferzonen" gegen mögliche militante Angriffe auf Israelis. Die Palästinenser betrachten die Ausweitung ‌der ​Zone in Gaza indes als Teil einer israelischen Strategie, sie dauerhaft zu vertreiben. Sie verweisen dabei auf Äußerungen hochrangiger Minister, darunter Verteidigungsminister Israel Katz, wonach Israel eine "freiwillige Migration" aus Gaza fördern wolle.

Auslöser des Krieges war ⁠ein Angriff der Hamas auf israelisches Gebiet vom Gazastreifen aus am 7. Oktober 2023. Dabei wurden nach israelischen Angaben rund 1200 ⁠Menschen getötet und 251 als Geiseln ​verschleppt. Auf den Angriff hatte Israel mit einer massiven Militär-Offensive reagiert. Dabei wurden nach palästinensischen Angaben rund 70.000 Palästinenser getötet und mehr als 100.000 verletzt. Zudem wurden Wohnhäuser, Straßen und andere Infrastruktur in dem kleinen Gebiet mit seinen rund zwei Millionen Einwohnern zerstört.

Mit Material von Reuters und dpa

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