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Gazastreifen: Weder Krieg noch Frieden

15. April 2026

Durch den Iran-Krieg ist der Konflikt im Gazastreifen ziemlich aus dem internationalen Fokus geraten. Trotz Waffenstillstands seit über einem halben Jahr kommen auch dort die Bemühungen um eine Lösung kaum voran.

Blick auf das schwer beschädigte Al-Schifa-Krankenhaus im Gazastreifen
Sichtbare Kriegsfolgen sind allgegenwärtig: Das schwer beschädigte Al-Schifa-Krankenhaus im GazastreifenBild: Dawoud Abu Alkas/REUTERS

Schon seit vielen Monaten gibt es internationale Vermittlungsbemühungen für einen stabilen Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel. Zuletzt hatte sich am Sonntag eine Delegation der Hamas auf den Weg nach Kairo gemacht. Dort sollte sie mit ägyptischen Vermittlern über die nächsten Schritte im Waffenruheprozess sprechen. Im Zentrum stehen offene Punkte der - immer noch - ersten Phase des vor über einem halben Jahr vereinbarten Waffenstillstands. Und die Frage, ob eine zweite, vor allem aber finale Phase dort überhaupt erreichbar ist.

Die militant-islamistische, in Deutschland, der Europäischen Union, den USA und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestufte Hamas hatte mit ihrem Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 den verheerenden Krieg im Gazastreifen ausgelöst, auf den Israel mit massiven Angriffen aus der Luft und am Boden reagierte. Seit dem 10. Oktober 2025 gilt eine brüchige Waffenruhe, die immer wieder durch einzelne Angriffe unterlaufen wird.

Die bisherige Bilanz der Waffenruhe fällt jedoch aus Expertensicht ernüchternd aus. Denn die politischen Gespräche stocken - und mit ihnen die Perspektive auf eine nachhaltige Stabilisierung. Sechs Monate später sei dieses "hoffnungsvolle Versprechen weitgehend unerfüllt geblieben", heißt es etwa in einer Analyse des Norwegian Refugee Council.

Die Auswirkungen des Iran-Kriegs überschatten die Entwicklung im Gazastreifen: Öltanker in der Straße von Hormus Bild: Altaf Qadri/AP Photo/picture alliance

Verhandlungen ohne Fortschritt 

In den derzeit von den Auswirkungen des Iran-Kriegs überschatteten Lösungs- und Vermittlungsbemühungen selbst zeigen sich schon seit Langem kaum Fortschritte. Nur wenig effizient ist bislang etwa die Arbeit des von US-Präsident Donald Trump initiierten "Friedensrats" ("Board of Peace"), der - in Konkurrenz zu den UN - mit großem politischen Anspruch gestartet ist, bislang aber kaum Wirkung entfaltet. Zwar wurden institutionelle Strukturen geschaffen und milliardenschwere Zusagen in Aussicht gestellt. Doch viele dieser Mittel fließen Agenturberichten zufolge nur zögerlich oder gar nicht.

Entsprechend zurückhaltend beschreibt auch Israel- und Nahost-Experte Peter Lintl von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin die Lage: "Im Moment scheint sich alles sehr zu drehen", meint er, und zwar im Kreis: Die entscheidenden Fragen - Entwaffnung der Hamas, künftige Verwaltung Gazas, israelischer Truppenrückzug - blieben seit Monaten ungelöst. Zugleich fehle es an funktionierenden Mechanismen, um etwaige Vereinbarungen - so sie denn getroffen würden - überhaupt durchzusetzen, so Lintl zur DW.

Ähnlich sieht es Simon Wolfgang Fuchs, Islamwissenschaftler an der Hebräischen Universität Jerusalem: Die Gespräche kämen nicht voran, Fristen seien wiederholt verstrichen - so auch seine Beobachtung. Insgesamt verfestige sich der Eindruck eines diplomatischen Stillstands. Die Dynamik sei eher von Misstrauen als von Annäherung geprägt, erklärt Fuchs im DW-Gespräch.

Essensausgabe für kriegsbedingt obdachlos gewordene Palästinenser im Gazastreifen, April 2026Bild: Eyad Baba/AFP

Schwierigster Punkt: Entwaffnung der Hamas

Dabei geht es nicht nur um Details, sondern um grundlegende Fragen - und auch um Reihenfolgen, die mit den schwierigen zu lösenden Punkten zusammenhängen: So sei zwischen den Konfliktparteien weiter strittig, ob die Hamas zunächst entwaffnet werden müsse - oder ob zunächst ein militärischer Rückzug Israels zu erfolgen habe.

"Internationale, unabhängige Beobachter werden einen Prozess der Entmilitarisierung des Gazastreifens überwachen", erklärte noch Anfang des Jahres der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Mike Waltz. Solche Pläne zeigen zwar, dass es teilweise durchaus konkrete Vorstellungen für einen Übergang gibt. Doch ein solches Ansinnen setzt voraus, dass beide Seiten grundlegende Zugeständnisse machen - eben daran fehlt es bislang.

"Für Israel ist klar: erst Entwaffnung, dann Rückzug. Für die Hamas ist es genau umgekehrt", umschreibt Experte Fuchs das Dilemma. Beide Seiten verharrten damit in Positionen, die sich derzeit kaum überbrücken ließen, ergänzt er.

An einer Einigung über diese Frage hängt jedoch die gesamte weitere Entwicklung. Zugleich bleibt die Hamas trotz militärischer Schwächung ein relevanter Akteur: Ihre Strukturen bestehen trotz der harten israelischen Kriegsführung mit mehreren zehntausend Todesopfern und gezielten Tötungen von Hamas-Funktionären weiter, sie kontrolliert weiterhin Teile des Gazastreifens und wirkt dort faktisch als herrschende Autorität und Ordnungsmacht. Diese Realität erschwert jede politische Lösung zusätzlich.

Angespannte militärische Lage 

Auch militärisch bleibt die Lage angespannt. Israel setzt weiterhin auf gezielte Angriffe gegen Führungspersonal der Hamas. Dabei werden allerdings immer wieder auch Zivilisten getroffen - ein Umstand, der die Aussichten auf eine dauerhafte Befriedung der Lage zusätzlich schmälert. Der Waffenstillstandsplan der Trump-Regierung sei im Begriff zu scheitern, heißt es denn auch in einer aktuellen Analyseder internationalen Hilfsorganisation Oxfam.

Auch andere zentrale Elemente des Gaza-Plans sind bislang nicht umgesetzt worden. So befindet sich das geplante Technokraten-Gremium für die zivile Verwaltung des Gazastreifens weiterhin nicht vor Ort. 

Auch die Finanzierung des Wiederaufbaus bleibt unsicher - nicht zuletzt wegen der angespannten Lage in der Region insgesamt. Die Golfstaaten, die eigentlich einen Großteil der Wiederaufbaukosten des Gazastreifens leisten sollen, stehen durch die im Iran-Krieg entstandenen Schäden selbst unter Druck. "Raffinerien, Förderfelder und Exportterminals, die durch Raketen- und Drohnenangriffe beschädigt wurden, werden Monate - und in einigen Fällen Jahre - für Reparaturen benötigen", heißt es in einem analytischen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters. Entsprechend knapp dürften die Mittel für Gaza ausfallen. 

Palästinensische Kinder vor einem Zelt in einem Vertriebenenlager nahe der Stadt Chan Junis, Frühjahr 2026Bild: Bashar Taleb/AFP

"Spirale nach unten"

Die Folgen tragen weiterhin vor allem Zivilisten. Die humanitäre Lage im Gazastreifen bleibt prekär, vielerorts verschlechtert sie sich erneut. Versorgungslücken, steigende Preise und beschädigte Infrastruktur prägen den Alltag. Nahost-Experte Fuchs beschreibt die Entwicklung als "Spirale nach unten". Selbst dort, wo Hilfslieferungen ankommen, bleibe die Unsicherheit groß.  "Erfahrungen aus früheren Engpässen und vor allem der Hungersnot von 2025 wirken hier nach und verstärken das Gefühl permanenter Bedrohung", so Fuchs.

Gleichzeitig ist die politische Stimmungslage im Gazastreifen von außen schwer zu beurteilen. Berichte deuteten darauf hin, dass jegliche Kritik an der Hamas in deren Herrschaftsgebieten weiterhin teils brutal unterdrückt werde, sagt Peter Lintl. Dies erschwere eine verlässliche Einschätzung zusätzlich. Zugeich gibt es unter Palästinensern anhaltende Sorgen vor dauerhafter Vertreibung durch Israel.

Palästinensische Väter in Sorge um ihre Familien

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Baldiger Durchbruch unwahrscheinlich 

Er sei skeptisch, dass ein Durchbruch kurzfristig gelingt, sagt Peter Lintl. Dafür seien die politischen Kosten auf beiden Seiten derzeit zu hoch. Auch strukturelle Blockaden blieben bestehen. Dieses Bild teilen viele internationale Analysten: Ein Waffenstillstand existiert zwar und erleichtert den Menschen trotz vieler Todesopfer, Flucht, Vertreibung und Zerstörung bis zu einem gewissen Grad das tägliche Leben. Doch er funktioniert nur eingeschränkt - und eine tragfähige politische Lösung ist weiter nicht in Sicht. Der Gazastreifen scheint vorerst in einem Zustand zu verharren, der weder Krieg noch Frieden ist. Keineswegs ungefährlich, denn damit bleibt auch eine neuerliche Eskalation im Prinzip jederzeit möglich. 

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
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